Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 86 (24.8.1839)
- Date
- 1839-08-24
- Page
- Seite 426 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225100--02100-3234662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 2× ep/1048155
- Sousse 1× ep/1045746
OCR text
426 keS mit Gewalt genommen, von der Regierung schlecht gekleidet und noch schlechter bezahlt, bilden eine wilde Horde und begehen beinahe ungestraft alle Arten von Grausamkeiten, rauben und morden. Insbesondere aber sind die Juden die Opfer ihrer Rachsucht.' In Tunis wurde der Bei genöthigt, auf Verwendung der europäischen Konsuln, diesem Unfuge ein Ende zu machen; aber im Lande umher treiben sie noch immer ihr Unwesen. In der Nacht vor Ewald's Ankunft in Nabal brachen 6 Soldaten in das Haus eines jüdischen Einwohners, warfen den alten 70jahrigen Mann zu Boden, und waren schon im Begriff ihn zu tödten, als er mir 1000 Piastern das Leben erkaufte, eine ungeheure Summe für die dortige Acmuth. In Susa, dessen Bevölkerung mit 8000 Seelen geschätzt wird, giebt es an 100 eingeborne Familien, deren Nahrungszweig Handarbeit ist; so giebt es weit mehr Goldschmiede, Schneider, Schuhmacher, Weber rc. unter ihnen als Kaufleute. Diese haben einen eigenen Marktplatz, auf dem nur Juden ihre Laden haben. Dazu kommen noch einige europäische Juden, die sich nur des Handels wegen hier aufhalten: sie versenden Oel, Wolle und Wachs. Eine doppelt so große Anzahl Juden giebt es zu Sfax, die dort eine eigene Vorstadt bewohnen, welche durch eine Mauer mit einem Thore von der übrigen Stadt getrennt ist. Ihre Beschäftigung ist gleich der der übrigen Juden an der nocdafrikanischen Küste, Gewerbe und Handel. Sie haben zwei große Synagogen, in welchen sie ihre Gebete verrichten, den Kindern Unterricht ertheilen und den Talmud studiren. Es giebt wenige Reiche unter ihnen. Die meisten erwerben gerade soviel, als sie zum Leibesleben und zur Nothdurft bedürfen. Da der Bürgerkrieg zu Tripolis über drei Jahre wüthete, so haben sich über achtzig jüdische Familien von dort hieher geflüchtet. Die ganze jährliche Abgabe, welche die jüdische Gemeinde an den Landesherrn zu entrichten hat, beträgt nicht mehr als 80 Piaster. Merkwürdig ist es, daß sich die Juden, der drei Staaten Tunis, 'Tripolis und Algier durch ihre Kopfbedeckung vorzüglich unterscheiden. Der Jude in Algier bindet ein schwarzseidenes Tuch um die Stirn, der in Tunis hat einen schwarzen Turban und der in Tripolis tragt einen bunten Turban aus Seidenzeug. Die Frauen der Juden in Tripolis tragen an der Stirn ein Band, an welchem Goldstücke hängen, dessen Menge und Größe von dem Wohlstand des Mannes abhängt und oft trägt auf diese Weise die Frau die ganze Habe des Mannes an der Stirn. Außer den Mahomedanern wohnen auf der Insel Gerba auch an 600 jüdische Familien, welche zwei Städte besitzen: Hara Kabira, eine Meile von dem großen Marktplatz und Hara Sraica, fünf Meilen davon entfernt. Sie haben ihr von der Regierung bestätigtes eigenes Oberhaupt, Nagid genannt. Dieses und einige Rabbinen machen - ihre höchste Behörde aus. Eine Meile von der letztern Stadt entferwt steht auf einem einsamen Platze eine Synagoge, Czraba genannt, welche die älteste auf der ganzen Nordküste von Afrika sein soll. Ueber das eigentliche Alter dieser Synagoge stimmen die jüdischen Nachrichten nicht überein. Einige behaupten sie sei nach der Zerstörung des ersten Tempels erbaut worden; andere dagegen wollen wissen, sie sei von Juden, welche aus Aegypten hier einwanderten, errichtet worden. Soviel ist gewiß, daß die Aufschrift eines in der Nahe der Czraba aufgefundenen Grabsteins zeigt, jbap das Grab vor 1300 Jahren gemacht worden sei. Das Alter dieses Bethauses geht auch aus dem Umstande hervor, daß es nach dem Muster des Tempels zu Jerusalem gebaut ist. Es hat einen Vochof, ein Heiliges und ein Allerheiligstes*). In dieser Synagoge versammeln sich die Juden Montags, Donnerstags und Sonnabend, um die Tora zu lesen. Auch pilgern aus verschiedenen Gegenden Afrika's die Nachkommen Israels hieher, um in diesem alten Heiligthume zu beten und verlassen es nicht ohne Spende zur Erhaltung. Selbst die Mahomedaner betrachten diese Synagoge als ein ehrwürdiges Denkmal des Alterthums und obgleich dieses Gebäude ganz einzeln und fern von menschlichen Wohnungen steht, so würde es doch nie einem Muselmann in den Sinn kommen, Frevel an demselben zu begehen. Aermere Juden und in so großer Anzahl jedoch sieht man nie als zu Czerba. Wenn man diese Nachkommen Jakobs hier betrachtet, so glaubt man sich um 4000 Jahre in der Zeit zurück versetzt und sieht sich gleichsam in Aegypten lebend, wie die Juden als Sklaven dem Könige sein Pithon und Naamses bauen. Sie sind die Steinbrecher, die Maurer, die Taglöhner, die Blechschmiede rc. der Insel. Sie vec. richten die allecschwersten Arbeiten und obschon der Handel mit inländischen Produkten einen nicht unbedeutenden Gewinn abwirft, so fallt es nie einem Gerbaner Juden ein, Antheil daran zu nehmen, dieser ist ganz allein in den Händen der Mauren. Die meisten Juden besitzen hier als Kleidung nur ein langes, grobes Hemd, wenige ziehen über dieses noch ein wollenes und die allerwenigsten vermögen sich zu kleiden wie die Juden an andern Orten der Berbe- °) Aus diesem Umstand gehr noch'gar nichts für das Alter dieser.Synagoge hervor, da fast jede Synagoge diese Theile enthält, wenn man die sogenannte Bundeslade (in welchen die Gesetzesrollcn aufbewahrt werden) als Allerheiligstes betrachtet; welcher Name ihr ja oft genug beigelegt wird. Anm. des Referenten.