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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-08-17 · Heft 85 (17.8.1839) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 85 (17.8.1839)
Date
1839-08-17
Page
Seite 416 (sequence 16)
Language
German
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416 Aber mit einer edlen Erhebung frägt er, ob man verlangen könne, daß der seit einer großen Zahl von Jahrhunderten unterdrückte, verfolgte, geschändete, in der Gesellschaft jum Paria gewordene Jude, dem in Polen alle Momente der Aufrichtung noch fehlen, die Würde des Charakters bewahren sollte? Dann aber stellt er in treffender-Zeichn ung das kriechende Wesen des polnischen Bauern und Leibeigenen, das aus Unterwürfigkeit entspringr, dem Juden gegenüber, der, von seinem dritten Jahre die Sprache seiner Väter lesen und schreiben lernt, im zehnten die dornigsten -Fragen des Talmuds studirt, die Geschichte des alten Glanzes seiner Glaubensgenossen immer vor Augen, nicht aus Ehrfurcht, sondern aus absoluter Notwendigkeit, aus Furcht kriecht. — Der Verfasser läßt alS achten Vorwurf „die Unreinlichkeit der Wohnungen der Juden und ihre Liebe zum Gelds" folgen. Er findet den Grund jener Unreinlichkeit allein in dem Zwange, ein bestimmtes, umgränzteS Quartier zu bewohnen. In jener Zeit, welche für die Juden andrer Läckder so günstig war, 1809 am 16. Marz, erging ein Dekret, nach welchem die Juden die von ibnen bis dahin bewohnten Quartiere zu verlassen hatten; und 20,000 Personen in der Hauptstadt mußten sich in einem engen Viertel zusammendrängcn. Dadurch entsteht' Theurung der Miethen, und höchste Beschränkung des LokalS. Daß aber der polnische Jude ökonomisch lebt, und Geld aufzuhäufcn sucht, daran, sagt der Verfasser, thut er Recht, denn Alles nöthigt ihn dazu. Da er weder Güter als Herr besitzen, noch als Beamter auf Pension rechnen kann, kann er seine Existenz' nur durch Geld sichern und er ist die wahre Ameise Salomon des Weisen. — Den n e u nten Vorwurf, daß die Juden den Kriegsdienst nicht leisten, erörtert der Verfasser umständlich, und wir müssen hier ganz auf ihn verweisen. Die Hauptsache bleibt, daß sie in früheren Zeiten, z. B. gegen die Türken, unter Kosziusko, wirklich Kriegsdienste leisteten, und verschiedene Dekrete sie des Soldatenstandcs entheben und ihnen dafür eine Steuer auferlegen. — Der zehnte und letzte Vorwurf, der Mangel an Patriotismus, beschäftigt unfern Verfasser auf 26 Seiten, und behandelt er diesen Gegenstand nach seiner Weise gründlich. — Nachdem Herr L. so im ersten Buche einen Ueberblick der Geschichte der polnischen Juden gegeben, im zweiten die Vorwürfe, die man ihnen macht, unpartheiisch und. genau untersucht hat, geht er nun im dritten Buche zu den Mitteln ihrer Reform über, denen Sie mir einen dritten Artikel zu widmen gestatten werden. Dritter Artikel. Jnd^ri Herr Lublin er in seinem dritten Buche die zu treffenden Maßregeln, die Reform der polnischen Juden zu bewirken, besprechen will: weift er zuvor darauf hin, daß man. die isolirte Stellung der Juden zweier Ursachen zuzuschreiben pflegt: die eine findet man in den Vorurtheilen und religiösen Vorschriften der Juden, die andre in der Gehässigkeit des Volkes und in der gesetzlich verschiedenen Lage der Juden. Die erste Ansicht weist der Versager entschieden zurück, und erläutert, daß sie nur ein Cirkelschluß sei, welche die Wirkung für die Ursache nimmt. Er sieht die aytisocialen Momente, welche in der talmudischem Gesetzgebung, in der Messiashoffnung lägen, nur als von den jüdischen Weisen zum Tröste und zur Aufrechthaltung in einer Welt des.Hasses und der Verfolgung ausgestellt an. Er beruft sich darauf, daß, da in Frankreich und Belgien die Juden Bürger geworden, alle antisocialcn Momente bei ihnen geschwunden sikt. . Er geht die polnische Gesetzgebung durch, welche nothwcndig den Juden eine getrennte Stellung anweist: die Aufnahme der bürgerlichen Akte durch eigene Beamten, die verschiedene, erschwerte Eidesleistung, die allerdings durch ein Dekret des hochstieligen Kaisers Alexander vom 1. Jan. 1822 sehr verbesserte Einrichtung des KahalS, — Hierauf wendet er sich zu den verschiedenen Reformvorschlagen, wie sie von Einzelnen ausgingen, wo er zuerst die Ansichten dcS Abbe Chiarini widerlegt, und alsdann den Entwurf eines Herrn Gadon untersucht. Ihm stimmt er bei, daß die frühen Heirathen unterdrückt werden müssen, widerspricht ihm aber kräftig, daß den Juden die Unterscheidung der Speisen (koscher und trefe) verboten werden müsse, da der Gesetzgeber das innere, häusliche Leben nicht berühren dürfe, bei anderen Elaubensparteien sich ähnliche Vorschriften finden, und dies vom französischen Gesetze ohne Schaden auch unberücksichtigt geblieben. Er macht darauf aufmerksam, daß nicht einmal eine jüdische Synode dieses Verbot erlassen könne. Ebenso widerspricht der Verfasser der Bedingung des Herrn Gadon, dre Feste zu vermindern und den Sabbat zu verlegen, da jene nur 13 Jage des Jahres einnehmen, wohingegen andere Confessionen mehr zählen, die Nalionalgardiften auch an diesen Tagen den Dienst geleistet haben, die Schäden dadurch überhaupt nur privatim sind, und so dem Juden selbst zur Ausgleichung zu überlassen. Er stimmt ferner mit Herrn Gadon überein, daß die Rabbinen erklären müssen, der Kriegsdienst müsse am Sabbat auch geleistet werden, fordert aber, daß im Frieden der jüdische Soldat den Gottesdienst in derSynagoge besuchen, und im Kriege vom christlichen Gottesdienste sich diöpensiren könne. Endlich prüft der Verfasser den Reformvorschlag des Herrn Ostrowski, welcher alle Ansichten zu verschmelzen suchte, indem er eine stufenweise Zulassung zu den bürgerlichen Rechten vorschlägt, indem er Nachtheile für die Christen von einer vollstänstigen Emancipation der polnischen Juden nach ihrer jetzigen Beschaffenheit fürchtet. Mit vielem Scharfsinne setzt er diesem entgegen, daß daraus nur entgegengesetzte Resultate hervorgehen würden, indem der Mensch, wenn sein Bewußtsein durch eine langsame Befreiung, geweckt und geschärft wird, nur eine größere feindliche Gesinnung gegen die Entgegenstehenden gewinne, und die Masse nur um so mehr Nahrung findet, sich in den Vorurteilen gegen die Juden zu bestärken, weil sie diese immer von neuem gesetzlich fanftionirt sieht. Ist einmal die Absicht vorhanden^ den Juden die menschenrechtliche Freiheit zu geben, so kann sie nur durch die größte Spontaneität Versöhnung, Liebe und wahrhafte Einigung heranzubringen, die Erlaubnis, überall zu wohnen, alle Gewerbe zu betreiben, Land zu besitzen und zu bearbeiten, die Entfernung aller besonderen Abgaben, wird dte Juden zu den loyalsten und rechtlichsten Bürgern machen. Der Verfasser verfolgt dies bis in's Detail. In einem besondern Kapitel setzt Herr Lubliner noch auseinander, daß die Zulassung der Juden zur bürgerlichen Gleichheit nicht als ein Akt der Gncrde, sondern der Gerechtigkeit und Humanität angesehen werden muß. Im letzten Kapitel giebt der Verfasser endlich seinen Plan zur politischen Verschmelzung der'Juden und Christen in Polen. Dieser ist nun, wie es sich vorauösehcn ließ, der einer völligen Emancipation, nach französischen und belgischen Grundsätzen. Die Kosten des ifraellnfchen Kultus werden dem Staate übertragen^ gemischte Ehen gestattet rc. Als eigentümliche-Artikel hebe ich nur hervor, daß kein Jude zu einem öffentlichen Amte zugelasscn werden soll, wenn er nicht den Bart und die polnisch-jüdische Tracht fahren läßt, und nicht seine Studien auf dem Lyceum gemacht, selbst ein Patent als Kaufmann soll kein polnischer Jude, oder, wie der Verfasser sagt, kein Pole vom israelitischen Kultus, erhalten, wenn er nicht die ersten drei Klaffen des LyceumS besucht hat. So habe ich Ihnen denn in genauen Umrissen den Inhalt dieser werthvollen Schrift gezeichnet, die jedenfalls das große Verdienst hat, dem Beobachter Licht in die dunkle Masse der geschichtlichen und bürgerlichen Verhältrisse der Juden in Polen gebracht zu haben. Ich füge kein Wort der Kritik hinzu, der Bericht spricht das Urthcil selbst aus. Druck von I. B. Hirschfeld.

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