Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 87 (31.8.1839)
- Date
- 1839-08-31
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225101--02109-3234672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
454 Je mehr man den Boden betrachtet, wo eine gerechte Vorsehung die Schmach der entwürdigten Menschheit rächte, wo der .seit Jahrhunderten der Tyrannei gewohnte Sklav dennoch die Stimme derFreiheit nicht verkannte, und schnell seine FeFel zerbrach; je mehr man in dem damaligen ägyptischen Staatswesen den Spiegel erblickt, in dem eine weise Gesetzgebung alle Gebrechen voraussehen konnte, die eine monarchisch-hierarchische Verfassung mit sich führte; desto begieriger Haschen wir nach den wenigen zuverlässigen Nachrichten, die uns. .selten und spärlich aus jenem Lande über die Politischen Zustände unsrer dortigen Glaubensbrüder zukommen. Beklagenswerth ist es, daß der Jude dort jeden Augenblick durch seine eigenen Schicksale an die Leiden seiner Voreltern in Aegypten erinnert werden muß. In der That, wenn man die .vierthalb Jahrtausende berücksichtigt, welche die Geschichte ,feit jener Zeit zurückgelegt hat, wenn man bedenkt, daß der Herrscher ein Muselmann ist, der.Frankreich und England .so oft zum Muster nehmen will; dann muß der ägyptische Jude in seinem Vaterlande nichts mehr als jenes Sklavenhaus, in modernem Stil restaurirt, sehen, welches nur dazu bestimmt zu sein scheint, nie die Erinnerungen zu verlöschen, die die Geschichte einer barbarischen Zeit uns aufdrängt. Freilich sehen wir das ecstere Ungewittcr nicht mit Mißvergnügen, weil ein heller Sonnenschein der Freiheit es durchbrach, während uns jetzt keine Hoffnung lächelt, daß 'bald eine heitere Zeit jener trüben folgen werde. Wie sollte auch ein habsüchtiger, fanatischer Despot, der jede Gelegenheit freudig ergreift, sein eignes Volk zu berauben, eine Anzahl fremder Bekenner schonen , welche fast überall mehr oder weniger der Intoleranz oder der Geldgier ein Opfer bringen müssen? " *) Es glebt ungefähr 5000 Juden in Aegypten (arabisch Yahood genannt; einzeln Yalroväoe), deren größter Theil in der Hauptstadt leben, in einem elenden, engen und .schmutzigen Viertel; die Gaßchen, welche dieses durchschneiden, sind großentheils so eng, daß kaum 2 Personen nebeneinander sich in dieselben wagen können. In der Gesichtsbildung und in dem allgemeinen Ausdruck, ihrer Persönlichkeit stechen die orientalischen Juden weniger von andern östlichen Nationen ab, als die Europäischen von den Völkern, unter welchen sie leben. Viele ägyptische Juden haben wunde Augen und ein aufgeblasenes Gesicht; eine Folge des übermäßigen Gebrauchs von Sesamöl in ihrer Nahrung. In Kleidung und äußerer Haltung sind sie im Allgemeinen ziemlich nachlässig, oft sogar schmutzig. Ihre Turbans sind von derselben Farbe als die *) Vgl. E. "W. Lane, the modern Egyptians, Yol. 2., Lond. 1836. . - der Christen *) Die. Frauen verschleiern sich und kleiden sich, öffentlich, in jeder Hinsicht wie alle übrigen ägyptische Frauen. Die Juden besitzen kn ihrem Viertel zu Cairo acht Synagogen; und erfreuen sich zwar überhaupt nicht allein einer religiösen Duldung, sondern seufzen auch nicht unter einem so drückenden Joche der Regierung, als in jedem andern Lande des türkischen Reichs. Doch müssen sie in Cairo eine Summe dafür entrichten, daß ihr Viertel mit dem Besuche des Moss'tes'ib verschont bleibt; eben so verfuhr man in Rücksicht auf denVa'lee mit ihnen, so lange dieser existirte. Da sie aber das Privilegium besitzen, Nahrungsmittel theurer als die übrigen Einwohner der Residenz verkaufen zu dürfen, so stopfen ffie, um ihre Waacen zu höheren Preisen loszuwerden, ihre Niederlagen voll mit Vorrath, besonders mit Früchten, welche man hier besser findet als in den übrigen Stadttheilen. Wie die Kopten und aus derselben Ursache, weil man ihnen theils nicht viel zutraut, theils auch, weil der Pascha ihr Gold mehr liebt, als ihren Dienst, bezahlen die Juden ein Iahrgeld, und sind dafür des Kriegsdienstes ledig. Im Allgemeinen behandeln sie die Muselmänner mit der 'größten Verachtung und Scheu; auch, sagt man, daß sie wiederum den Mohamedanern und der mohamedanischen Religion mehr Haß entgegenbringen, als irgend ein anderes Volk. Im Koran wenigstens heißt es: „du wirst gewiß Juden und Heiden am feindseligsten unter allen Menschen finden gegen die Rechtgläubigen; und unter diesen Menschen wirst du diejenigen am geneigtesten zu der Freundschaft mit den Rechtgläubigen finden, welche sagen: „Wir sind Christen^" (!)**) Lane zog diesen Zug im Charakter der Juden gegen einen muselmännischen Freund in Zweifel, worauf ihm dieser zum Beweise ein Ereigniß erzählte, welches wenige Tage zuvor in Cairo sich zugetragen Hatte und welches jedoch nur der grenzenlosen Verachtung/, die man den Juden dort zu zeigen bemüht ist, zum Beleg dienen kann.' Einer derselben, so begann er, war vergangene Woche an einem Ka.ffeehause vorübergegangen, welches ein ihm wohlbekannter Muselmann, Namens Mohammed, inne hatte. Da ec nun einen Mann in demselben sah, den er wegen des noch herrschenden Dunkels nicht genau unterschei- *) Während in den Landern der Berberei, wie wir bereits sahen, gerade die verschiedene Farbe deö Turbans zuW Kennzeichen eines Juden dient. °") Schlimm genug, wenn sich hierauf nur der ohnehin schon durch Vorurtheile genährte Religionshaß beruft. Von Seiten der Juden wenigstens wird er durch Thatsachen gar.nicht mute dert. Ja, man kann behaupten, daß die in dem türkischen Reiche lebenden Bekenner des mosaischen Glaubens sich in manchen Rück- ' sichten mit den Muselmännern gleichsam verbrüdert denken.