Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 91 (28.9.1839)
- Date
- 1839-09-28
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225105--02172-3234739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
495 Einigung für das Prinzip des Judenthums eine neue Aera zu beginnen, in die wir das Gerümpel des Haders und die Sumpflake der Erschlaffung nicht mit hinübertcagen. Ein Jeder versteht uns wol so weit, daß wir hiermit nicht die prosaische Ausarbeitung und Herausstellung einiger trocknen Morallehren meinen, deren hat das Judenthum langst genug; auch nicht die bis zur Langweiligkeit sich immer wieder erneuernden kleinen gottesdienstlichen Reformen, wo aller Triumph sich auf einen abgeschassten Pijut vereinigt, wobei Alles bei der Erstarrung des lebenslosen Ganzen bleibt. Sondern wir meinen das große Ganze, das einer Erstarkung unb Belebung bedarf: darauf wollen wir Alle, denen das Judenthum am Herzen liegt, verweisen. Der römische Schriftsteller Sallust erzählt, einst haben viele Jahrhunderte Körper und Geist gerungen, wer die Obherrschaft haben solle in der Menschenwelt, bis endlich der Geist gesiegt, und fortan das Zepter geführt. Dieser Kampf scheint sich in unseren Tagen erneuet zu haben, wenn auch in feinerer Gestalt. Nicht die rohe Körperkraft, wol aber das Materielle, Industrielle, mit seinen Genüssen und Befriedigungen, mit seinen Bedürfnissen und Anstrengungen, hat den Kampf eröffnet gegen das Geistige, und was in dessen Gebiet hineinspielt, und sucht dieses mit aller Gewalt von seinem vorwiegenden Standpunkte zu verdrängen. Gerade im Judenthume äußert sich aber dieser Kampf auf eine bedeutsame und verderbliche Weise. Denn durch das erwachte und gestachelte Verlangen nach bürgerlicher Gleichstellung, nach industriellem Hervorthun, durch die in Folge gänzlicher oder theilweiser Emancipation eingetretene Sucht nach bürgerlicher Ehre .und Bedeutsamkeit, durch die ebenfalls bewirkte Veränderung der kommerziellen und gewerblichen Verhältnisse der Juden, die eine besondere Anstrengung und Aufmerksamkeit zur Ausgleichung bedingen; andrerseits durch das vielfache Aufgeben der, den sinnlichen Genuß umschränkenden jüdischen Gesetze — ist unter die neueren Juden die Materialität sehr hineingedrungen, verdrängte alle die höheren geistigen Interessen, die mit jenen nicht geradezu in Verbindung standen, und bewirkte für die Religion eine Abspannung und Erschlaffung, die, schritte sie so vorwärts, die übelsten Folgen haben müßte. Hierzu kommt, daß. mehrere Staaten, und unter diesen gerade einer der intelligentesten, diesen Zustand beförderten, indem sie im Gewerb und Gewerk dem Juden völlige Freiheit ertheilten, seine religiösen Institute aber gänzlich ignorirten, ja sie auf dem alten Fuße zurückhielten. Man bedachte nicht, wie gefährlich eine Masse werden könnte, die, religiöser Leitung baar, religiöser Anregung beraubt oder entfremdet, nur den materiellen Bestrebungen nachginge! — Es gilt hier nicht, es darf nicht gelten, mit leisem Worte um den eigentlichen Jncidenzpunkt herumzugehen, sondern deutlich mit den Fingern darauf zu weisen. Wenn Irgend Etwas, so war der Versuch, durch einen moralischen Hebel aus dem Schooße der Masse eine jüdisch-theologische Fakultät erstehen zu lassen, ein offenes Pulsfühlen — das aber nur ein schleichendes Fieber offenbarte. Kann es wol Jemand noch begreifen, daß eine große Glaubensgenossenschaft bestehen will, ohne Lehrer zu haben? Wo aber sollen wahrhaft gemäße Lehrer Herkommen, ohne daß wenigstens eine Anstalt besteht,' an der sie eine organische Bildung genießen können? Begreift wol Jemand außer uns, daß die Nochwmdigkeit einer solchen Anstalt nur in Frage gestellt werden könne? — Und steht man nun auf die Lauheit, mit der Geistliche und Masse diesen Versuch, mit geringer Ausnahme, ausgenommen, heachselzuckt und liegen gelassen — zu welchem andern Schluffe kann man kommen, als daß der höchste-Mangel moralischer Kraft unter uns heimisch sein muß? Bedenkt man ferner, welche Mittel diesem Versuche zu Gebote standen: ein öffentliches .Organ, das die Namen der Geber von Land zu Land trug, die bedeutendsten europäischen Zeitblättec einstimmig in dem Lobe und in der Nothwendigkeit des Unternehmens — wir wiederholen, welches andere Resultat stellt sich heraus, selbst wenn das Unternehmen durch Einzelkräfte noch jetzt zu Stande käme, als daß dem Judenthume in der Gegenwart die innere Erkraftigung fehle? Es ist ein Jrrthum, wenn man annimmt, daß diese Kraftlosigkeit durch die Reibungen alter und neuer Parteien hervorgerufen. Hier und da mag dies wohl so sein, im Allgemeinen nicht. Denn einerseits haben Reibungen eher Intensität, als nichtige Erschlaffung zur Folge; andrerseits finden diese Reibungen meist zwischen Einzelnen nur statt. Die alte Partei wie die der Neueren wetteifern aber in der Abgestumpftheit für das Allgemeine des Judenthums. Wir haben hiermit den nächsten Zweck, das.nächste Ziel im Judenthume schon ausgesprochen. Es ist die innere Erkräftigung und Einigung seiner Bekenner für die geistigen Momente de-sselben. Man wird uns aber hiernach nach den Mitteln fragen, um diesen Endzweck zu erreichen. Es ist schwer, zu einer Sammlung von Individuen, die kein äußeres, organisirtes Ganze bilden und bilden sollen, deren Verband nur in einem geistigen Mittelpunkte liegt, von Mitteln zu sprechen, die zur Belebung dieses geistigen Mittelpunktes dienen sollen, noch dazu nach dem Fehlschlagen, die einzig mögliche äußere Darstellung dieses Mittelpunktes in einer jüdisch-theologischen Fakultät, zu