Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 85 (17.8.1839)
- Date
- 1839-08-17
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
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403 ben, und sek es der „Aufgeklärteste," auf, zu erklären, ob er nicht diese Worte unterschreibe, und ob sie irgendwo Orthodoxie beweisen. Nur ist ec froh, daß Bann und Verfolgung aus der Synagoge geschwunden und verbannt sind: hier aber hat ein Rabbine Zeugnisse des regelmäßigen Synagogenbesuches und des Hersagens der vorgeschriebenen Gebete auszusertigen. Al. H. M. Norden (Ostfrjesland), 1. August. (Privatmitth.) Es fallt dem Friedfertigen und Friedengewohnten schwer, anklagend in die Oeffentlichkeit zu treten. Es fallt ihm um so schwerer, da dies nur aus dem Bewußtsein heraus geschehen kann, daß sein Frieden gestört worden, daß man sich hineingedrängt als Feind in seine Ruhe, nicht um besserer Zwecke willen, sondern um die Bande zu zerreißen, die sich um die Menschen auch verschiedenen Glaubens zu schlingen begonnen. Wir Juden leben hier seit lange mit unseren Mitbürgern im schönsten Einklang, im besten Einverstandniß. Ja, wir gestehen es gern, daß wir von unseren christlichen- Mitbürgern mit Wohlrhaten überhäuft wurden, weil — es für beide rühmlich ist, da es Zeugniß giebt, daß wir uns derselben auch würdig gemacht haben. Diese Eintracht aber weckte den Verdruß eines lutherischen Predigers, Namens Stip, welcher in dem eine Stunde von hier gelegenen Dorfe Osteel Seelsorger ist, sie ward ihm, dem unverständigen Eiferer, zum Aergerniß, und er beschloß, sie zu trüben, wenn nicht zu vernichten. Er hielt in Norden und in Pilsum Predigten, worin er nicht nur die größte Verachtung gegen unfern Glauben und unsre Personen darlegte, sondern, immer vom „Beten für uns" sprechend, dennoch so verfuhr, daß, namentlich denen, welche seine mystische und verworrene Sprache nicht zu durchschauen vermögen, Gehässigkeit, die bis zu Lhaten ginge, in das Herz gelegt werden. Diese Predigten übergab er nun auch dem Drucke, und widmete sie den christlichen Gemeinden zu Norden und Pilsum, um ihnen rechten Eingang zu verschaffen.. Ich lege Ihnen ein Exemplar bei, damit Sie sich selbst überzeugen, wenn Sie ein solches Beispiel der Intoleranz und Menschenverachtung in unserer Zeit nicht für möglich hielten. Kein Jude wird es schmähen können, wenn ein Prediger seinen Glauben für den alleinrechten anpreist, und von dessen Vortrefflichkeit zu seinen Zuhörern spricht. Wir selbst sind von der Wahrhaftigkeit unserer' Religion so durchdrungen, daß wir darum — Juden bleiben, so beschwerlich dies an manchen Orten auch sei. Dies aber.finden Sie in diesen Predigten, namentlich in den beiden ersten nicht. ' Eine solche wilde, unbegranzte Schmähung unserer Religion, eine solche Bezeichnung derselben als teuflischer Ausgeburt kann nicht gerechtfertigt werden. Solche Ausbrüche dabei gegen die Juden selbst würden in dem Munde des rohesten Menschen zum eigenen Schandfleck werden. Ja, lassen Sie mich einige derselben anfühcen, damit der Unwille, der meine Brust durchbebt, entschuldigt sei.' S. 12 heißt es: „Das Volk der Selbstgerechten (und dieses nannte er eben und immerfort die Juden) ist ein Volk, da kein Rath inne ist, und ist kein Verstand in ihnen; obwol nicht eben Kinder an Bosheit, bleiben sie Kinder am Verständnkß. Aus der Wurzel ihres Stammes ist bis heute noch nicht ein Zweig hervorgebrochen, auf welchem geruhet hätte der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit ff." — „der. Herr hat einen Schwindelgeist unter sie ausgegossen" — S. 19. „Du hörest die Selbstgerechten eifern um Gott, Lugend, Pflicht. Eine Staubwolke von Redensarten erhebt sich aus ihrem Munde und Weihrauch streuen sich gegenseitig die, so auf Mosis Stühlen sitzen." — S. 15. „sie gehen mit Lügen um und haben falsche Zungen im Halse und sind Erzbösewichter ff." Wohl, mein lieber Herr Pastor, Sie sagen zwar öfter, man solle beten für uns, aber vergessen Sie nicht, daß Sie mit dem „Schwerte" beginnen, daß Sie sagen: „mit den Menschen kein Friede!" daß Sie sagen „Laßt uns denn streiten in beiden Kirchen (luthec. und reform.) wider Einen Feind!" (das sind die Juden) und öfter — wir vergessen das nicht und auch Ihre Zuhörer leider! nicht, die wol Ihre Auslegungen und Windungen drum rum (man verzeihe diesen Ausdruck, da ja auch der Herr Pastor von „Fidibus" spricht —) vergessen, aber nicht Ihre Schlagwöcter. Und was bringt denn den Herrn Stip so mächtig wider uns auf? Es ist der Mangel am Glauben an den Stifter der christlichen Religion — und nebenbei auch nicht an Herrn Stip. Dieser Stip gehört der theologischen Schule an, welche das Verdienst der guten Wecke bis aus den Grund leugnet, und damit natürlich das Unverdienst der schlechten Wecke auch: denn wenn mir das Gute kein Verdienst, bringt mir das Schlechte auch kein Unverdienst, keine Schuld. Diese Schule läßt sich gegen das Judenthum zweierlei Fälschungen zu Schulden kommen, und beiden huldigt unser Stip gern und vielfach. Die erste, sie insinuirt, daß wir nur durch unsre guten Werke selig zu werden glaubten und nennt uns darum die Selbstgerechten. Jeder Jude weiß, daß dies grundfalsch. Keine Kirche ist von der Sündhaftigkeit des Menschen, von der Unzulänglichkeit des menschlichen Thuns mehr durchdrungen, als das Judenthum. In keiner Kirche finden mehr Bußgebete, Bußtage ff. statt, in keiner wird die Gnade Gottes mehr und demüthiger angerufen, als in der unsrigen. Der Herr Stip merke sich z. B. folgende Worte, mit denen wir unser Morgengebet beginnen: „Herr aller Welten, nicht auf unsre Gerechtigkeit vertrauend, beten wir demüthig vor dir, sondern auf deine grenzenlose Barmherzigkeit. Was sind wir? was unser Leben? was unsre Gnade? was unsre Gerechtigkeit? was unsre Hülfe? was unsre.Kraft? was unsre Stärke? was sollen wir sprechen vor dir, Ewiger unser Gott und Gott unsrer Vater? sind nicht alle Helden wie Nichts vor dir? und die Männer des Ruhmes als waren sie nicht? und die Weisen wie ohne Eckenntniß? , und die Verständigen wie ohne Vernunft? denn die Menge ihrer Thaten sind nichtig, und die Tage ihres Lebens eitel vor dir!" Und die solches beten, nennt Herr Stip „Selbstgerechte?" Wir könnten leicht aus unzähligen Stellen der heiligen Schrift, unsrer Propheten und späteres Lehrer erweisen, daß dies die Grundsätze des ganzen Judenthums sind. Wohl aufgemerkt, meine Herren, wir hoffen selig zu werden nicht