Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 86 (24.8.1839)
- Date
- 1839-08-24
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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421 Herren." Kehren diese auch etwa wegen der Differenz über die Einsetzungsworte dem'deutschen Vaterlande den Rücken? Doch gewiß nicht. Aber interessant wäre es immer, zu erfahren, welche Motive der merkwürdigen Erscheinung zum Grunde liegen. Vielleicht erwirbt sich einer Ihrer Correspondenten aus der Gegend, wo die Auswanderung sich vorbereitet, das Verdienst, hierüber Aufklärung zu geben." Hätte der Verfasser dieses Artikels unsere früheren Mittheilungen über diese und ähnliche Auswanderungen jüdischer Kolonien aus Deutschland, namentlich Baiern, gelesen, so würde ihm die obige Anfrage kaum entwischt sein. Zu einer Zeit, wo die Mittel zum Reisen so leicht, so schnell befördernd sind, wie in der unsrigen, wo die Entfernung der Länder und selbst der Welttheile immer mehr schwindet; ferner wo durch- Berichte und Briefe so hinlänglich Aufschluß über den gesellschaftlichen Zustand der entferntesten Staaten gegeben — wie kann es dawohl noch eine Frage sein, daß man leichtlich von da, wo man sich durch irgend Verhältnisse, seien sie bürgerlicher, industrieller oder religiöser Natur, beengt und bedrückt fühlt, sich entfernt und nach einer Gegend zieht, wohin die Befreiung von diesen Verhältnissen ruft? In Baiern macht bekanntlich den jungen Israeliten die Matrikel es-fast unmöglich, sich häuslich zu etabliren; oft schmückt sich ihr Haupt mit grauem Haare, ehe sie, durch eine erlangte Matrikel, zum Habrlitiren berechtigt, an Verheirathung denken dürfen. Wie sollten sie da nicht, nachdem sie Professionen erlernt, von denen sie überall genährt zu werden hoffen können, nach dem gastlichen Nordamerika ihre Wünsche und Kräfte tragen, wo ihnen neben allen Konfessionen frei zu leben gestattet ist? Ebenso tragen die von den baier'schen Standes Herren überall wieder zum Vorschein gebrachten, und neuerdings ihnen wieder überlassenen Schutzgelder, Ganse-, Roßrc. Gelder, die eine entwöhnte große Last den Juden aufbürden, und dies in einer Zeit, wo Wachsthum der Bedürfnisse mit Abnahme des Erwerbes zusammenstößt, dazu bei, junge, kräftige Männer, ja selbst solche höhern Alters, zu veranlassen, ihr Heil in anderen Erdstrichen zu suchen, wo sie wenigstens.dies nicht zu tragen haben. — Dies ist die einfache Antwort auf jene Frage. Der Fragesteller bedenke, daß in unseren Zeiten Momente, die früher kaum berücksichtigt und leichter ertragen wurden, weil man ihrer gewohnt war, zum Auswandern veranlassen, und daß diese Entfernung eine Emancipation per se ist, die nicht besprochen und nicht octrojirt zu werden braucht. Posen, 5. Aug. (P. Z.) Auf eine besonders würdige Weise vereinigte der Holzhändler Herr Jaffö mit der allgemeinen Landesfeier die Feier der Grundsteinlegung seines neu zu erbauenden Hauses, indem er den dazu eingeladenen Magistrat mit einer Urkunde überraschte, worin er für das hiesige jüdische Waisenhaus eine immerwährende Rente von 40, und für die städtische Knaben - Waisen - Anstalt eine desgl. von 20 Rthlr., auf dieses Grundstück eingetragen, bestimmt hatte. Mir inniger Rührung wurde dieser schöne Beweis edler Wohlthätigkeit entgegen genommen und die heitere und festliche Stimmung der an der Feier Theilnehmenden noch auf die -freudigste Weise erhöht. Historische Mittheilmrge« über die Juden in Asien und Afrika itt dem letzte« Zahrzehend. (Eingesandt durch vr. I. Fürst.) (Fortsetzung.) Vorbemerkung des Redakteurs: Wir fahren, nach einem langen Zwischenräume, jetzt in diesen interessanten Mittheilungen fort. Da wir jedoch mittlerweile einen Original bericht aus Marokko gegeben, fahren wir gleich mit Algier, Tunis und Tripolis fort, worauf uns der natürliche Fortgang nach Aegypten versetzt. Alsdann wird Georgien, Persien, Indien rc. unsere Aufmerksamkeit verlangen. I. Algier. Die Herrschaft der Franzosen kn Algier hat in den Verhältnissen der dort ansässigen Juden mancherlei Veränderung hervorgebracht. Es ist nicht zu laugnen, daß, bei dem öftern Verkehr, den sie mit den Juden haben, die dort im Allgemeinen reich sind, und auch schon früher nicht so sehr der Verachtung und Despotie ihrer muselmännischen Mitbrüder ausgesetzt waren, als ihre Glaubensgenossen in Marokko, die letzteren allmälig der europäischen Civilisation sich zu nahem scheinen. Zu den Klagen, die der Fürst von Pückler-Muskau über die Unverschämtheit der Uebertheurung aller Gegenstände in Algier führt, fügt er den Rath hinzu: „Da also weiter kein Ausweg übrig zu bleiben scheint, so rathe ich wohlmeinend jedem Fremden in Algier, nie etwas irgend einer Art zu kaufen, zu mkethen oder zu bestellen, ohne vorher den Betrag genau zu sixiren, NB. wenn er mit Christen zu thun hat, denn die Muselmänner und Juden überlheuern hier entweder gar nichb, oder wenigstens decent." (Semilasso in Afrika, 2. Thett). Die in der Hauptstadt ansässigen Juden betragen etwas über 5000. Bei den Mauren und Negern zahlt man zwei Frauen auf einen Mann, bei den Juden eben so viele Weiber als'Männer. Ueber ihre Betriebsamkeit, wie überhaupt über ihre ,inneren und äußeren Verhältnisse fd)ejnt fast keine Nachricht genauer und richtiger zu sein, als die des biedern, wahrheitliebenden und höchst toleranten Thomas Campbell, aus dessen „Briefen aus Algier" hier diejenigen Auszüge folgen*), welche die jüdischen Zustande dort behandeln. *) Nach dem „Ausland" Jahrgang 1836.