Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 85 (17.8.1839)
- Date
- 1839-08-17
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
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407 (1813) rc. eine theklweise Gleichstellung; überall aber weckte sie wenigstens die Verhandlung darüber, welche unfehlbar mit der Zeit zum Ziele führt — bis denn endlich (1831) in den Juden selbst das Bewußtsein, die bürgerliche Gleichstellung als Recht fordern zu können, zum vollendeten Ausdruck kam, und dies in allen seinen Momenten und Consequenzen fast erschöpfte. Unter diesen lebenskräftigen Schwingungen entfaltete sich denn auch im abgelaufenen Jahrhundert der allgemeine Geist und die Thätigkeit der Bekenner des Judenthums in glänzender Weise. Zuerst entstand ein Drängen nach Kunst und Wissenschaft, die in trefflich gebildeten und befähigten Geistern bedeutende Resultate erlangten; diesem folgte, nach Eröffnung der bürgerlichen Laufbahn, die Theilnahme am öffentlichen und gewerblichen Leben: überall, wo es gestattet war, erwiesen sich Juden als Patrioten, treue Beamte, tapfere Soldaten, gute und betriebsame Handwerker. Endlich aber schloß sich hieran eine neue Belebung des religiösen Sinnes, der jetzt die ungünstigsten Verhältnisse zu durchdringen beginnt. In bewußtlose Ceremonienübung lange Zeit versunken, ergriff darauf einen großen Theil der Masse Gleichgültigkeit gegen gottesdienstliche Feier, Gesetz und religiöse Haltung. Aber von den regeneratorischen Momenten geweckt, von der mit Begeisterung durchgeführten höhern Auffassung des historischen, doktrinellen und selbst formellen Judenthums genährt, belebt sich das Bedürfniß einer religiösen Speisung, einer religiösen Aufbauung und Erhebung von Neuem; man neigt sich dem kirchlichen Leben, besonders in reformirter Gestalt, wieder mächtig und in vollem Bewußtsein zu. Schauen wir auf diese Skizze dessen, was im abgelaufenen Jahrhundert geschehen, was das ablaufende Jahrhundert gebracht, vollendet, angeregt, und der Fortfühtung übergeben hat, vergegenwärtigen wir uns möglichst das Jahr 5500 (1739) in allen feinen Umrissen, vergessen wir einen Augenblick, wie Alles geworden, wie Alles sich vorbereitet, entwickelt hat, bald schnell, bald langsam herausgetreten istin diesem kurzen Zeitraum eines Jahrhunderts: welche Ueberraschung, welch eigenes Gefühl des raschen Geistesfluges wird uns überkommen? Juden in allen Quartieren der Städte — Juden ohne Leibzoll und Schutzgelder — Juden Handwerker — Juden gefeierte Künstler, gerühmte Gelehrte — Juden Beamte, Offiziere, Ritter, Stadtverordnete, Depurirte — Juden mit geordnetem Schulwesen und auf Bildungsanstalten aller Art — Juden mit Predigern und Rabbinen, die Gymnasien, Universitäten frequentirt — Juden mit geordnetem Gottesdienste und deutschen Vortragen und Gebeten — Juden mit einer großen Literatur in allen europäischen Sprachen — Juden Gegenstand der Diskussionen aller Ständeversammlungen — Juden, deren Kultus Beiträge aus den Staatskassen zieht — — und wir sollten nicht staunen? wir sollten die Allgewalt eines Jahrhunderts nicht bewundern? wir sollten die Sichtbarwerdung der leitenden Vorsehung nicht anbeten? wir sollten die Fähigkeit, die Elasticität und Bildungskraft des menschlichen Geistes nicht feiern? Freund und Feind, schauet auf diese Resultate eines Jahrhunderts, wird nicht diese Betrachtung euer Herz in seiner innersten Tiefe erschüttern? Wird - es sich nicht zu unumstößlicher Wahrheit euch stempeln: vergebens fällt der Einzelne dem Rade der Zeit in die Speichen, vergebens ringt der Einzelne mit der Macht der Gesammlheit — es gibt ein Ganzes, dessen Leitung in der Hand eines Wesens liegt, das euch Alle gebraucht zu seinen Zwecken, das eure Thätigkeit,. die ihr spinnet in freiem Willen, dennoch nach seinem Ziele richtet! . Belletristik. Der Flüchtling ans Jerusalem. I. Der Flüchtling in Antiocheia. (Fortsetzung und Schluß.) 6. Wir standen 'am Sterbelager des ältesten^ Bruders Schulamiths, dem im Kampfe eine Lanze eine tödtliche Wunde gebracht. Einsam waren wir an demselben, denn die Noch hatte selbst die engen Bande der Gemeinde gelöst, und welche Familie hatte nicht ähnlichen Verlust. Schulamith hatte das Haupt ihres. sterbenden Bruders an ihre Brust gelegt. Es war sein Wunsch gewesen, in ihren Armen seine Seele auszuhauchen, und mitten im Kampfe des Todes mit der ungebrochenen Jugendkraft blickte er oft dankbar in ihr thränenleeres Auge, das des Schmerzes desto voller war. Der alte Maeseja war durch die Schrecken und Aengste, durch die Entbehrungen und Schmerzen, welche die letzten Tage gebracht, zu einem kraftlosen.Greise geworden, der sich mit Mühe noch trug. „Amnon, wirst du bei mir bleiben? sprach der Greis, als der Sterbende in einen kurzen Schlaf verfallen. Ich