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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-09-07 · Heft 88 (7.9.1839) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 88 (7.9.1839)
Date
1839-09-07
Page
Seite 459 (sequence 15)
Language
German
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459 und in bester Gesundheit erhalten möge, so wie Du es selbst wünschest und wie cs wünscht Dein Endesunterschriebener Freund, der stets sich um Deiner Freundschaft bewirbt, und zu Deinen Befehlen sich stets bereitwillig findet. Einer der'geringsten unter den Nicht-Israeliten, Johannes Neuchlin von Pforzheim, Doctor. In diesem Briefe beruft sich Reuchlin auf sein eigentliches Gutachten, welches er in seiner Vertheidigungsschcift „dcr Augenspiegel'^ niedecgclegt hat. Wir theilen daher einen Auszug daraus mit, zu dem wir den edirten Texr von Mayerhoff (Berlin 1836) vor uns haben. Wir haben indeß den alten schwäbischen Dialekt in's Hochdeutsche übertragen. Da die Gründe der Gegner der hebräischen Schriften aus dem mitgetheilten Briefe unfern Lesern bereits bekannt sind, so gehen wir sogleich auf die Gegengründe Neuchlins über. Vor Allem führt R. kurz die einfachsten Gründe des Naturrechts an, und verweist auf die Anerkennung der Gewissensfreiheit, dann um die Frage, ob die Bücher der Juden dem Ehristenthum Abbruch thäten, zu entscheiden, lheilt er die Bücher derselben in 7 Klassen, nemlich 1) das alte Testament. — 2) Der Talmud oder die Auslegung aller Gebote und Verbote, welche in den Büchern Moses enthalten sind (613 an der Zahl). — 3) Die Eabbala oder die hohe Heimlichkeit der Reden und Wörter Gottes. — 4) Die Commentarien und Glossen über die Bibel. — 5) Predigten, Disputationen, Sitten - und Andachtsbücher. — 6) Schriften über Philosophie, freie, natürliche Künste. — 7) Gedichte, Fabeln, Erzählungen. — Da wir jedoch nur R's Gründe für den Talmud hier mitzutheilen beabsichtigen, so übergehen wir alle Uebrigen bis auf diese. Nachdem er über die Entstehung des Talmuds sich ausgelassen, fahrt er fort den Inhalt desselben anzugeben, welcher nach seiner Angabe Theologie, Gesetze, Kirchen- Recht und Medicin, gleich der übrigen Wissenschaft, die'in vier kaeultAlos 8uporiore8, nemlich: tbeolngiaui, 1eg68, Canons, medicinam, getheilt ist, zerfallt. Vor Allem bedauert R. es sehr,- daß cr den Talmud bisher noch nicht einmal habe zum Lesen erhalten können, viel weniger zum Kauf, wiewol ec gern zweifach dafür bezahlt hatte. Auch habe es ihm an einen Lehrer gemangelt, da bei seiner Lebenszeit sich kein Jude in den deutschen Landen getauft haben soll, der den Talmud verstanden hätte, ausgenommen der Hochmeimeister zu Ulm, der aber bald hernach wieder in der Türkei zum Judenthume zurückgekehrt sei. Er könne deshalb darüber kein Urthcil fallen. Und er könnte wol Aberglauben und Jrrlhum enthalten, jedoch ist man nicht berechtigt, ihn zu verbrennen oder zu unterdrücken, da das, was die Vernunft irren muß, auch göttlich sei, damit der wahre und rechte Glaube hervorkomme. Diese Bücher kann man überdies nicht als Bücher von Ketzern betrachten, da die Juden ja nicht Abtrünnige oder Häretiker sind, sondern die Christen aus ihnen hecvorgegangcn, nicht hatten sich die Juden von den Christen losgerissen. Und auf andere Weise sie zu verbrennen, weil man sie nicht mit Vernunft und Wahrheit widerlegen kann, ist gewiß nicht der rechte Weg, und nur ein Bachantenargument kann man das nennen, wenn wo das Wort nicht ausceicht, mit Fausten darin geschlagen würde. Was könnte wohl die Christen rechtfertigen, wenn sie ein Buch abschaffen, das sie nicht gelesen, noch verstanden haben. Nun aber könnte man einwenden, es hatten doch so Manche dem Talmud so schädliche Dinge und Worte zur Last gelegt, wie- Pfefferkorn rc., allein da ich Manche wiederum gekannt habe, die den Talmud nie gelernt haben, und dennoch dagegen geschrieben, darum soll mich auch das Schreiben Dieser nicht irre machen, da sie es doch nicht sicher nachgewkesen haben. Im Gegentheil wäre der Talmud zu verbrennen nützlich und recht gewesen sein, so würden unsere christliche Vorfahren, die vom wahren Glauben oft mehr getrieben waren, als unsere Zeitgenossen, denselben langst gerichtet haben, aber sie haben nicht einmal etwas, im Geringsten nur, dagegen geschrieben, und am Fernsten lag es ihnen wol, diesen gar zu verbrennen! Aber wollte auch Jemand behaupten, der Talmud enthalte nur Schlechtes, so urtheile er ganz unwissend, denn schon der medicinische Theil desselben sei ja vielfach nützlich, und nicht weniger der juridische und philosophische, und der so manches geschichtlich Wichtige enthalte. Der verständige Christ müsse, wie eine Biene, aus allen Schriften der Juden wie der Heiden das Nützliche und Gute gleichsam heraussaugen; ärgert sich aber der Unverständige daran, so liegt das an feinem Unverstände, nicht an den Büchern. Denn so wenig cs der Blume Schuld ist, daß die Biene aus ihr Honig und die Spinne aus ihr Gift saugt, sondern cs einzig und allein .der Thiere Eigenschaft und Natur ist, so findet man auch Leute von böser Natur, die gute Worte in böse Meinung verwandeln. Nun gibt es aber noch Leute, die schlicht einfältig, ohne höhcrn Verstand sind, die da die Schrift in diesem Sinne nahmen, wie es wörtlich lautet. Und ist es nicht boshaft, eine Schrift nach dem Buchstaben verstehen zu wollen, da wir wissen, daß die alten Weisen ihre höchste Kunst und Weisheit bisweilen unter thöricht scheinenden Reden, bald durch Aenderung des Worts, der Sprache, ja des Buchstaben, wie es die Egyptiec gethan; und wollten wir beim Worte klehen bleiben, so müßten wir selbst die heilige Schrift verwerfen und verspotten u. s. w. Sollten

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