Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 90 (21.9.1839)
- Date
- 1839-09-21
- Page
- Seite 483 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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483 unmußte zu diesem Behufs von Vorn an zuerst die Sache, dann den Beweis und zuletzt das System entwickeln. Nach einem achtjährigen unausgesetzten Studium, veröffentlichte ich mein erstes Werk les institutions et les loix de Aloise. Ich war weit entfernt auf den Erfolg zu rechnen, doch freute es mich, daß dies Werk unter der höhcrn Welt Anerkennung fand. Die dritte Auflage ist bereits erschienen. Obschon also dos Resultat meines Systems mir bekannt ist, so mußte ich systematisch wiffenschaftlich fortfahren. Ich mußte also vorerst eine genaue kritische Geschichte des Christenthums, seine Entstehung und seine Entwickelung bearbeiten, ein Werk, woran ich zehn Jahre arbeitete — dies Werk ist daS jetzt erschienene lesus Christ et §a doctrine. Ich nehme hier selbst das Wort ohne irgend.eine Bemerkung über diese Biographie zu machen, aber daß dieses Werk, abgesehen von dem historisch kritischen Schatz den es enthalt, . ein Meisterstück ist, das hier mit jedem Tage mehr Aufsehen erregt. Ich werde einige Stellen daraus für Ihr geschätztes Blatt übersetzen, obschon ich in einigen Punkten nicht des Verfassers Meinung bin. ^Herr Salvador arbeitet jetzt an einer Geschichte der religiösen Kämpfe des Judenthums mit'ollen Völkern, was er glaubt, das drückt sein Werk schon deutlich auS. Ich fragte ihn, ob nicht die legislatorisch fundamentale Reformation des Mosaismus, die idee inere des penple-principe, so, heißt er daS jüdische Volk, die er im Kopfe'hat, bald erscheinen wird, dazu, antwortete er mir, muß man graue Haare haben, als Autorität anerkannt sein und mit einem Fuße im Grabe stehen. Sicher ist's aber, daß alle seine Werke dahin zielen. Salvador ist von mittlerer Größe, sanften Charakters und sehr lieblich.^ Sein Wort fließt wie Honig von seinen Lippen, ruhig, gewiß'," aber richtig und treffend^ Sein linkes Auge schielt etwas, cs scheint fast, als müßte jeder große Mann eine körperliche Ungleichheit haben. Salvador lebt zurückgezogen und blos seinen Studien eine halbe Stunde von Paris entfernt. Sein Benehmen und seine ganze Art fesselt ungemein. Ich hatte das Vergnügen mich einen ganzen Vormittag mit ihm, und zwar ohne Rekommcndaten, zu unterhalten, obschon mich jedeS'tunde 38 Sous kostete, da ich ein Cabriolet bei mir hatte. Hingegen war ich mehr Jude, als ich ihn verließ. Salvador lebt mit seinem Verleger, einem reichen gebildeten Christen, in dem innigsten Freundschaftsverhältniß; so wie man überhaupt hier keinen Unterschied zwischen Jude und Christ kennt. C o r r e s p o n d e n z e n. Zloczow in Galizien*). Bochan Zadik. Erwiderung**). Das kürzlich erschienene Werk (Prag, 1838, bei M. I. Landau) erregt jetzt unter der galizischen Judenschast, für welche eS vorzüglich berechnet ist, allgemeines Aufsehen und Interesse. Derselbe PseudvnymuS Obadjah, der als Verfasser des Werkes (Wien, 1820^bei A) Strauß) bekannt ist, nennet sich (Siehe.,Len-zweitenund -letzte«-'Brief) auch den Herausgeber diest^sSckches. Form, Styl und Charakter beider Werke setzen üüch^wrrklich. die Identität des Verfassers außer °) Etwas verspätet. % R edakt. °°) Wir geben die folgende Erwiderung, theils weil sie über das genannte Werk und dessen Verfasser genügenden Aufschluß giebt, rheilS 'veilnur durch Diskussion die in Galizien so tief schlummernde Thatkraft für Religion und höhere Bildung derselben geweckt werden kann — ein Umstand, den der Verf. dieser Erwiderullg hätte hervorbeben sollen, um den Verf. des 8. z. zu rechtfertigen. Redakt. Zweifel. Beide sind in brieflicher Form abgefaßt. In beiden ist der Styl meist populär, die chasidäische Schreibart kunstvoll nachahmend und persiftircnd, zuweilen aber, wo es der Gegenstand erheischt, sich bis zum Erhabenen erbebend, kräftig ergreifend unhinreißend. Manch bemerkenvwerthcs Muster dieser Arr, bietet besonders das letzkerschienene Werk dar. (Man lese die letzten Briefe.) Beide schwingen die Geißel der Satyre über eingewurzelte Thorheitcn und Laster; doch während in dem frühem Werke bloß die Sekte der Chasidim, ihre Verkehrtheiten, Extravaganzen und schädlichen Grundsätze, durch die Hechel gezogen werden, ist eS die Tendenz des neuern Werkes die Gebrechen und Untugenden auch anderer Klassen unserer galizischen Brüder aufzudecken, in ihrer Schädlichkeit darzustellen und manchen beherzigenswerthen Fingerzeig zu geben, wie diesen Uebeln zu steuern sei. Es würde uns zu weit führenwollten wir hier in den Plan des letzten -Werkes und in die meisterhafte Durchführung - desselben tiefer eingehen. Jedoch können wir nicht unbemerkt lassen, daß des' geehrten Verfassers bekannte heiße Liebe zu feinem Volke — wie^fchr auch Gleißnerci, die keine andere Liebe kennt, als etwa die zu sich selbstuns vom Gegentheile überreden möchte — shn auch in dieser Schrift keineswegs verlassen hat. Folgende Stelle möge dieß bewahren: (Brief 19, S. 81). „Und so wie es mich anfänglich gefreuet, von Euerm Wohlsein und Euerm Wirken zu hören, so füllten'Trauer und Betrübniß meine Seele, als ich aus Euerm Briefe nun auch die Handlungsweise Einiger aus unserm Vobke entnahm)' welche R. Obadjah enrdüllte, ba—e-r'tfTi'tcr ihnen weilte, um ihren Wandel zu erforschen. Mein ^Eingeweide kochte"'beinn-Lesen ^derselben. Ich konnte mich nicht enthalten des Weinens über die" Trübsale meines Volkes. . Mein Volk! rief ich, das ich liebe mit aller Liebe meiner Seele! Wer, dich gekannt, als du ein Banner warst den Völkkrn, wer dich gesehen in deinem Glanze und deiner Herrlichkeit, oder wer gelesen deine Thaten und deine schönen Gebräuche in den göttlichen Büchern, welche uns vererbt haben unsere heiligen Vater u. s. w." — Daß die im ausgesprochene Rüge sich nicht auf alle Klassen erstreckt, beweisen folgende Stellen: (Anmerkung zu Brief 18 auf derselben Seite.) „Es steige nicht in dem Herzen des Lesers der Gedanke auf/daß wirklich alle Kinder rinfers Volkes in Polen, verirrt scien^und es keine rechtschaffenen Männer mehr unter ihnen gebe. Fern sei dieser Gedanke! Daß aber R. Obadjah bloß die Verdorbenen gesehen, geschah deßhalb, weil er nach der Erforschung und Ergründung der Ursache und Quelle strebte, in Folge deren sich der Wandel und die Sitten unseres "Volkes jetzt anders gestaltet, als der Wandel und die Sitten unserer heiligen Väter gewesen; wie dieß der Leser aus den folgenden Briefen ersehen wird" — (Brief 24, S. 88). „Auch ich weiß es wohl, daß Israel nicht ganz verwaist, daß sich auch jetzt unter unserem Volke zweifelsohne Männer finden, rechtschaffenen Herzens und gotteSfürchtig und treu anhängend dem Ewigen unferm Gotte und seiner Tora." (Brief 34, S. 107.) „Und ich zweifle nicht, daß eö auch in unserm Lande Männer gibt, bieder und gotteSfürchtig, die sich der Tom und edler Handlungen befleißen, und würdig sind, gezahlt zu werden unter den Redlichen. Allein wie ich aus deinem Briefe schließe, sind die Wege des Rechtschaffenen den Wegen der Sekte (Chasidim) schnurstracks entgegen." — Eben so zeigt der Verfasser seine Unpartheilichk^bei der Schilderung einiger Charaktere in einer ansehnlich?wGedicinde, indem er folgendes vorausschickt: (Brief 13, S. 58.) „Vor Allem wisse, daß ich hier Männer kenne, alt und jung, welche in Wahrheit Männer sind, von bravem und rechtlichem Charakter, edlem Wandel, kenntnißreich und einsichtsvoll und> welche eine Macht und einen Namen haben in Wissenschaften und Sprachen." — Solche und ähnliche Stellen beweisen zur Genüge, daß der Verfaiier nicht Alles von der schlimmen Seite sehen wollte, und daß lediglich warme Liebe für seine Glaubensbrüder und der Wunsch, sie aus ihrer moralischen Versunkenheit zu reißen, seine . Feder geleiter, und es, dürste nun gewiß kein unbefangener israelitischer Leser, dem die sittliche Verbesserung seiner Mitbrüder am Herzen liegt, daran einen Aerger nehmen, daß der Verfasser hin )und wieder das rügt, was gerügt zu werden verdient. Haben