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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-09-07 · Heft 88 (7.9.1839) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 88 (7.9.1839)
Date
1839-09-07
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 allen Völkern nicht fowol aus der Nationalität als aus klimatischen Einflüssen hervorgebildet, und ein völlig orientalischer Baustyl kann den Bedürfnissen in Europa nicht entsprechen. ^In dem vom-Herrn 'Rosengarten aufgeführten Gebäude zeigt sich der byzantinische Geschmack vorwalrend. Er hat aus Gründen der Basilikenform vor jeder andern bei der Lösung seiner Aufgabe den Vorzug gegeben; denn wenn schon die älteste christliche Baukunst keinen Anstand nahm, sich der römischen eng anzuschließen und römische Form und Benennung für christliche Kirchen zu benutzen, so laßt der Styl römischer'Basiliken sich bei Synagogen auch aus rationellen Beweggründen in Anwendung bringen. Basiliken waren bekanntlich der den alten Römern große Gebäude, bestimmt zu öffentlichen Versammlungen und Geschäften, und da die Juden einen wirklichen Tempel mit Opferdienst nicht außer Jerusalem haben können, so sind ihre jetzigen Synagogen, weit entfernt, Tempel vorstellen zu sollen, nichts weiter als Versammlungsorte zu gemeinsamer Andacht und Belehrung, darum auch häufig mit dem Namen von Judenschulen bezeichnet, und deshalb, wenn auch in höherer und edlerer Beziehung den Zwecken einer römischen Basilika entsprechend. Die Wahl eines ägyptischen BaustylS konnte bei unsern Israeliten um so weniger Beifall und Beistimmung finden, als es geschienen hatte, sie sollten damit stets an ihre Sklaverei im alten Aegypten erinnert werden. Die neue Synagoge bildet ein dem Auge gefälliges Oblongum, durch mäßige thurmartige Vorsprünge, in denen die Treppen zu den Emporbühnen angebracht sind, unterbrochen. Diese einfache Grundform laßt die Bestimmung des ganzen Gebäudes schon von Weitem deutlich hervortreten. Unwillkürlich gibt zugleich der Anblick einem Jeden die Vorstellung, daß der Architekt von der Idee eines Gotteshauses geleitet war. Allgemein wird anerkannt, daß dies ein großer Vorzug ist, den die neue Synagoge vor dem vor einigen Jahren hier aufgeführten Standepalais voraus hat; denn Niemand, der vor dieser großen Steinmasse steht, ist im Stande zu ecrathen, zu welchem Zwecke das Gebäude errichtet ward; es erscheint im Aeußern für keinen weniger als für den einer landstandischen Versammlung ausersehen und viel mehr einer alten Ritterburg als einem Standehause zu gleichen. Die neue Synagoge tragt den Stempel vollkommener Ruhe und Einfachheit. Auch die innere Ausschmückung laßt nichts zu wünschen übrig. Sie verräth den geläuterten Geschmack moderner Kunst und erinnert doch zugleich an den Orient. Weiß ist die Grundfarbe in der Bekleidung der Raume, und das matte Blau ist dem Auge gefällig. Goldene Ornamente dienen zur weitern Verzierung. Werke der Architektur pflegen vor andern Wecken der Kunst einer vielfältigen Kritik zu unterliegen; um so auffallender erscheint es, daß dieses Bauwerk noch keinen Tadler gefunden; allgemein stimmt man darin überein, daß es dem Künstler zur größten Ehre anzurechnen sek. Was ihm an reifer Erfahrung abging, das fand ec in dem unterstützenden Rath und Beistände des Oberbaurathes Schuchardt, welchem die obere technische Leitung übertragen war. Dem.zu so großen Hoffnungen berechtigenden jungen Architekten ist die Unterstützung der hiesigen Kunstakademie zu Reisen ins Ausland zu Theil geworden. Doch ich ver- . gesse, indem ich mich über dieses neue Bauwerk und den Künstler-, der es zur Ausführung brachte, ausspreche, den eigentlichen Zweck meines Schreibens, über die Feierlichkeiten, womit die'Einweihung des Gotteshauses begleitet war, zu berichten. Es hatten sich eine Menge fremder Israeliten, besonders aus der Umgegend, hier eingefunden, um .dieser Feierlichkeit beizuwohnen, die um halb 2 Uhr Nachmittags begann. Es waren über 1000 Eintrittsdillets ausgetheilt worden, von denen jede der hiesigen israelitischen Familien nur drei hatte bekommen können, weil die übrigen verwendet worden waren, um auch eine große Zahl hiesiger christlicher Einwohner an der Festfeier Theil nehmen zu lassen. Eingeladen waren die vornehmsten Staatsbeamten vom Civil und Militair, sammtliche Minister, die Ehefs der Dikasterien und Landescollegien, die Mitglieder des diplomatischen Corps die Geistlichkeit der vecschievenen christlichen Confessionen, die Municipalitat der Stadt Kassel und andere-Notabilitaten, welche auch zum großen Theil dieser Einladung entsprochen hatten. Es waren so viele Einlaßkarten ausgegeben worden, als nur immerhin der innere Raum des einzuweihenben Gebäudes gestattete; aber man hatte wol doppelt so viele ausgeben müssen, um die Nachfrage zu befriedigen. Eine Deputation aus der Mitte der hiesigen Judenschaft hatte sich einige Tage zuvor nach Wilhelmshöhe begeben, um bei dem Kurprinzen-Regenten eine Audienz zu begehren und denselben anzugehen, die bevorstehende Einweihung der neuen Synagoge mit seiner Gegenwart zu beehren, und da diese Deputation nicht vorgtlassen worden war, so war diese Bitte in einer schriftlichen Eingabe dem Prinzen vorgetragen worden, welcher jedoch nicht entsprochen ward. Das Schiff des Hauses war ungeachtet seiner Geräumigkeit doch ganz angefüllt, die Emporbühnen waren von dem andern Geschlechts der israelitischen Glaubensgenossen besetzt. Unter den zahlreichen anwesenden Beamten bemerkte man blos die Militairpersonen in ihren Uniformen, da den Civilstaatsdienern untersagt worden war, in Uniform zu erscheinen. Auch waren dieselben angewiesen worden, nicht in eorpora, sondern nur einzeln der Feier beizuwohnen. Diese ganze kirchliche Festlichkeit, welche gegen zwei Stunden dauerte, ging in der vollkommensten Ordnung und mit dem größten Anstande vor sich. Da den Künstlern von der Hofkapelle nicht gestattet war, das Chor mit ihren Instrumenten zu accompagnkren, und auch den Musikern des Militairs die Erlaubniß versagt worden war, dasselbe zu unterstützen, so war man darauf beschränkt, die' Musiker der hiesigen Bücgergarde zu Hülfe zu nehmen, so daß freilich die Instrumentalmusik unvollkommen aussiel. Der Gottesdienst wurde durch ein vom Chor angestimmtes Eintrittsgebet eröffnet. Bei dem Schlüsse desselben begaben sich der Landrabbine, die anwesenden Radbinen nebst andern Beamten und Mitgliedern der hiesigen Gemeinde in das zur Rechten des Tabernakels befindliche Zimmer, um die Torarollen abzuholen und kn die heilige Lade zu bringen. Bei ihrer Rückkehr erhob sich die ganze Gemeinde. Der Synagogendiener öffnete das Tabernakel, der Landrabbine legte die Gesetzrollen ein und der Synagogendiener schloß die heilige Lade. Hierauf sprach der Landrabbine das Dankgebet und die Gemeinde: Amen. Dann stimmte der Vor-

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