Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 84 (10.8.1839)
- Date
- 1839-08-10
- Page
- Seite 397 (sequence 9)
- Language
- German
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597 dem Geiste, mit den Bedürfnissen und'Ansichtm seiner Gemeinde immer mehr vertraut zu machen, und so diesen entsprechend seine Agende zu verfassen. — Daß wir nicht auf eine gemeinsame Glaubensreform, die etwa in Synodal-Beschlüssen, Versammlungs-Dekreten, formellen Rituale-Abschaffungen, in' offfclellen Gegenerklärungen ü. s. w. u. s. w. bestehen, unsere Hoffnungen bauen dürfen, hat schon langst eine gewichtige Stimme ausgesprochen. „Ich behaupte — und ich wünsche, daß diese Behauptung von Männern von Fach reiflich geprüft und demnach beherzigt oder berichtigt werde —, daß in unfern Zelten keine andere gemeinsame Reform möglich ist, als eine solche, die den gemeinschaftlichen Gottesdienst betrifft, der einzige Punkt, wo ein Uebereinkommen nothwendig ist; daß eine Reform, welche in die Sphäre der Privatandacht, der religiösen Gebrauche des Privatlebens, der individuellen Religions-Vorstellungen eingreifen wollte, ein Unternehmen Ware, das dem Geist unserer Zeit ganz absolut entgegen ist deren Erzeugniß, ein ohnmächtiges Zwkttergeschöpf, webet derr Glauben, noch den Verstand befriedigen, weder die Autorität des Alters, noch die Kraft und die Frische'der Jugend für sich haben, weder der individuellen Freiheit eine Schranke, noch der bestehenden kirchlichen Einrichtung eine Bürgschaft sein würde... Lassen wir uns nicht irre macken durch den Protestantismus des sechszehnten Jahrhunderts, der uns hier eher zum Gegensatz als zum Muster führen muß.... Keine Synode von Rabbinev, keine Verhandlung gebildeter Israeliten, keine noch so überlegene Majorität könnte hier den Ausspruch des Gewissens ersetzen, oder auch nur ihm zu Hülfe kommen...." (Dr. Riesser). Um so sicherer ist die Behauptung, daß, da eine Reformation in unserer Zeit nicht sowol für unzulässig, als für unmöglich, und die religiöse Reform nicht desto minder das dringendste und nicht länger abzuweisende Bedürfniß unserer Tage ist, diese nur ausführbar durch den öffentlichen Cultus ist. Dieser aber muß ganz berechnet auf die Gemeinde sein, denn nur dadurch, daß Jeder in ihm Andacht suchen und volle Befriedigung finden kann, werden wiederum Jedem die Gegenstände seines Glaubens, der ihm diese Befriedigung gewahrt, werth und theuer. — 'So wird nun dem religiösen Herzen die große Befriedigung gewährt, eine Schaar Andächtiger, welche zu Festzerten auf 900—1000 Seelen steigt, aus den verschiedensten Klassen, verschiedenen Alters und beiderlei Geschlechts, die seit der Einführung der neuen Agende am Gottesdienste Theil nimmt, zu erblicken, worunter nicht Wenige, die der Religion schon ganz entfremdet waren, wie sie sich von den Momenten des Gottesdienstes ergreifen, vonder Predigt über die erhabensten Gegenstände , des Denkens, ^Glaubens und Höffens, über Gott und göttliche Dinge Aufklärung geben läßt, und früher ungewohntem Ergüsse religiöser Gefühle willig das Herz öffnet. Die Predigt, der integrireyde Theil des Gottesdienstes, wird jeden Sabbat- und Festtag, dreimal in deutscher und jedes vierte Mat in dänischer Sprache gehalten.. Außer dieser wird an Festtagen des T nürm ein Kirchengebet gefpco* chen, und in den Sommermonaten .zuweilen unter dem Mincha-Gottesdienst ohne daß deshalb die Morgenpre« digt wegbleibt --- an Sabbattagen Vorträge über Picke Abot gehalten. Auch wird das Gotteswort bei Vereidigungen, bei Casual-Feierlichkeiten, wie am Confirmations-, allgemeinen Bettag, bei jeder Beschneiduttg und Trauung, ausnahmsweise bei Leichenbegängnissen gepredigt.. Diesen schließen sich noch an die-Gelegenheitsreden, wie bei Schutexamen u. dergl. m., die natürlich nach rhetorischen Anforderungen der Predigt bereits modisici'rten Draschst) wie auf dem Gottesacker, an den Tagen vor dem Neumond Schebat und Adar und bei den Generalversammlungen/der verschiedenen Wöhlthatigkeitsvereine, und schließlich talmudische Diskussionen bei der allgemeinen Zusammenkunft des.Talmud-Vereins (irnsfi fc'to). So werden die reinen Ergebnisse der Wissenschaft, der Religion, deren der denkende gebildete Rabbine unserer Zeit in ihrer Forschung sich erfreuet, allhier in das Leben eingeführt, und dadurch nicht allem Beiden so ihr Ansehen und Recht gegeben, sondern auch der Gemeinde damit ein neues religiöses Leben, in welchem sie sich mit Freiheit, und mit einem der inner« Kraft sich bewußten Selbstgefühle bewegen darf, geschaffen. Wenn aber, trotz dieser frommen andachtsvollen Erbauung, trotz dem in derselben mit Freiheit waltenden religiösen Geiste, das religiöse Leben bei so Vielen noch immer nicht recht gedeihen will, und unter so Vielen sich immer noch Un- und Aberglaube fortpflanzt so glauben wir den Grund dieser Eigenthümlichkeit im Allgemeinen in unserer für die Religion überhaupt so sehr bedenklichen Zeit, und allhier insbesondere in dem noch immer nachhallenden Widerstreit der alten und neuen Ordnung zu finden, und wir sehen uns also genöthigt, unsere beste" Hoffnung auf die Jugend zw setzeru Aber eben hier könnten wir uns erst der lebhaften Besorgniß gar nicht erwehren, wenn in einer so großen Gemeinde, wie hier, nicht einmal eine einzige Religions-Schule, geschweige eine wissenschaftliche. jüdische Schule-1 existirt *) —' Das Bing und Kalischsche Institut, daS 33 Jahre bestanden, müßte'auch wegen der geringen Anzahl Schüler, wie dieses bei der vorherrschenden Neigung,, christliche Schulen zu besuchen, nicht anders zu erwarten stand, aufhören. 84-