Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 85 (17.8.1839)
- Date
- 1839-08-17
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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411 Brüdern, den Talmudisten, mehr als irgend einem Volke abgeht, verbinden sie den jüdischen Handelsgeist, und während sie daher' durchweg nur Kaufleute sind und sich überall in die Welt hinauSmagen, versteigen sie sich doch mit ihren Plänen nie in schwindelnde Höhen, und eS fehlt ihnen völlig jene maßlose Speculationswulh eines großen LdeilcS der ralmudischcn Juden. Vielmehr drückt sich in dem ganzen Benehmen und Verhalten derKara'i'ren ein sittiges Maßhalrcn aus, daS ihreRede-und Handlungsweise immer in den Schranken 'des Anstandes erhalt. Sie treiben ihren kleinen Handel mir orientalischen Manufaktur - Waaren, Spezereien und Taback ohne Geräusch, wie vor Alters ihre Väter. Sowol auf der einen. Seite der Schacher- und Trödel-, als auf der andern der große Wechsel-, Papiergeld- und Edelstein-Handel, der Talmudisten ist-den Kara'iten unbekannt. Sie gelangen daher, still ihr Kramergeschäft treibend, auf der einen Seite nicht zu der Stufe von großem Reichthum, Einfluß und Gelehrsamkeit, den hier und da Jene erreichen, auf der andern Seite aber sind sie auch weit davon entfernt, zu solcher Armuth und solchem Elend herabzusinken, wie mir dieö namentlich bei den talmudischen Juden in Polen wahrnehmen. Wegen ihrer geringen äußeren Bedeutsamkeit werden sie meistens auch von den mit ihnen zusammcnlebenden Lalmudisten verachtet, von denen selbst der Unbedeutendste ihnen Mangel an Genialität und Geistcsricse vorwirft, indem er dabei auf die gelehrten Gesetzauslegcr hinweist. Dagegen antworten aber die Altgläubigen wieder: „Es fehlt un6 gar nicht an sinnigem Verstände, und in allen unfern kleinen Kolonien findet Ihr nicht einen einzigen Bettler und nicht Eine schmutzig verhüllte Seele." Hierzu trägt allerdings auch der gegenseitige Kredit bei,, den bereitwillig ein Karai't dem andern gewährt. ES betrachten sich die Kara'i'ren als Eine Familie, wo Einer immer unbedingt dem Anderen hilft. „In den ungeheuren Ertremen, die sich-in der talmudischen Gemeinde offenbaren, von steinreich und bettelarm, von kraßunwissend und überge1ehr<," sagte mir ein Karair, „zeigt sich die Unmäßigkeit und Leidenschaftlichkeit ihres GeisteS; wogegen darein, daß wir Alle unser anständiges Auskommen haben. Alle lesen und schreiben können, sich nur die Harmonie und Mäßigkeit, — die Lalmudisten sagen Mittelmäßigkeit, — unseres Geistes zu offenbaren scheint." Die Deutschen und Russen in Odeffa nennen auch die Karcn'tcn, indem sie dem hebräischen PluraliS noch ihre eigene Plural-Endigung anhangen, „ Karcnmen." Bei den Ungebildeten ist dann sogar dieses Lippen — m in das Lippen — h übcrgegangen, und eS unterhielt mich daher, einmal eine lange Zeit ein dortiger Kaufmann von den Kara'iben Odessa'S, von denen er mir allerlei Wunderdinge erzählte. Als ich ihn fragte, ob sie auch Mcnschenfleisch äßen, lachte er mich darüber eben so herzlich aus, wie ich ihn' über seine Kara'iben. — WaS die Kleidung der Kara'iten aulangt, so ist sie fast völlig Tatarisch,.in Odeffa, wie in der Krim. Nur die tatarische Mütze, den Kolpak, haben in Odessa wenigstens viele Männer mit einer europäischen Mütze vertauscht, wie man denn überhaupt bemerken kann, daß immer alle Revolutionen in der Kleidung zunächst mit einer Veränderung der. Hauptbcdeckung beginnen. °) „Seht! seht! das ist der kleine Mangub," sagte mir der Thürwächter der karaitischen Synagoge in Odessa,. mit dem ich im Gärtchen derselben stand,, die Aus - und. Eingehenden zu betrachten, indem er dabei auf einen wunderhübschen Knaben hinwieS, der aus der Synagoge mit vielen andern hervorlief, „sein Vater ist der reichste von unö odcyafchen Karaiten. bei dem könnt Ihr Euch die Kleidung, um die Ihr mich fragt, recht genau betrachten; denn er hat sie nach dem besten Schnitt."«— - Die Knaben hatten ihre Pantoffeln vor des Thür. der Synagoge gelassen und amüsirten sich damit, zum Intermezzo wahrend deS Gottesdienstes nn bloßen Fstßen unter den Bäumen umherzulaufen. - Diese karaitischen Knaben sehen übrigens alle so elegant goldig und seiden wie eine Schaar junger Prinzen aus./Lch mischte mich unter ste und sagte dem kleinen Mangub, daß ich seine Kleider so hübsch fände, er möchte sie mir doch einmal zei- *) In Wicn haben Luch die spanisch-türkischen Juden ihre übrige Kleidung noch fast völlig unverändert beibehalten, während sie schon ein Mühchen nach österreichischem Schnitte tragen. Vers. gen und nennen. „Ir-noUlo pa Tm-ptzTu l" „Auf türkisch?" fragte er mich, „recht gern!" — Die Kara'r'ten, muß man wissen, sprechen nämlich Alles unter sich Tatarisch und nennen das wie die Tataren selber, Türkisch; die Odeffascken verstehen übrigens auch alle Russisch. Die karaitischen Kleider, wie der kleine Mangub sie mir angab, waren nun folgende: das seidene Gewands welches unser Hemd repräsentirt, heißt „Kiilmek," — die Pantalonö, meistens ebenfalls von Seide, werden „Kontschak" oder „Schalvar" (Scharrvaii) genannt. Ueber Schalwar und Külmek hängt in weitem Faltenwurf, nur oben auf der Brust eng anschließend, und mir einer Menge silberner kleiner Haken zugehakelt, der „Ton" herab, welchen in der Mitte des Leibes der „Kuschak" (Gürtel) zusammenhälr. lieber dieses lange Unterkleid ziehen sie alsdann noch ein kurzes, meistens mitPelr "er- ' brämteS Oberkleid, oder eine Oberwcste „Dschübae" . genannt. „Seht, und oben auf setze ich dann noch mein rothblaues Feß," sagte der kleine Mangub, „empfehle mich Euch zu Gnaden, und springe fir und fertig, mit oder ohne Papuschen (Pantoffeln)- davon." Und damit hüpften alle die kleinen Prinzen wieder irr die Synagoge, um sich zu ihren .Vätern auf die Teppiche zu Die Männer tragen mehrere der genannten Stücke jetzt von blauem Tuche. — Von dem Barte der Kara'üen läßt sich besonders bemerken, daß Alle ihn auf der Lippe stehen lassen, übrigens ihn aber wegrasircn, bis auf einen ganz merkwürdigen/ äußerst schmalen, lang.» Backenbarts-Streifen, der unten am Kinn über die Kinnladen hinweg und beim Ohre vorbei so weit hinoufgrht, als nur Haare wachsen. Auf dieser äußerst dünnen Linie dürfe« aber auch die Haare nicht wachsen, wie sie wollen, sondern werden so stark, gleich einer Gartenhecke, unter der Scheere gehalten, daß sie nur einem gemalten Streifen gleichen. Diese streifige über die Hand hinirrende Banscham'rung findet sich auf der Wangealler Kara'r'ten ganz ans dieselbe Weise und vollkommen in derselben Richtung. 9kichr so bei den Tataren. Wahrscheinlich ließe sich von dem Ursprünge dieses sonderbaren, die Karaiten von den Tataren unterscheidenden BartstrcifenS irgend ein Geschichtchen erzählen, das mir aber nirgends bekannt wurde. Nichts gleicht der prunkenden Pracht, mit welcher die karartischen Weiber auftreten, doch tragen sie dieselben in den Straßen von Odepa nicht so häufig zur Schau, wie die Frauen ihrer talmudischen Glaubensgcnopen. Die karaitischen Weiber sieht man vielmehr nur in ihren Synagogen, oder im Innern ihrer Häuser in vollem Staate, und so lange sie am Sabbat über die Straße gehen, hatten sie sich iainw in ein großes europäisches Umschläge-Tuch'gehüllt. Entweder fühlen He, daß ihre orientalische Pracht zu sehr gegen alles übrige sie umgebende Europäische absticht, oder eS ist noch eine alte furchtsame Gewohnheit, die ihnen von den Tataren-Zeiten heranklebt. Genug, erst wenn der Thürwachter sie in'S Innere des stets verschlossenen TempelhofeS cmgelaffcn hat, lassen sie die Hülle fallen, und daraus, «eben ein Paar schönen'Augen, alle die Strahlen ihres Goldes und ihrer Perlen .hervorblitzen. Sie tragen alle,- wie auch die tatarischen Weiber und sdie tatarischen Zigeunerinneu, daS rothe Feß Mit blauem Seidenbüschel auf dem Haupte. '.Sie erhalten dadurch etwas Männliches, und hübsche Karaiten- und Tataren- Madchen kamen mir immer, des Feß wegen , wie junge. Amazonen vor. Während aber das Feß überall, wo es getragen wird, bei den Männern einfach ist, ist eS hei den karai'tischen Frauen dagegen mit Gold brodirt, und außerdem sind rundherum hebräische Buchstaben mit Perlen gestickt, von.denen sie mir sagten, daß. eS Sprüche aus der Bibel seien. Bei chen Verheiratheten windet sich daS rabenschwarze Haar in einer dicken »Flechte um den untern Rand des Feß herum. Bei den Unverh'eiratheten aber fällt daS Haar in einer Unzahl dünner, höchst zierlicher fämmtlich gleich langer Flechten herab, die wie Franzcn rund um den Kopf hängen, was denn freilich mehr sonderbar als-hubsch aussieht. Ich zählte gewöhnlich'""so viel mir die Flüchtigkeit der. Mädchen, zu zählen gestartete, 40 bis 50 Flechten. Man begreift!nicht, woher die karaitischen Mütter und Geschwister die Muße und Geschicklichkeit nehmen, ihren Töchtern und Schwestern sopiele mühsame Zöpfchcn, in deren Enden noch gewöhnlich hühsche.Bändchen ciugestochten werden, anzudrechseln. Denn, nehmen wir auch im Durchschnitt den Zopf nur zu einer Elle Länge an, und gebei ei-