Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 84 (10.8.1839)
- Date
- 1839-08-10
- Page
- Seite 396 (sequence 8)
- Language
- German
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396 auf die positive Religion gegründete Gemeinschaft berechnen, und daher sie in reichen Schranken halten, und als unerläßliche Bedingung jede gottesdienstliche Reform, beträfe sie auch nur die Formen, dem Wesen, welches ihm biblisch und volksthümlich zum Grunde liegt, anpaffen. — Schauen wir nun auf das, was hier g-rschehen,, so legt der vr. Wolf in der zweiten Abtheilung seiner Agende über Zweck und Ziel, der zu verbessernden Liturgie seine Ansicht wie folgt dar: „Zweck und Ziel dieser Liturgie ist, den bereits bestehenden Kultus zu regeln, den rituellen Handlungen, ohne das Charakteristisch-Israelitische darin zu vermissen, eine ansprechende und erbauliche Form zu geben, daß, wie durch das lebendige Wort der Predigten auf Geist und Herz, so auch mit den vorgeschriebenen Gebeten, theils durch die Kraft des damit zu paarenden Gesanges, auf das Gemüth gewirkt werde, und die Totalität des Gottesdienstes, vermittelst besonnener Läuterung und Besserung der überlieferten Grundlage, welche diese keineswegs der Willkür preisgeben, so wie durch Hinzufügung der vom Prediger zu sprechenden allgemeinen Kirchengebete, in erhabener Würde und voller heilbringender Kraft, zur Belebung der Andacht und Erbauung sich darstelle. Es beabsichtigt diese Liturgie ferner, auch den außerhalb des allgemeinen Gottesdienstes zu feiernden Familien-Eceignissen, bei den verschiedenen Wendepunkten des Lebens, übereinstimmend mit den in der israelitischen Kirche bereits sich hierzu vorfmdenden Veranstaltungen, eine zeitgemäße, heilige Regungen hervorrufende, kirchliche Gestaltung zu geben, und so das häusliche Leben mit dem Gottesdienstlichen in Verbindung zu setzen." — Fassen wir also seine Grundansi'cht vom Kulus, wie sie uns vorlkegt, auf, so will er den öffentlichen Kultus, als Mittelglied, durch welches die fortschreitende Bildung der Wissenschaft und des menschlichen Geschlechts, überhaupt, mit der kirchlichen Lehre und dem kirchlichen Leben in Einigkeit erhalten und zur Eintracht gebracht wird, angesehen haben. Er will daher das Alte beibehalten, nicht aus gewisser Befangenheit und Anhänglichkeit an demselben, sondern aus dem fühlbaren Mangel, der das Reue trifft, das weder jenes zu ersetzen, noch das Ansehn für sich gleich jenen Formen, die biblisch-symbolisch ihre Ideen ausdrücken, noch dazu, wenn sie durch gemäße Modisicatkonen auch Gefühle wahrer Herzensreligiosität hervorzurufen im Stande sind, beim Volke abzugewinnen vermag. Denn wenn man ein Rituale, welches vielleicht mehr Jrrthum und mehr Beschränktheit der Ansichten enthält, doch einem andern verziehet,^ welches diesen Jrrthum abgelegt hat, und über jene Beschränktheit hinausgegangen ist, so ist damit nicht gemeint, daß man irgend dem Jrrthume an sich den Vorzug gebe, sondern es ist, weil jenes mit seinem Jrrthume und seiner Beschränktheit doch weniger von der Wahrheit sich entfernt und viel Wahres und Treffliches in sich hat, das von diesem, über die Beschränktheit des ersteren sich erhebenden Rituale zugleich mit abgeworfen und nicht durch Wahreres und Trefflicheres ersetzt worden ist. Er will endlich, daß oft ein kleinerer Vorthcil im Cultus preisgegeben werde, wenn ein größerer für das Ganze dadurch erhalten werden kann, und es sei daher selbst beim Gesang auf die herkömmliche Modulation Rücksicht zu nehmen. Insofern er aber die Predigt als den wesentlichsten Theil der gemeinschaftlichen Gottesverehrung betrachtet, so macht ec die Kraft und Wirksamkeit des Gottesdienstes größtentheils von der Individualität des Seelsorgers abhängig, und dieser soll wiederum nicht allein als Vermittler zwischen Gott und Menschen, sondern vielmehr als Lehrer und Freund der Gemeindeglieder, der sich auch ihres häuslichen Lebens annimmt, in der Gemeinde bestehen. — Schon die Art, wie die Reform hier eingeleitet wurde, zeigt uns, wie umsichtig dabei zu Werke gegangen ist; denn niche plötzlich, sondern unvermerkt, allmalig und planmäßig ging die Reform hier ihren Weg, indem Herr vr. Wolff die vier Jahre von der Uebernahme seines Amtes bis zur Einweihung des neuen Gotteshauses — wahrend welcher Zeit jeder Sabbat-Gottesdienst in einem dazu eingerichteten Lokale, nebst Predigt, gehalten wurde, und wohin zur letzteren die Gemeindeglieder nach ihrem in den 15 Hauptsynagogen verrichteten Gottesdienst sich sammelten — nicht nur dazu benutzte, daß er in seinen sorgfältig ausgearbeiteten Kanzelvortcägen Licht und Wärme zu verbinden wußte, und die Gemeinde bald durch Predigten von natürlicher Schönheit, Einfalt, von klarer Bestimmtheit und lichtvoller Ordnung, mehr auf eine belehrende als hinreißende, mehr auf eine herzerwärmende als erhitzende Weise im Glauben befestigte, bald durch Vorträge, in welchem er ihr die endlichen Ergebnisse seiner Forschung, wozu er auf dem Gebiete der Theologie. durch den glücklichen Fortgang der Wissenschaften gelangt war, ihr übertrug, und sie dadurch mit einem reichen Schatze gesammelter Ideen, hellerer Einsichten und umfassenderer Kenntnisse bereicherte, sie zu tieferer und richtigerer Einsicht in ihre Religion brachte — und so die Gemüther zu der von ihm beabsichtigten durchgreifenden Reform vorbereitete, wie er nicht minder während dieser Zeit unvermerkt in die Cultusform einige Veränderungen eknführte, um auf diese Weise seinem großen Unternehmen Bahn zu brechen. Ferner benutzte er diese Zeit, sich mit.