Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 88 (7.9.1839)
- Date
- 1839-09-07
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225102--02124-3234688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
448 durch Se. Maj., im Vereine mit den andern vier Großmächten, die Stadt und das Weichbild von Jerusalem, woran sich die teuersten und heiligsten Erinnerungen der gesammten Christenheit knüpfen, für immer emancipirt und aus gemeinschaftlichen Mitteln — in der Art wie vordem Griechenland — unterhalten werde, ein Ziel, das gerade bei den jetzt dafür so günstigen Constellationen und unter der Mitwirkung zweier Herrscher, die den Titel der allerchristlichsten und apostolischen führen, um so zuverlässiger erreicht werden dürfte." —. Im Winterhalbjahre 1839(40 liest Prof. Hengstenberg, nach dem eben erschienenen Lektionskataloge „die Geschichte der Juden." Da derselbe von dem Standpunkte ausgeht, daß in der Geschichte dieses Volkes sich ganz besonders die Hand der Vorsehung in ihrem planmäßigen Verfahren erkennen läßt, dabei aber dennoch vom christlichen Gesichtspunkte ausgeht, so muß diese Vorlesung ein eigenthümliches Gemisch jüdischer und christlicher Ansichten darbieten. Oesterreich. Lemberg, 13. Aug. (Privatmitth.) Ich theile Ihnen das wichtige Ereigniß vom Ableben des im orthodoxen Judenthume hochberühmten Lemberger Kreksrabbinen Herrn Jacob Ornstein mit, der am 5. August 1839 im 64ten Lebensjahre durch einen Necvenschlagfluß dem Leben entrissen wurde. — Dieser Todesfall kam zu unvermuthet, um vor der Hand noch Resultate für die Zukunft folgern zu können. Thatsache jedoch ist's, daß mit diesem Manne in Galizien die letzte Größe talmudischer Hochberühmtheit, und die höchste orthodoxe Celebritat zu Grabe ging. — Reich, mächtig, von allen Frömmlingen hochverehrt und bewundert, stand diese in den veraltetesten Satzungen und obscursten Vorurtheilen großgezogne und erstarkte Persönlichkeit wie eine Ruine aus dem Mittelalter unerschütterlich und drohend da, jede neuere Bestrebung verpönend, jeder Veränderung widerstrebend, jedem Fortschritte mit aller Kraft hindernd entgegenschreitend! — Möge aus dem Grabhügel dieses Mannes der guten Sache in Israel eben so sehr edlerer Gewinn, und höherer Erfolg erwachsen, als dessen vierzigjährige rabbinische Wirksamkeit aller moralischen und intellektuellen. Entwickelung geistiger Zustände hinderlich und verderblich war! — Hoffentlich wird es der weisen und hochherzigen österreichischen Regierung gelingen, einen Mann an die Spitze des Cultus der großen und einflußreichen Lemberger Judengemeinde zu stellen, der durch ausgezeichnete talmudische und theologische Fähigkeiten eben so sehr den Ansichten der Strenggläubigen, als im Einklänge mit dem Geiste der Bildung und des Fortschrittes, den Anforderungen und Bedürfnissen der Zeit entsprechen dürfte! — Wien, 1. August. (Privatmitth.) Wie überhaupt bei uns Alles im Stillen vorbereitet, und geräuschlos ausgeführt wird, so wird auch die, anderswo so viele Debatten veranlassende Judenfrage leise und unvermerkt einer befriedigenden Lösung immer näher gebracht. Dies zeigt sich vorzüglich in dem Vorschübe, welchen unsere gerechte und humane Regierung allen, Religiosität, Bildung und Gewerbsbetriebsamkekt unter den Israeliten befördernden Instituten angedeihen läßt;, in der Bereitwilligkeit, mit welcher jedes Streben nach dem Bessern von Seiten der k. k. Behörden unterstützt wird. Darum werden die zeitgemäßen Verbesserungen, zumal die, welche Erziehung und Schule betreffen, und denen bei uns, wie billig, die größte Aufmerksamkeit geschenkt wird, immer durchgreifender, immer allgemeiner, immer segensreicher. Aber nur sehr wenige neuere Institute israelitischer Gemeinden haben eine so zweckmäßige Einrichtung wie die, unter dem gnädigen Schutze unseres allgeliebten Landesvaters emporblühende Unterrichts¬ und Arbeitsanstalt in Nicolsburg in Mahren, welche vielen Gemeinden in unserm theuern Vaterlande, vielleicht auch außerhalb der Grenzen desselben, zum Muster dienen dürfte. Es ist nämlich allgemein gefühltes Bedürfniß, daß der Unterricht in Bibel und Religion auf eine einfachere, minder zeitraubende Weise eingerichtet werde. Der rein moralische Religionsunterricht nach dem vorgeschriebenen Lehrbuche Bene Zion genügt der positiven Glaubenslehre eben so wenig, als der herkömmliche Bibel- und Religionsunterricht dem geläuterter» Geschmack der Gegenwart genügen kann. In manchen Gemeinden hat man versucht, Bibel und Religion in eigenen Schulen auf eine wirksamere Weise zu lehren. Es sind aber bei der Trennung der Religionsschule von der Trivialschule Collksionen und Mißverständnisse beinahe unvermeidlich, wie jeder, der die österreichische Schulverfassung kennt, sehr leicht einsehen wird. Die Nicolsburger Gemeinde läßt in Folge der im Laufe dieses Jahres vorgenommenen Verbesserungen das Hebräische und die deutschen Schulgegenstände in Einer Schule lehren, und das Streben des Schulvorstandes geht jetzt dahin, der bisherigen Trivialschule höhern Orts die Creirung zur Hauptschule auszuwirken, und derselben die, einer großen, über 600 Familien zählenden Gemeinde würdige Einrichtung zu geben. Mit dieser Schule, welche seit 4 Monaten wirksam ist, steht eine Arbeitsanftalt in Verbindung, in welcher Knaben, welche das dreizehnte Jahr überschritten haben, und zum Schulbesuche nicht geeignet sind, Gelegenheit haben, Handwerke zu erlernen. Schon sind 40 Knaben in dieser Anstalt beschäftigt, welche in schönstem Fortschritte begriffen ist, und der Jedermann das herrlichste Gedeihen wünscht. Das Streben des Herren Aron Karpeles, Hirsch Kolisch, Franz Pater und Moses Trebitsch, welche sich um Schule und Arbeitsanstalt so sehr verdient gemacht haben, erfreut sich von Seiten der Behörden der gerechtesten Würdigung und der freundlichsten Unterstützung. Der durch seine Gerechtigkeit und Humanität allgemein verehrte k. k. Gouverneur von Mähren und Schlesien Graf Ugarte, welcher die Anstalt in Begleitung des Herrn Kreis-Hauptmannes besuchte, sprach sich über dieselbe sehr beifällig und ermunternd aus. Es gewährt mir übrigens besonderes Vergnügen, Ihnen mittheilen zu können, daß sich der würdige Landescabbine diesen zeitgemäßen Umbildungen nicht widersetzt; * ja dieselben nach Kräften zu fördern sucht. Bei Ausarbeitung der Statuten hat er die weisen Vorschläge des im ganzen Kakserstaate von allen Israeliten mit Recht verehrten Mann-