Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 85 (17.8.1839)
- Date
- 1839-08-17
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
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406 Haft organischen Bewegung ergriffen, hat das Judenthum nach innen und außen, religiös und kirchlich, doktrinel und literarisch, politisch und bürgerlich, Judenthum und Juden, in diesem Jahrhundert einen unermeßlichen Weg zurückgelegt, darum unermeßlich, weil er früher unbetreten, unge-r ahndet war. Gegen Ablauf des vorhergehenden Jahrhunderts war die letzte Bewegung des Judenthums, innerhalb der alt-eigentümlichen Grundsätze vor sich gegangen, der letzte Pseudo- Messias hatte Ln Schabatai Zevi seine Rolle ausgespielt; Ln den letzten Jahren waren überall die Anhänger desselben unterdrückt, zu Lemberg der Bann über sie gesprochen (1722), Luzzato aus Italien verdrängt worden (1737), doch reichten die literar. Fehden noch in das neue Jahrhundert hinein. Aber das Drangen nach neuer Gestaltung war erwacht, die Möglichkeit, das Bestehende zu beseitigen und zu modificiren, gezeigt, und beide durch keine Machtsprüche wieder zu tilgen. Wie aber überall die ersten Procefse der erwachten Bewegung, des entfesselten Geistes zu extremen Richtungen führen, und Verzweigungen produciren, die, würden sie wahrhaft lebenskräftig, zum Untergange führten: so entsprangen aus dem zersplitterten Schabbatäismus zwei Sekten, welche als Ableiter des in Gahrung gerathenen Lebensftoffes günstig waren, aber, da sie zum Theil Bestand erhalten, Schmarotzerpflanzen des Judenthums wurden — die Frankisten (1757), die aus dem, Judenthum herausführten, die Chassidim (1740), die sich in die jüdische Mystik versenkten und sie. entarteten. Mitten zwischen beiden aber begann das Judenthum zum Selbstbewußtfein zu gelangen, sich von innen heraus zu einem lebendigen Systeme zu bilden, und sich als solches in die Mitte des neuern. Lebens, des civilisirten Weltlebens zu stellen. Mendelssohn in seinem „Jerusalem" (17.81), zu dem er sich den Weg durch vielfache Arbeiten mit seinen Gehülfew gebahnt, trennte das Wesen und die Erscheinung des Judenthums, proklamirte als den Grundsatz jenes die Denkfreiheit innerhalb der Offenbarung, als den Grundsatz dieser die Stabilität. Hatte sich somit die Lebensbewegung im Erstem vorläufig Genüge gethan, so ergriff sie doch bald, schon' in den Schülern Mendelssohns, auch den Letztem, die Erscheinung des Judcnthums in seinen bestehenden Formen wurde, nicht sowol der Kritik, sondern einer gänzlichen Ausscheidung anheim gegeben. Auch hier war also die erste Bewegung eine extreme, die ein ungültiges Produkt hervorbrachte, und die bald wieder beseitigt werden mußte. Man kehrte wieder um, und begann mit immer wachsender Umsicht die Kritik der Formen des Judenthums. Das abscheidende Jahrhundert verlaßt uns mitten in der Reform des Gottesdienstes und in neuer kritischer Untersuchung des Ceremonialgesetzes, während in doktrineller Hinsicht die philosophische Darstellung und Begründung der Idee des Judenthums ihre .fortschreitende Entwickelung nimmt. Gegen den Beginn des abgelaufenen Jahrhunderts war die jüdische Literatur fast ganz zum Stillschweigen gekommen; die portugiesische Gemeinde war eingeschlummert auf früher erworbenen Lorbeeren, und ist bis cheute noch nicht erwacht, die polnisch-deutsche Schule ließ sich höchstens dann und wann in einem untergeordneten Federkriege vernehmen; Stoff und Form schienen erschöpft. Aber bald eröffnete sich in diesem Jahrhundert-eine neue Bahn, man begann die europäischen Sprachen auch im Schooße des JudenthumS zu sprechen; ohne das Hebräische ganz zu vernachlässigen, welches vielmehr zur Reinheit der Grammatik und Bibelsprüche zurückgeführt werden sollte, sing man an, die Fragen und Themen des Judenthums in moderner Sprache zu behandeln, und erlangte bald eine große Fertigkeit darin. Neues Leben goß dieses in die Adern der ganzen Glaubensgenoffenschaft, das Volk, die Masse wurde geweckt, auch ihr zugänglich gemacht das innere Heiligthum, auch sie zugezogen zu den wichtigsten Verhandlungen unsres Vereins, und von dieser Zeit an wurde die Bearbeitung aller Interessen des Judenthums zu einer besonder» starken modernen Literatur, welche immer mehr Terrain gewinnt, immer mehr Fächer und Gebiete des Judenthums sich zu eigen macht. In ihr erstand auch die Geschichte des Judenthums zu neuem Leben, die Literaturgeschichte ruft die lang verborgenen Schatten in die Welt der Anschauung zurück, und die Geschichte unsres Glaubens, unsrer Religionsphilosophie und Wissenschaft wird vorbereitet. Diese Bewegung im Innern des Judenthums traf zusammen mit der neuen Lebensbewegung der europäischen Gesellschaft, in nicht zu verkennender Wechselwirkung. Von Amerika ausgehend, und den ungewöhnlichen Weg von Westen nach Osten zucücklegend, wollte die neuere Gesellschaft des Menschen ursprüngliches Recht anerkannt wissen, und ohne endlich die unausführbare Idee absoluter Gleichheit in die Wirklichkeit bringen zu wollen, will sie doch schließlich das Dasein des Menschen in bas möglichste Recht und die allerseitigste Entwickelung versetzen. Sie traf den Juden auf ihrem Wege und nahm ihn, ihrem Wesen getreu, mit. So gab sie, zuerst in Amerika (1783 —1822), dann in Frankreich (1791 —1831), Holland (1796), Belgien (1831), und Kur-Hessen (1833), vorübergehend auch in Westphalen (1808), ihm völlige Gleichstellung, in Preußen (1812), Baden (1808), Würtemberg (1810), Baiecn