Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 88 (7.9.1839)
- Date
- 1839-09-07
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
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450 ahmen mögen; damit wir in seiner Hand Werkzeuge werden zur Erfüllung jenes glorreichen Prophetenwortes, „die Erkenntniß Gottes wird die Erde füllen, wie das Wasser das Meer füllt:" wenn „der Herr wird Eins sein und sein Name Einö!" Rcgents Park London, Juni 1839." (Bemerkung des deu tschen Einsenders dieses Artikels: Mit tiefer, tiefer Beschämung machen wir unsere Leser auf dieses ächt englische Phänomen aufmerksam: ein junges, hübsches, reiches, vornehmes Mädchen widmet ihr Talent und ihre Zeit der Uebersetzung israelitischer Predigten; mit ihrem vollen Namen tritt sie auf, und redet zu ihren Glaubensgenossen zuerst, und dann zu ganz England; sie schmeichelt sich gewissenhafte Christen zu finden, die sich durch diese Lektüre von ihren Vorurtheilen gegen das Judcnthum heilen lassen; und das Alles lhut sie, ohne von ihren Umgebungen für altmodisch oder toll erklärt zu werden, ja mit.deren vollem Beifall-1 o, wenn cs irgend eines Fingerzeiges bedürfte, um uns die Erbärmlichkeit unsres innern und äußern Zustandes in Deutschland recht klar zu machen, so ist es diese Erscheinung'. Oder sollen wir uns etwa daran trösten, daß wir besser in metaphysischen Floskeln reden können' —) Hamburg«, 23. Aug. (Privatmitth.) In Commission bei Perthes, Besser und Mauke hier ist erschienen: „das Verhältniß der Juden zu den Christen vom religiösen, moralischen und politischen Standpunkte betrachtet." Ein aufgewärmter Kohl von Sachen, die wir schon früher und mitunter in weit pikanterer Einkleidung gelesen haben, z. B. daß Joseph schon in Aegypten die Kornpreise aufgetrieben habe; daß 300,000 heimliche (!!!) Juden in Spanien „fürchterlich Hausen," und an allem Unglück'dieses Landes schuld sind. Schließlich ein Vorschlag zur Uebersiedelung der deutschen Juden nach Amerika, aber Gott bewahre nicht in Massen u. dgl. in. Der Preis ist sehr billig, nur 1 Thlr. 4 gGr. gestellt: wer möchte die nicht gern für solche. Weisheiten ausgeben 1 Tages-Controlc. Das neue Jahrhundert. Zweiter Artikel. Wir haben die merkwürdigen Resultate des ablaufenden Jahrhunderts möglichst mit einem Blicke zu überschauen gesucht, wir haben sie nicht allein befriedigend, sondern sogar bewundernswerth gefunden, wir haben in ihnen sowol die Elasticität des jüdischen Geistes, als auch die Entwickelungskraft der Gesellschaft, welche halb willig halb unwillig zur Consolidirung der jüdischen Verhältnisse gedrängt wird, angestaunt — wir haben daran aber nur, noch ein einseitiges Bedürfniß befriedigt, denn es gilt auch, mit Bewußtsein in das neue Jahrhundert Hinüberzusch reiten, mit vollem Bewußtsein nicht bloß dessen, was wir schon als die Vergangenheit des verflossenen Jahrhunderts anzusehen haben, sondern auch dessen, was die Gegenwart des Zeitmoments ausmacht. Stehen wir einmal daran, eine neue Zeit zu begrüßen, so würde es uns schlecht stehen, bloß den Panegyriker, den Lobhudler des Gewonnenen und Errungenen zu machen, ohne auch dessen umritt--, telbare Wirkung und Umgebung zu erörtern, ohne uns klar zu machen, was auch die neue Zeit zu thun, zu des» sern und zu heilen habe. Gehen wir zuerst nach Außen. Wenn die staatlichen Verhältnisse in mehreren Gegenden der _Erde für uns besser geworben, wenn die laute Stimme der Vernunft und des Rechts aller Orten für uns gepredigt hat — mußte nicht gerade das Gefühl der Benachtheiligung, der Zurückstoßung, der Verachtung da, wo jene Beschränkungen noch immer eisern festgehalten werden, von uns. desto schmerzlicher empfunden werden? muß es nicht um so grausiger unser innerstes Mark durchbeden? Hat uns nicht dennoch die Volksmasse an vielen Orten grausam zurückgestoßen? Liegen die Hepp-hepp-Zeiten so lange hinter uns, daß wir ihre Fibration nicht noch verspüren sollten? Sind nicht die Gelegenheiten und Platze, wo die Gesellschaft sich hartnäckig uns verschließt, immer noch unzählbar? Laßt sich die öffentliche Meinung, selbst in das Gewand der Intelligenz geschlagen, trotz allem Ankämpfen, nicht tausendfach wider uns vernehmen, und wird sie da nicht stets noch mit Begierde vernommen und wiederholt? Hat da nicht die ganze Festständigkeit unsrer verbesserten Stellung den Schein des Truges, so daß die Aufklärung über ihr wie ein bewegliches Meer erscheint, welches von allen Seiten immer wieder durch Sturmwolken aufgeregt zu werden droht? — — Tauschen wir uns daher nicht, stimmen wir d.as Hosiannah noch nicht zu. frühe an/ denn es bedarf noch unsrer vollsten Aufmerksamkeit, unsres regesten Eifers, unsrer höchsten Anstrengungen. Wir leben in einem Hause mit gläsernen Wänden, wo unsre leichteste Bewegung beaugenscheint wird, und dieses Haus.hat noch keinen Grund, daß wir fest darin auftreten könnten; es ist Alles noch ein Schaffen im leichtbewegten Luftreiche, nicht auf festem Boden, und aufsteigende Dünste könnten es bald zusammendcücken! Gehen wir nach Innen. Die Bewegung, die sich im Judenthume bethatigt hat, sie hat zugleich alle Einheit in demselben vernichtet, sie hat seine Wurzel zerfressen, seinen Boden verrückt , seine Glieder verrengt, ohne aber ihm eine neue Gestaltung gegeben, eine neue Festigkeit verliehen, einen neuen Zusammenhalt geschaffen zu Haben. Sie hat bis jetzt immer nur .noch zerstört, ohne aufzubauen. Sie hat ihm seine Gesetze zurückgedrängt, ohne die ewiggültigen zu bewahren; sie hat ihm seine alte Bahn verschlossen, aber hinausgestoßen in die weite Welt, so daß, wer noch ein Bestimmtes, ein Sicheres und Festes haben will, immer doch zu dem Alten zucückkehren muß. Sie