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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-08-24 · Heft 86 (24.8.1839) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 86 (24.8.1839)
Date
1839-08-24
Page
Seite 422 (sequence 6)
Language
German
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422 „Was dem Fremden in Algier," so beginnt er, „besonders auffällt, ist die malerische Mannichsaltigkeit der Bevölkerung. Unter den vorhandenen verschiedenen Völkerstämmen ist keiner, welcher die Juden an-Gemeinnützigkeit und' Gewerbfleiß überträfe. - Die reichsten, und sogar einige aus der Mittelklasse, kleiden sich wie die Europäer; die ärmeren tragen noch den alttestamentarischen Bart, eine Jacke nebst Beinkleidern, welche denen der Mauren ähnlich sind, und statt des Turbans eine Plattmütze. Die Rabbiner und die übrigen Beamteten unter ihnen kleiden sich ebenfalls in israelitische Tracht. Ihre Weiber gehen nicht verschleiert wie die Maurinnen, zeigen aber eine noch größere Liebe zum Putz. In ihren weit über den Rücken hinabhängenden Mützen von vergoldetem Drath sehen sie fast aus wie jene Insekten, welche man Wasserjungfern nennt. Ich wohnte an einem Sonnabend der großen Gedachtnißfeier des Durchzugs ihrer Vorfahren in der Wüste bei. Bei dieser Gelegenheit errichten die Juden auf den flachen Dächern ihrer Häuser Lauben von Baumzweigen, in denen sieben Tage nach einander Männer, Weiber und Kinder in ihren besten Kleidern Abends bei Fackelschein Festen beiwohnen. Von der Terrasse des Herrn Descousse, welche eine herrliche Aussicht auf 50 Meilen im Umkreise beherrscht, habe ich dieser Festlichkeit der Kinder Israels oft mit Vergnügen zugesehen. Durch die beleuchteten Zweige hindurch konnte man die aufgetragenen Gerichte und die Gesichter der Gaste deutlich erkennen, und die prachtvolle Kleidung stand oft mit sonstigen Spuren von Armuth in seltsamem Kontrast. So sah ich eines Abends einen jungen Hebräer . in zerrissenen Beinkleidern, deßwegen hatte er aber doch, zur Ehre seines Festes, eine schöne Weste von rothem Sammet mit goldenen Tressen, und einen gestickten seidenen Gürtel. Eine Frau an demselben Tische prunkte in einem Korset von Brokat, und mit einer reichen Binde von Goldstoff um den Kopf. Die Juden bilden einen bedeutenden Theil der Bevölkerung von Oram und Bona und anderer Handelsstädte. Alk Algier bewohnen sie die unsaubersten Häuser, und leben da so zusammengedrängt, daß leider, wenn die Pest oder eine andere Epidemie ausbricht, unter ihnen die meisten Opfer fallen. Es muß hier bemerkt werden, daß die Juden die ehrlichsten Krämer in Algier sind, weil sie ihre Waare zu den billigsten Preisen und oft um die Halste wohlfeiler als. andere verkaufen. Es mögen vielleicht schon zu den frühesten Zeiten ihrer Zerstreuung Juden nach Algier gekommen sein; die meisten von denen aber, welche jetzt daselbst wohnen, stammen von den Flüchtlingen ab, welche spanischer Verfolgungsgeist bald nach den Mauren aus dem Lande trieb. Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts führte Simon ben Smia, ein Häuptling seines Volkes, ein zweiter Moses, wenn ich so sagen dürfte, mit Wunderkraft begabt, eine Colonie verfolgter Juden aus Spanien.' Unter der türkischen Herrschaft erfuhren die Juden die grausamsten Bedrückungen, und zu der schlechtesten Behandlung gesellten ihre Unterdrücker noch Beschimpfung. Sie durften nur Kleidungen von dunkler Farbe tragen,, und als der Dey einen Befehl erließ,, kraft dessen weder Moslem noch Christ sich ohne Laterne bei Nacht sehen lassen durfte, verordnet ein eigener Artikel, daß die Juden das Licht ohne Laterne tragen sollten, auf die Gefahr hin, sich die Finger zu verbrennen, wenn sie es gegen das Verlöschen schützen wollten; denn die Polizei machte sich ein eignes Vergnügen daraus, jedem Juden die Bastonade zu-geben, oder Strafe zahlen zu lassen, dem sein Licht ausging. Ein Jude, der von einem Tücken oder Mauren angefallen, die Hand gegen ihn. zu erheben wagte, wurde .mit Tode bestraft. Ein noch lebender alter. Bewohner Algiers hat mir selbst erzählt, daß er oft gesehen, wie greise Juden von maurischen Kindern mit Steinwürfen verfolgt worden seien. Die gewöhnliche Strafe, welcher diese Unglücklichen unterworfen wurden, war, lebendig verbrannt zu werden. Herr Schultz, der schwedische Konsul, erzählte mir, daß ein jüdischer Kaufmann wegen Bankerotts zum Flammentod verurtheilt worden sei, und da der Dey den Unterschied zwischen Handels- Herr und Kommis durchaus nicht begreifen wollte, so wurde letzterer auch mit zum Tode geführt. Die beiden Unglücklichen wurden an einen Pfahl gebunden: da aber das Seil von den Flammen verzehrt wurde, ehe noch der Kaufmann den Geist aufgegeben hatte, so raffte er sich auf und stürzte unter die Zuschauer, die ihn jedoch ins Feuer zurückstießen. Und dennoch, wer sollte es glauben, sind die Juden weit entfernt, die Türken zu verwünschen und die Franzosen als ihre Befreier anzusehen. Sie läugnen, aus keinem unedlen Stolz, von den. Türken bedrückt worden zu^fein, und behaupten, daß sie nicht so unglücklich waren, als man sich einbilde. Ein achtbarer Rabbiner, mit dem ich hierüber sprach, sagte lächelnd: „wir liefen freilich Gefahr, gesteinigt oder lebendig verbrannt zu werden; aber wir hatten einen Schiedsrichter oder König, wie wir ihn noch nennen, aus unserer Mitte, der unsere Streitigkeiten schlichtete. Vor Ankunft der Franzosen ging der ganze Handel durch unsere Hände: jetzt ist es aber nicht mehr so, und zudem konnte ja jeder reiche Jude gegen eine Erkenntlichkeit einen Türken wählen, der sein und seiner ärmeren Klienten Schutzherr war." Diese Rede bestätigte mir, daH die Gewohnheit dem Menschen auch die schlechtesten Tage erträglich machen kann.

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