Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 91 (28.9.1839)
- Date
- 1839-09-28
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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492 überhaupt darlegte. — Derselbe wird Gelegenheit nehmen, jenes talmudische System der Buße und Versöhnung in schriftlicher Abfassung nächstens zu besprechen. — ' Literarische Nachrichten. Magdeburg, 15. Sept. Angekommen: Rabbinenwahl von vr. Lowositz. Breslau 1839. — Jsrael's Wanderungen. Predigt von I. W. Klein. Bamberg. 1839. Breslau, 12. Sept. (Privatmitth.) Vor Kurzem erschien hier eine kleine, aber nicht zu übersehende Schrift über .Rabbinenwahl, die bei ihrer Durchlesung auf den Leser einen cigenthümlichen Eindruck macht. Klarheit der Form und der Gedanken, Entschiedenheit der Aussprache, und am Ende — völlige Ungewißheit in Betreff des vorliegenden Falles. Der Vers, stellt nämlich einerseits den in alter Schule gebildeten Rabbinen als den allein berechtigten, dar, insofern er den Einfiüssen der Zeitbildung, welche der jüdisch-religiösen Autorität geradezu gegenüber stehe, völlig entzogen wäre. Er befürchtet, daß der jüngere Rabbine der christlich-germanischen Bildung anheim gefallen, und nun den jüdischen Satzungen in Bezug auf Speisegesetze ff. nicht genug Heiligkeit beilege. Er empfiehlt demnächst den Gemeinden bei der Rabbinenwahl nur Rabbinen aus der alten Schule — die demnächst nur aus Polen oder Rußland zu rekrutiren. Endlich auf der vorletzten Seite besinnt er sich,,und bedenkt, daß dennoch der jüngere Rabbine eine eigenthümliche religiöse Wirksamkeit haben könne, nämlich die der Begeisterung für Religion, Recht und Sittlichkeit. Und meint nun, daß man nur eine solche jüngere Notabilität wählen solle, welche sich mit dem ält'ern Rabbinen vertragen, auf die Entscheidungen über religiöse Satzungen keinen destruktiven Einfluß üben, sondern nur in seiner eigenthümlichen Stellung durch das belebende und wissenschaftlich wie künstlerisch gebildete Wort thätig sein wolle. — Gestehen wir nun selbst ein, daß für Breslau eine solche Wahl die praktisch richtigste wäre: jo hat der Verf. dennoch, alle jüngeren Rabbinen in ein religiös-falsches Licht stellend, alle Wahlen in solchen Gemeinden, wo man nicht zwei Rabbinen besolden kann, zwei Autoritäten haben will, nur noch unzuverläffiger gemacht. Achnliche Gedanken wurden in diesen Blättern schon einmal aus Posen lautbar, aber, weil sie unentschieden, pflegen sie auch keine, entschiedene Wirksamkeit zu haben. — Abgesehen nun von dieser praktisch mehrfach richtigen Ansicht, stellt der Verf. Ansichten auf, die, trotz der Bestimmtheit, mit der sie ausgesprochen sind, dennoch aller Haltbarkeit ermangeln. Die größten Lehrer des Judenthums, Maimuni, Albo ff., namentlich aber Maimuni, haben sich durchaus nicht von den Einflüffcn der allgemeinen menschlichen, insonders nicht von ihrer Zeitbildung abgeschlossen. Maimuni bat seine Bildung aus Aristoteles, der griechischen Philosophie überhaupt, und den damaligen Arabern geschöpft — und ist. darum dennoch Jude und jüdischer Theologe im höchsten Sinne. Man treibt daher ein ganz falsches Spiel, wenn man d?.s Judenthum seiner historischen Entwickelung beraubt — wodurch aber kann eö sich historisch entwickeln, als durch die Zeiten und.ihre Bildungsstufen hindurch? Jede Zeitbildung enthält ein vorübergehendes Moment, und das Daurcnde, Ewige — nun aber die Zeitbildung immer als daS allein Falsche und Schwankende schroff logisch dem Dauernden und Ewigen gegenüberstellen — ist selbst ein Falsches, Schwankendes und Jryges, was bisweilen nur in der Zeit liegt, denn so etwas kann'auch Mode werden, wie eine Zeitlang das Mittelalterliche-Deutsche. Noch mehr aber müssen wir den Verf. einer falschen Behauptung zeihen - wenn er S. 7. sagt: „Und in der That ist die eben gedachte Befangenheit des jüdischen Theologen der neuen Generation im Allgemeinen so wenig unwahrscheinlich, daß sic in einzelnen Fällen vielmehr durch unzählige, mitunter sehr gewichtige Aeußerungcn und Thatsachen constatirt erscheint, welche insgesammt das Bestreben beurkunden, die bisherige, selbstständige jüdisch-religiöse Praxis der heutigen Civilisation, wie man sagt, eigentlich aber den nur rein- und ganz äußerlich-socialen Zumuthungen und Anforderungen anzupassen und demgemäß sehr bedeutend zu beschränken. Der gottesdienstliche Kult, die äußere, durch religiöse Satzung theilweise bestimmte Lebensweise, mit einem Worte, daS ganze äußere jüdisch-religiöse Leben soll nämlich mehr den heutigen Begriffen und dem heutigen Geschmack entsprechen, damit, wie man gutmülhig meint, der bürgerlichen Gleichstellung, kein Hinderniß mehr im Wege stehe, damit man in der Gesellschaft kein Aergerniß gebe und auch sich ihr nicht zu entziehen nöthig hätte und endlich damit man so wenig als möglich weiter die Vortheile entbehre', auf welche man in einem durch religiöse Satzung beschränkten Verkehr bis jetzt vielfältig habe verzichten müssen." Dies wären die einzigen Momente der neueren jüdischen Theologie? Nein — dann wären sie allerdings die einseitigste, die je gewesen! 'Nein, es ist auch ein Moment der neuern jüdischen Theologie, die die Nambam obenan stellt, und die von den Rabbinen der alten Zeit so schrecklich vernachlässigt wurde, wieder in das Judenthum zu bringen, diese W1*! zu bearbeiten und in das Gewand der Wissenschaft zu schlagen, diese des Judenthums als die allgemeine Wahrheit zu verkünden! Dieses Amt der neuern jüdischen Theologie kennt der Herr Or. Lowositz gar nicht, und bekennt sich doch als Doctor phiiosophiae? Durch diese das in Verfall gerathene Judenthum zu heben und in seinen Bekennern wieder wurzeln zu lassen, das ist auch ein Beruf der neuern jüdischen Theologie, und diese kennt der Herr Dr. L. auch nicht? Nun so schreibe er nicht darüber! — ■— Noch Einiges das nächste Mal. Tages-Controle. Das neue Jahrhundert. Dritter Artikel. (Fortsetzung und Schluß.) Kehren wir nun aber dennoch zur nächsten Gegenwart zurück, blicken wir auf das, was uns am nächsten Roth thuet: so ist es eine .moralisch-religiöse Einigung und Hebung, die dem Judenthume nach so vielen Wirren und Kämpfen nothwmdig, die zur Bedingung der nächsten Entwickelung und Förderung geworden. Die Kritik, deren Hauptelement die Kraft des Zersetzens ist, hat schon genug ihr Werk im Großen und Kleinen gethan; die Verhältnisse haben sich bereits genugsam auseinandergeschlagen, um den alten Zustand je wieder sich condenstren zu lassen — jetzt, wo wir im bürgerlichen und religiösen Gebiete zu einem gewissen Stillstände gekommen, von wo aus es sich voraussehen laßt, daß wir Nichts vermittelst einer großen Umwälzung zu erwarten haben, sondern nur durch ausdauernde, ruhig gemessene moralische Kraft Schritt vor Schritt erobern können — jetzt ist es an der Zeit, durch Erhöhung des innern moralischen Geistes, durch Belebung der geistigen Kraft des Iudenthums, durch eine allseitkge