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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-09-07 · Heft 88 (7.9.1839) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 88 (7.9.1839)
Date
1839-09-07
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 fahr eine Viertelstunde weit von dieser Hütte lag ein-Dörfchen, zu welchem ein Fußsteig durch die sumpfige Waide führte, die jetzt hie und da eine dünne Eisdecke mberzog und auf der man weit und breit die Spuren des vom Hunger gejagten Wildes erblickte. In der einzigen Stube des Häuschens brannte eine Lampe auf dem eichenen Tische, noch stand die Habdalakerze mit dem silbernen Gewürzbüchschen in der Ecke des Fensters, zu Eise gefroren war das Getränk, welches dem scheidenden Sabbat zur Libation vergossen worden war, noch war das Gebetbuch aufgeschlagen mit dem Segensspruche: „und er wird dir geben vom Thaue des Himmels." Hattest du. hineingesehen, mein Leser, in dies Buch, ach es war keines mit Goldschnitt und glänzender Decke geziert, das nur selten vom glücklichen Beter zur frohen Festesfeier dem Schreine entnommen wird, seine Blätter waren mürbe vom vielen Umwenden und Spuren fandest du auf ihnen von Thränen, die in bittrer Noch geweint waren, vielleicht schon vom Großvater geweint. — So, war es die erste Nacht zur Woche, zu den Werkeltagen, die ihre Arbeit und ihre Last bringen, zu den Werkeltagen, die nimmer wiederkommen, wie der Sabbat wiederkommt, die wieder Niederdrücken, wo der Sabbat aufgerichtet. Heiliger Wechsel >es Lebens zwischen Frieden und Ärekt, zwischen Wehmuch und Lust, zwischen Arbeit und Ruhe. Schon regten sich die Schläfer und doch hatte die alte Wanduhr erst drei geschlagen; der Mutter Auge kennt keinen Schlummer, wenn der Sohn scheiden soll,- ihr Herz ist so gepreßt, so beengt, wenn er die weite, weite Welt sucht, wo ec der Herzen viele findet, die noch kalter sind, als des Winters Frost, der Wege viele zu durchwandern hat, rauher als der Steig zum Dorfe. Und auf der Brust des Vaters liegt's zentnerschwer, wenn er das geliebte Kind entläßt in die Fremde, deren Gefahren er kennt, von der auch er einst zurückgekehrt, reicher an herber Erfahrung, ärmer an Frieden der Seele. „Steh' auf, steh' auf, mein Sohn," rief Joachim einem Jüngling zu, der auf hartem Lager sanft schlief, „es ist die letzte Nacht im Hause des Vaters, laß uns den Morgen noch in trautem Gespräch verbringen, daß ich die Seufzer der Mutter nicht höre, laß uns noch einmal die schöne Stelle durchlesen, die uns am gestrigen Sabbat beschäftigte, laß uns, mein Sohn, noch einmal zusammen beten!" Hier perlten die Thronen über die eingefallenen Wangen des Mannes, ein leises Schluchzen hörte man vom Ofenwinkel her, in welchem die Mutter niedergekauert schon den Frühtrank bereitete. Der Jüngling wachte auf, . die verworrenen Traumbilder zerstreuten sich, er brachte die schwarzen Locken zurück, die das blasse. zarte Angesicht bedeckten, und sah mit glanzenden Augen den Vater an. Bald erhob auch er sich.' „Ich schaue zu dir, o Herr, der mir stets zur Sekte .ist," das war der erste Ausruf, mit dem er den Morgen begrüßte. Schweigend stellte er sich an das eine, der Vater an das andre Fenster, beide schauten sie in die Haide hinein, beide beteten so laut, als wäre es in versammelter Gemeinde, es waren nur drei Menschen, aber es war eine Gemeinde des Herrn. Nie hatte das Laster diese Schwelle betreten, nie war der Unfriede auch auf Minuten hier heimisch geworden, abgeschieden von der ganzen Welt,' kannten sie ihre Leiden und Freuden nicht, war sie dem schon greisenden Vater ein verlorner Schacht, Mutter und Sohn ein verborgnes Zauberwerk, von welchem sie nur zuweilen leise Töne vernahmen. Armuth, schwere Armuth, war das Loos der Familie. Früher bestand des Vaters Erwerb im Aushauen der Leichensteine für die großen Gemeinden Polens; auf Schlitten zog er diese einfachen Monumente aus den benachbarten Steknbrüchen, und grub darauf die hebräischen Charaktere. Jetzt war durch die anstrengende Arbeit, die Gesundheit zerstört, und sie lebten von dem Ertrage, welches der Mutter Gespinnst von Schaufaden gab. Da saßen sie nun alle drei zusammen, das letzte Sabbatbrod wurde von den Männern Lebrochen und verzehrt, die Mutter packte die wenigen Habseligkekten Josephs zusammen, und indem sie über den Rauch klagte, den der zerborstene Ofen von sich gab, rieb sie die Thränen aus den Augen, denn sie wollte das Herz der Männer nicht erweichen. Vater und Sohn waren in tiefem Gespräch begriffen , sie waren gestern in der Vespersiunde des Sabbats auf das Thema des Maimoniden gekommen, wie sich die Bestimmung des Menschenschicksals durch das höchste Wesen mit der Freiheit des erstgebornen Sohnes der Schöpfung vereinigen lasse, beide erschöpften in rabbinischer Disputation ihren Scharfsinn, aber immer mehr verlor sich das eifernde .Gespräch, denn das Gemüth beider war von der nahen Scheidung niedergedrückt, immer sanfter wurden die Worte, immerherzlicher die Anrede, bis Joseph ehrfurchtsvoll schwieg und dem Vater nachgab, der durchaus den Maimuni tadelte, daß er dergleichen Spitzfindigkeiten in's Gebiet des Glaubens gezogen. . Die Stunde rückte immer näher, wo der Jüngling feinen Weg antreten sollte, denn noch vor Tagesanbruch mußte er im Dorfe sein, um mit einem jener wandernden Buchhändler, die die Produkte jüdischer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit von Stadt zu Stadt, von Markt zu Markte tragen, die Fußreise nach Deutschland anzütreten. Dort sollte er die Welt kennen lernen, dort zu den Füßen gelehrter Rabbinen die. vom Vater erlangte

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