Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 84 (10.8.1839)
- Date
- 1839-08-10
- Page
- Seite 395 (sequence 7)
- Language
- German
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595 pfänglich waren. Wenn aber in unseren Tagen, wo der Kultus-Reform die wärmste Theilnahme von allen Seiten her — selbst humane Regierungen nicht ausgenommen — zugewendet wird, wo fie überall als ein solches dringendes Bedürfniß anerkannt ist, daß sie selbst von den redlichen Anhängern des Hergebrachten, nicht mehr als bloße Forderung moderner Aufklärungssucht verschrien wird, wo endlich der Kultus an den Rabbinen die eifrigsten Reformatoren gefunden hat, dennoch diese Reform noch immer nicht aus ihrem Entwickelungs-Zustande höher gefördert zu werden vermochte, keinem der geschehenen Versuche' bisher ge-' lungen ist, irgend eine bedeutende Stimmenmehrheit, weit weniger noch alle Stimmen für sich zu gewinnen, und daß, bis zu dieser Stunde, keine der beabsichtigten oder angetragenen Veränderungen im Stande war, sich eine allgemeine Annahme zu verschaffen: so müssen wir uns gestehen, daß dem ganz besondere Umstande zum Grunde liegen müssen. Die allgemeine und natürliche Richtung der Geister in unsern Tagen ist der Zeitgeist, und das erwirbt den größten Ruhm, daß etwas zeitgemäß sei! die Aufgabe ist aber nicht blos, zu fördern, was die Zeit Gutes hat, es ist vielmehr eben sowol Aufgabe, der Zeit entgegen zu wirken, wenn sie .Fehlerhaftes hat. Hierzu muß man aber außerhalb der Zeit stehen, da man sonst nicht urtheilen kann, was an der Zeit gut oder böse sei. In Mitten dieses Strebens, dem Zektgeisie zu folgen, wird aber nicht selten mit Gedanken und Gefühlen verkehrt, ohne daß das Innerste der Seele davon berührt wird, und es scheint daher was unsere Zeit schafft, den Schaffenden selbst nur ein Aeußerliches zu sein. Daß dies auch auf viele unserer Reformatoren Anwendung leidet, darüber geben uns sogar ihre literarischen Arbeiten Zeugnkß, indem die Gesinnungen, die darin vorwalten, von der Art sind, daß sie alles Eigenthümliche in Sitte, Ansicht und Bildung von Grund aus vernichten, um an dessen Statt Neues einzuführen, oder wenigstens um die Begünstigung des Neuen zunächst auf gänzliche Verurtheilung des Alten zu basiren. Wir vermissen« überhaupt darin, bei einem hohem Schwung des Geistes, Wärme der Seele, Innigkeit, israelitische Grundgedanken, so daß ihre darin niedergelegten Reform-Vorschläge mehr das Ansehn einer literarischen Anregung, als der praktischen Versuche haben, und da ihnen die Innerlichkeit fehlt, so entbehren sie auch der Stimmung, welche für das Schaffen und die Aufnahme der Geisteswerke das Wesentlichste ist. Noch auffallender und anstoßender ist es, die Nichtübereinstimmung, nicht nur untereinander, sondern mit sich selbst, die Unbestimmtheit, das Schwanken in den Ansichten, die sie leiten, zu beobachten, welches Alles die größte Veranlassung zum Verdacht giebt, daß sie etwa Gründe haben möchten, die volle Consequenz der Lehre, für welche sie zu gewinnen suchen, nicht deutlich gefaßt zu haben. — Daß auf solche Grundlage eine positive Reform des Kultus sich nicht bauen lasse, wird Jedem einleuchten, der da weiß, daß man schon, ohne Selbst-Bestimmtheit und -Festigkeit des Glaubens oder der Lehre, für welche man wirkt, ohne eigentliche herzliche Gesinnungen und Liebe dafür, ja daß sogar ohne wahrhaftige Weisheit in der Wahl und in der Act, wie man dafür redet und handelt, nicht die Gewalt über die Gemüthec erlangen und nicht die nothwendige Stimmung der Charaktere bewirken kann. — Es ist der eigenthümliche Charakter der Juden m religiöser Beziehung, mit einer Stahlfestigkeit im Glauben und in religiösen Formen, mit einer bedeutenden Lust zu eigenem Urtheil, inoem die Tora Jeglichem vorliege, daher mit Vermeidung alles hierarchischen Wesens, das Judenfeinde ganz fälschlich dem Judenthume vorgeworfen, dennoch zugleich eine große Geneigtheit, der Autorität einer Person, die einmal das Zutrauen sich erworben, zu huldigen, zu verbinden. Auch bei den Reformversuchen kommt daher Alles darauf an, von wem sie ausgehen und geleitet werden. Und wie soll sich dieses Vertrauen der Rabbine, noch dazu als Reformator erwerben, wenn sein'ganzes Leben nicht eben so für ihn spricht, als seine Fähigkeit in Schrift und Vortrag; wenn er seine Bemühungen um das Beste seiner Gemeinde oder Israels auf die'wenigen Stücke einfchcänkt, die zu dem zu reformirenden Gegenstand gehören, und nicht eben den geflissentlichen Eifer für ihr Wohl überall wie auf der Kanzel oder im Buche zeigt; wenn er mehr der Mann des Staats, der Welt, als der Gemeinde und der Religion ist; wenn er endlich selbst das Vorurtheil gegen sich erregt hat, daß er das nicht glaube, oder ernstlich meine, was er öffentlich lehrt; ja wenn er auch nur aus Mangel an Klugheit das Vertrauen wieder verscherzt-, welches er sich durch Eifer für die Religion erworben hatte? — So stellen sich also als die wahren Bedingungen einer echten Reform hervor, daß das ganze Leben dessen, welcher sie leiten will, in allen seinen Richtungen eine wahrhaft aufgeklärte echte Religiosität durchdringe; es muß daS ungetheilte Zutrauen, seiner Gemeinde wenigstens, ihm zn Theil werden; er muß planmäßig, mit besonnener Ueberlegung an das Reformwerk gehen, so daß nicht nur die Behandlung mit den Absichten im Streben, sondern daß die ganze Reform mit der Art der Bildung der Gemeinde und mit den Bedürfnissen ihrer Gemüthec übereinstimme; er muß die nach Innen zu treffenden Modificacionen auf eine.