Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 85 (17.8.1839)
- Date
- 1839-08-17
- Page
- Seite 415 (sequence 15)
- Language
- German
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413 liehen Anschauung empfunden haben? Und wenn diese Behauptungen noch zur Beweisführung über die Nothwyndlgkeit der Gotteshäuser nothwendig wären! Allein diese liegt ja ganz abseitens. Nein, Herr Pl. fürchtet, wir würden Hiob 12, 7 — 11, Ps. 19 rc. beim Worte nehmen, und dem Kreise der Natur auch Etwas abgewinnen! — So macht Herr Pl. in seinem zweiten Vortrage mir den beredtsten, wärmsten Worten die Ehrfurcht und Andacht, zur dringendsten Pflicht im Gorteshause. Wenn sich aber in unserm Gottesdienste so Manches aufgehäuft, was Ehrfurcht und Andacht verscheucht, so wird er es dennoch nicht entfernt habrn wollen. Er befiehlt, daß wir mit den Worten des-Gebets den „Wortsinn" verbinden sollen, aber wenn Tausende, wenn vielleicht die ganze löbliche Gemeinde in Demmin mit einem kabbalistischen Pijut nicht den geringsten Wortsinn perbindet, so wird er es ihr dennoch nicht gestatten, ihn bei Seite zu legen. Worte, Worte, ja schöne Worte haben wir schon genug, aber That, freimüthige, gottesfürchtige That, das ist die Sehnsucht der Mengender Großen und Kleinen! In beiden Vortragen haben wir auch einen bedeutenden Mangel gefunden, der nicht sein sollte, um die Worte wirksam zu machen. Das Gotteshaus wirb als „Derknüpfer des Himmels und der Erde", als „Träger eines vollkommnen Gottesdienstes", als „Leiter eines volikommnen Segen Gottes" — mit vollem Rechte — geschildert: warum nun aber auch nicht als „Mahner an Recht und Pflicht für das wirkliche Leben"? — wo dem Sünder seine Sünde, dem Unrechthandelnden sein Unrecht rc. in ihrer Blöße entgegcntritt? Warum vergißt'Herr Pl., wenn er als Pflichten gegen das Gotteshaus aüfstellt „fleißige Besuche, Ehrfurcht, Andacht, Freudigkeit, die Steuer zu geben, der Gemeinde-Frieden" — mit vollem Rechte — warum vergißt er, daß man dahin kommen muffe mit reinem Herzen und mit reiner Hand— vor den Ai!reinen, Allheiligen? — Oder halt er dies für überflüssig? — — Lehrer Israels, ist die Liebe für Eure Religion, die ihr beständig predigt, eine Wahrheit in Eurem Herzen — nun so vergesset nicht, daß das Leben, das Leben auf sie furchtbar eindrangt, daß cs fordert und fordert, mit ihr vereinbartzu werden — und wäre dies denn' für eine Religion, die schon vier Jahrtausende lebt, so schwer? Ich glaube es nicht! Ihr stellet euch nur so. Das sind die Bedenken, die dem mit Pleßner'schen Reden unbekannten Leser aufstoßen — vielleicht werden sie ihm bei näherer Bekanntschaft mit den fünf Banden seiner Reden gelöset — wir wollen gleich sehen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Correspoudeuz. Brüssel, Juni. (Schluß.) . Der vierte Vorwurf, der die Juden in Polen zu treffen pflegt, ist, daß sie sich nur wenig den Künsten und Handwerken widmeten. Dieser Vorwurf scheint dein Verfaffer besonders absurd.' „Die neun Zehntel der Bevölkerung eincS Landes, daS niemals industriell gewesen, gefallen sich, cs schlecht zu finden, daß das zehnte Zehntel nur wenig dem industriellen Grande, der durch die große Mehrzahl der Nation mißachtet wird, sich widme!.^. Und dieser Vorwurf hat nicht einmal historische Wahr» heit." Im Jahie 1539 gab eS, unter Sigismund 1., dreimal mehr jüdische Handwerker als Handeltreibende. Dabei bedenke man, daß das Herzogthum Warschau im Jahre 1809 den Juden verbot, in allen Lheii.cn der Sradt z.u wohnen, und ihnen nur einige Straßen anwieS, wovon höchstens bei reichen jüdischen Fabrikanten eine Ausnahme geschah; man erwäge) daß die Juden in der Provinz nur gegen eine große Abgabe in der Hauptstadt, wo sie sich in ihrer Kunst und ihrem Gewerke ausbilden könnten, aufhalten dürfen. Trotz diesen Schwierigkeiten betreiben die Juden alle Zweige der Industrie. Sie sind Schneider, Posamenlirer, Lohgärber, Schuhmachers Glaser, Klempner, Lapezierer, Färber, Sattler, Schmiede, Eisengießer, Ziegelstreicher, Brauer (in den kleinen Städten,) .Brenner, Buchbinder, Buchdrucker, Uhrmacher :c. :'c. Sie verschmähen selbst nicht die niedrigsten Stände, sie sind Lastträger, Tagelöhner, Kutscher und Pflasterer. Kurz, ein Bericht aus dem Jahre 1829 schon gibt die Anzahl der jüdischen Arbeiter und Handwe-rker auf 113,598, und die dcrAerzte, Chirurgen und Künstler auf 2,674 an, nicht zu erwähnen, daß zwei reiche Juden, Zelmän Pvzner und Louis Berksohn, zwei Tuch- und Kattunfabriken errichtet haben, wo die meisten Arbeiter Juden sind, und von deutschen Werkmeistern geleitet werden. " . Der fünfte Vorwurf, den man nach Herrn Lubliner den polnischen Juden macht, ist: ihre Vorliebe für den Handel. Dieser Borwurf ist im Mittelalter aufgekommen. Zu einer Z-eir, wo der Landbesitz als Basis aller sozialen Unterschiede angesehen, wo der Handel auf'S höchste verachtet wurde, so daß selbst nach, dem Gesetz der Adlige durch ihn unadelig wurde, wo LugLeich die Juden, zu keiner Würde, zu keinem Amte, zu keinem L-anderüesitz, zur Ausübung keiner Kunst und keines Gewerkes gelangen konnte — welchem Stande sollten sie sich nun ergeben 1 — da entstand dieser Vorwurf. Aber derselbe wird häufig dahin gewendet, daß die polnischen Juden in der Ausübung des Handels fich des B etruges schuldig machen. Dieser Vorwurf ist allerdings begründet, die Mehrzahl der Juden in. Polen bringen Ungerechtigkeit (delovaute) in ihre HandelSverhälmisse — man muß aber die näheren Ursachen und die Verhältni^e, welche gewissermaßen die Juden zwingen, Betrug zu gebrauchen, um nur zu e.ristiren, erwägen. Dieses Kapitel behandelt der Verfasser Mit vieler Gründlichkeit, und gestattet der Raum allerdings nicht alle die Tharsae chen aufzuführcn, welche .er zum schlagendsten Beweise aufzuhäufen wußte. Wir finden selbst in dem jüdischen SchenkwirtdaS arbeitsamste und nüchternste Geschöpf, welcher durch diese Eigenschafren und zugleich als Kutscher, während sein Weib die Schenke besorgt, und Speisewirrh die vielen besonderen. Abgaben zu erschwingen trachten muß, die seit alter Zen ihn besonders belasten, und ihm sonst die Existenz unmöglich machen würden. Nur der Trödelyandel ist es, der jenem Vorwürfe in gerechter Weise unterworfen bleibt, und dieser Handel wird von allen Glaubensparrcien in allen Ländern auf dieselbe Weise betrieben.— Der sechste Vorwurf ist der des Wuchers. Wahr ist eö, daß in Polen die Juden nur gegen hohen Zin6 Geld verleihen. Aber wer da erwägt, in welcher niedern Stellung diese Juden leben, wie sie be-- ständig den Sarkasmen, den Vexaiioncn, der tiefsten Verachtung auögefeht sind , wie sic nur mit großer Furcht, ob sie je wieder zum Besitze des Geldes kommen werden , es aus Händen geben können, ob sie nicht gezwungen feien, die gewundenen Wege der Pröceffe zu befchreiren :c. , der wird lediglich den Grund des hohen Z.nseS in dem Mißtrauen finden. Der Verfaffer behauptet, viele Falle zu kennen, wo Juden solchen, von denen sie wußten, daß sic feine Verachtung, keinen Haß gegen die Juden hegten, nur zu legalem Zinse geliehen, und ihnen in kritischen Fällen gern zur Hülfe gekommen wären. — Diesem reiht der Ver* faffer als siebenten Vorwurf „den kriechenden und kleinmuthigen Ch'ciraLter der Juden in Polen" am Er bekennt, daß dies wirklich der Charakter einer Mehrzahl der polnischen Juden sei.