Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 87 (31.8.1839)
- Date
- 1839-08-31
- Page
- Seite 439 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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439 barten Stamm, der sich mehr mit Viehzucht beschäftigt, als sie selbst) schien Letzterem besonders der eingewurzelten Feindschaft gleich zu kommen, welche die Hebräer gegen ihre nomadischen Nachbarn hegten. A rr s z ü ge. Die jüdische Sekte der Karaiten in Süd-Rußland. Von I. G. Kohl. (Schluß.) Auch selbst auf die Religion der Karai'ten scheint der MuhamedaniSmuö der Tataren von nicht geringem Einfluge gewesen zu sein; höchst wahrscheinlich auch auf die Art und Weise, über Religion zu denken, augenscheinlich aber auf das Aeußcrliche ihres Gottesdienstes. Ihre Synagogen gleichen in ihrer schmuck- und geräthlosen Einfachheit vollkommen den Moscheen; wenigstens entschieden in der Hauptabtheilung. Nur ein kleiner^ Theil ist vorn gleich bei der Thür davon abgesondert und mit Bänken versehen, wie man es in den Moscheen nicht findet. Und über dieser Abtheilung befindet sich die Galerie, in welcher hinter einem Gitter die geschmückten Frauen prangen, und eine solche Frauen-Galerie fehlt denn in den Moscheen allerdings auch. Der übrige größere Raum aber bietet ganz den Anblick einer Moschee, ist frei, und der Boden mit Teppichen belegt, welche die Karai'ten eben so wie die Muhamedaner nur mit bloßen Füßen betreten, und auf denen sie beim Gottesdienst knieen, sitzen, oder liegen. Es befindet sich in diesem ganzen Raume sonst weiter nichts, als der Schrein, in welchem die heiligen^ Schriften aufbewahrt werden, und zu dem einige Stufen hinaussühren. Ich wohnte hier aur 20. September, an welchem Tage sie ihr großes Buß- und Sühne-Fest feierten, ihrem Gottesdienste bei. Sie begehen dies Fest eben so wie die talmudischen Juden, mit denen sie sonst viele Feste nicht gemeinschaftlich haben, nämlich die, welche MoseS nicht unmittelbar selber eingesetzt hat; ganz so, wie die Protestanten die Feste auch nicht mir den Katholiken feiern, welche nicht unmittelbar aus der Bibel ihre Veranlassung nehmen. Sie hatten ihre Pantoffeln, Schuhe und Stiefeln vor der Thür abgelegt und auf den Brettern eines Schrankes aufgehäuft, der wie ein reich affortirter Schuhmacher-Boden aussah. Die Synagoge war sehr gefüllt, und es war Gelegenheit genug gegeben, das tatarische Gepräge der karai'tischen Gesichtsbildung vielfach bestätigt zu finden und überall die Grundzüge dieses Gepräges wieder zu bemerken. Die Meisten hatten Kalpaks von den feinstgekräuseltcn Krimschen Fellen zur Kopfbedeckung. Keiner Wange fehlte jener oben bezeichncte Bartstreifen und Alle lasen eifrig in der Bibel; Einer jedoch nur laut, während die Andern still folgten, bald dieser, bald der, bald ein Alter mit zitternder Stimme, bald ein ganz knabcnjungeü Blut mit mädchenhaften Tönen, bald ein armer kranker Blinder, der den Text auswendig wußte; dann Einer mit einem tiefen, durchdringenden Baß, dann wieder ein ganz Bescheidener, Schüchterner aus entlegenem Winkel kaum hörbar. Dann und wann repetirte und '.sang her, wie ein Beduine von oben bis unten im weißen Mantel gehüllte Priester, der sich während des ganzen Gottesdienstes nur von hinten zeigte und sein Gesicht, knieend, stehend oder niedergeworfen, stumm oder singend, dem heiligen Gesetzes-Schrein zugewendet hielt. Der Gottesdienst sollte an diesem so heiligen Tage den ganzen Tag dauern, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und gefastet hatten schon Alle seit dem letzten Sonnenuntergänge. Da die Synagoge für die kleine Gemeinde geräumig genug war, so hatten sich auf den Teppichen Gruppen gebildet, in denen sich das Gleiche zusammenpaarte. In dem einen Viertel lagen ein Dutzend junger schwarzäugiger Burschen zusammen, in dem andern hatten sich mehr die Alten und Wohlhabenden hingekauert. Am gefälligsten waren die.Gruppen, welche einige Väter mit ihren seidenstoffigen Söhnchen bildeten. Wie die Türken und Tataren, lieben auch die Karaiten ihre Söhne unendlich; sie kosen und scherzen beständig mit ihnen, auch sogar in der Synagoge. Die kleinen hübschen Jungen schienen sich recht auf den bunten Teppichen zu gefallen, legren die Köpfchen auf den Schooß ihrer Väter und schmeichelten ihnen. Der Vater, zu Seiten sein Buch bei Seite legend, lächelte ihnen zu, verwies sie sanft zur Ruhe, wenn sie eS zu arg machten, und küßte sie häufig. Manche »dieser Kleinen, die auch schon geduldig seit achtzehn Stunden gefastet hatten,- waren ihren Vätern vor Müdigkeit im Schooße eingeschlafcn, und diese fuhren fort, Gottes Wort über dem Haupte ihrer schlummernden Kinder zu lesen. Als die Sonne sank, drängten sich Alle noch eifrig zum Fenster, und die Hintermänner hielten ihre Bücher über den Köpfen der Vorderen hinweg, um noch die letzten Strcch-- len des scheidenden Gestirns auf ihren Schriftzügen aufzufangen und sie in den letzten Schlußgesängen des Tages wieder von sich zu strömen. Erst als aller Lichtstoff aus den Räumen geschwunden, hielten sie dafür, dem Gesetze genug gethan zu haben, und begaben sich, ihre Kinder an der Hand — aber Keiner seine Frau am Ärme^— nach Hause. Die älteste Synagoge haben die Karaiten natürlich in ihrem alten Stern- und Felsen-Neste der vierzig Wirthschaften in der Krim. Sie scheint, obgleich klein, zugleich auch die am reichsten geschmückte zu sein. Sie bat eine Menge kostbar ausgestatteter Abschriften der Bücher Moses, und ihr ganzes Innere hängt voll von einer Unzahl auf's sonderbarste gestalteter silberner Lampen, Geschenken wohlhabender Gemeinde-Glieder. Man sagte mir, daß die Karai'ten sich beim Gebet nach der Seite wenden, die derjenigen entgegengesetzt ist, nach welcher die Juden sich kehren. Das würde denn eine ziemlich starke Abneigung gegen ihre ehemaligen Brüder an den Tag legen. „Auf den Messias hofft Ihr doch auch," fragte ich einen Karaiten, der mir in Odessa vor seiner mit persischen und türkischen Seidenwaarcn gefüllten Bude eine Lehrstunde über seine Sekte gab. — „Ach, ja wohl, wir erwarten ihn immerfort, Tag und Nacht. Er kann in wenigen Tagen kommen; vielleicht morgen schon, oder gar heute. Ja, eS kann sein, daß er schon da ist, und wir wissen cs nur nicht." — „Morgen ist Schabbes," sagte, sich einmischend, eine alte runzlichte Talmudisten-Frau, die neben der Thür des Karai'ten ihr Tischchen mit einer kleinen Nadel-, Zwirn - und Band-Niederlage hatte; ,, morgen ist Schabbes, und wenn der Messias morgen kommt, juchhe! so würde ich ihm all' mein Essen geben." — „Nun, Alte," bemerkte ich, „der wird dein Essen wohl nicht nöthig haben." „Ne, der hat nichts nöthig," sagte derKarai't; „er wird uns ja Alles geben müyen, was wir bedürfen." — „Ach, großer Gott! da wird er mir viel geben müssen," seufzte die arme alte Frau. — ,, Wird er Euch denn auch Frieden geben , und Freundschaft unter Euch Dschuffut und Karai'ten stiften?"— Auf diese meine Frage antworteten sie mir Beide nichts. Anzeiger. Zn demselben werden Annoncen aller Art gegen 1 Gr. Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum aufgenommen. Die Verlagshandtungi . Tübingen. Nachstehendes ist bei Unterzeichneten erschienen und' durch jede solide Buchhandlung zu beziehen. Autenrieth, Di-. I. H. F. von, weiland: Professor und Canzler in Tübingen; Abhandlung über den Ursprung der Beschneidung bei wilden und halbwilden Völkern, mit Beziehung auf die Beschneidung der Israeliten. Mit einer Kritik von Dr. Chr. von Flatt. gr. 8. Preis 40 Kreuzer oder 9 Groschen. H. Laupp'sche Buchhandlung.