Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 86 (24.8.1839)
- Date
- 1839-08-24
- Page
- Seite 425 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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42o dem Dreieck zurück. Die Sache machte einiges Aufsehen, was den Schwager des holländischen Consuls-zur Anfertigung einer burlesken Cantate bewog. Diese Art von Unterdrückung war übrigens auf eine nicht ganz zu verwerfende Politik gegründet; die Mauren fanden ein zahlreiches und schnell sich vermehrendes Volk von einem verschiedenen Glauben unter ihrer Botmäßigkeit, ein thätiges unternehmendes und reiches Volk — natürlich, daß sie, sein Uebergewicht fürchtend, es zwar durch Geringschätzung und Niederdrückung unschädlich zu machen suchten, es aber dennoch tolerirten. Es ist ein Jrcthum, daß die Religion der Juden ein besonderer Gegenstand des Haffes der Muselmänner sei. Wie die alten Römer, verachten sie die der Christen mehr, weil sie die letzteren nur als eine Sekte der Juden ansehen. Aber die Christen sind mächtig und furchtbar, die Juden haben keinen Beschützer, sie sind bei den Muselmännern, wie früher bei uns, als von allen verlaffen, angesehen — und dennoch, ungeachtet dieser scheinbaren Unterdrückung, sind sie es, die in Afrika wie in Europa den größten Einfluß ausuben. Sie sind in der- Barbarei die vorzüglichsten Handwerker, sie stehen an der Spitze der Douanen, sie haben den größten Theil der Revenüen wie die Ausfuhr mehrerer Handelsartikel gepachtet, unter ihrer Controls steht die Münze, sie reguliren den Werth des Geldes, sie haben des Dey's Kostbarkeiten und Juwelen unter Verschluß, sind seine Schatzmeister, Geheimschreiber und Dolmetscher; das Wenige, was man hier von Künsten, Wiffenschaften uub Arzneikunde weiß, ist größtentheils auf die Juden beschrankt; sie sind im Genuß noch mehrerer anderer Monopole und Viele besitzen Ungeheuern Reichthum. Mit solchen Mitteln kann ihre Unterdrückung nur scheinbar sein und so verhalt es sich auch in der That. Wenn z. B. ein Tücke einen Juden mißhandelt, so kann dieser es nicht erwiedern, er beklagt sich aber beim Dey, und der Türke wird hart bestraft. An allen ersten Tagen des Neumonds pflegen sich die' dortigen Jüdinnen sehr zahlreich auf ihrem Kirchhof einzufinden, jede 'mit einem Topfe aufgelösten Kalks versehen, um die Leichensteine ihrer Lieben frisch anzuweißen, eine Operation, die, wie sie glauben, die untenliegenden Seelen sehr erfrische. Dieser Kirchhof der Juden ist in mehrerer Hinsicht merkwürdig, und erschien mir als höchst elegant und anmuthig. Die Juden mauern über jedes Grab eine wohlverputzte glatte Steindecke, auf der ein kleines, etwas vertieftes, rundes oder viereckiges Marmormedaillon nur eine kurze Inschrift enthalt. Das nächste Grab wird immer dicht an das letzte angereiht, und genau in derselben Höhe gehalten. Daraus entstehen nun aus dem sehr großen Raume, den der Kirchhof einnimmt, da uyd dort förmliche Parkets, die so eben wie der schönste Tanzboden sind> und sich von einander nur durch eine üppige Vegetation getrennt finden. Diese besteht bloß aus Unkraurdoukets, da sie aber vom saftigsten Grün und voller Blüthen sind, gleichen sie ganz den verschiedenen Shrubbs eines englischen Gartens. Eine solche Disposition überrrifft so sehr unsere ungraziösen Grabhügel und Kreuze, daß ich im Namen des guten Geschmacks wohl wünschte, wir ahmten in dieser Hinsicht den taurischen Hebräern nach. Die zweite Merkwürdigkeit dieses Friedhofes ist das Grab eines spanischen Geistlichen, der, einst ein reicher Canonikus zu Toledo, von der Inquisition verurtheilt, hiehec entfloh, und, aus Liebe zu einer Jüdin, die er heirathete, den Glauben seiner jungen Frau annahm. Die Juden, stolz aus eine so glänzende Bekehrung, überhäuften ihn mit Schätzen, die er in philosophischer Ruhe bis an seinen Tod genoß. Au hoch hat er sich indessen nicht angeschlagen, denn seine von ihm selbst gefertigte Grabschrift lautet treu übersetzt: Hier liegt das Nichts vom Nichts, Joseph Medina., Die Jüdinnen, wie man sie hier häufig auf der Straße trifft, gehen nicht verschleiert, wie die M.aurinnen, haben aber alle mit einem Stück schwarzen Zeug den Mund verbunden; warum? ist mir unbekannt. *) Im Städtchen Soliman wohnen nur zehn jüdische Familien, welche außer dem Vorsteher in der größten Dürftigkeit leben und von den Mahomedanern sehr gehaßt, gedrückt und verfolgt werden. Dennoch üben sie die größte und. liebreichste Gastfreundschaftlichkeit gegen Fremde, nicht blos Israeliten sondern auch Christen, aus. In Nabal, einem bedeutenden Städtchen, das eine Viertelstunde vom Meere und eine Stunde von dem alten Neapolis gelegen ist, wohnen hundert jüdische Familien, die sich nach und nach ansi'edelten, welche sich nach ihren ursprünglichen Einwanderungen in drei verschiedene Klaffen theilen, in: Tunische, welche ehemals aus Tunis einwanderten, Ger bische, die um und aus Gerba kamen und Hiergeborne. Reich sind sehr wenige, sind aber einsehr einfacher, dienstfertiger und genügsamer Menschenschlag, leben mit den Mahomedanern in Frieden und zahlen an die Regierung eine jährliche Abgabe von 100 Piaster. Da hier alle Lebensmittel sehr wohlfeil sind, so würden sie ruhig leben, wenn nicht die neu organisi'rten Truppen des Bei die Juden und die ganze Gegend in Furcht und Schrecken setzten. Diese Soldaten, aus der Hefe des Vol- '•) Nach der Reise dcS englischen Missionärs Ferd.-Ewald im Jahr 1835. - 86*