Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 84 (10.8.1839)
- Date
- 1839-08-10
- Page
- Seite 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225098--02066-3234626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
394 Königsberg. 18. Juli. (Pnvatmitth.) Die Bermuthung des Frankfurter Briefstellers in No. 79, daß das daselbst erschienene Buch „der wahre Israelit" ein Ausfluß der Londoner Missions-Gesellschaft sei, kann ich — sonderbar! von hier auö bestätigen. Mir ist das englische Original von 1836 in 4 Heften zu je 12 Nummern,' in die Hände gespielt worden. Der Titel ist: The old paths, or a comparison of the principles and doctrines of modern Judaism with the religion of Moses and the Prophets. (Die alten Pfade, oder Vergleich der Grundsätze und Lehren des modernen Judenthums mit der Religion MoseS und der Propheten). Die einzelnen Nummern, jeden Freitag erschienen, führen die Aufschrift rna^ns nach Jer. 6, 16. Die Gesellschaft scheint den abgenutzten Weg der Anwendung von Messianischen Weiffagungen mit dem der Aufzeigung der Widersprüche zwischen Tradition und Schrift abwechseln lassen zu wollen. Einzelne Temata sind $. B. „die rabbiirische Jnfallibilität" (rabbinical infallibility) „das Purimfest" (the feast of Purim) „daS rabbinische Händewaschen" (rabdinieal washing of hands.) Der beständige Refrain ist: or tiiis contradicts the written law of God — dies und jenes widerspricht dem schriftlichen Gesetze — also? — ja das ist durchgehends der Fehlschluß, eS folgt überall höchstens nur, daß die Juden sich zu den Karaiten, nicht aber, daß sie sich zu den Christen wenden müssen. Theologie. Der verbesserte Cnttus der israelitischen Gemeinde zu Kopenhagen. ii. Pragmatisches. (Fortsetzung auS No. 78.) Fügen wir diesem noch ein kurzes Bild des Gottesdienstes am Sabbatmorgen hinzu. Der Gottesdienst beginnt /mit dem, vom Chore abzusi'ngenden Jigdal. Der Vorbeter hat der Feier des Tages gemäß die Gebete,in erhabener Weise vorzutragen, und nur die besonders angemerkten Stellen mit Begleitung zu singen, so wie auch der Chor nur bei solchen einzufallen. Den Gemeindegliedem ist es gestattet, so oft der Chor singt', mit einzustimmen, sofern sie den Takt der angegebenen'. Singweife zu halten wissen, jedoch niemals beim Solo oder vierstimmigen Gesang. böN TW wird Versweise abwechselnd gesagt, der Chor fallt singend bei 'jw b«, btfb, aiii U3“Tip, Wip ff., bei N2Q2 *»73 ff. ein. JnsonderS feierlich ist das Herausnehmen, Vorlesen und Zurückstellen der Tora, worauf an jedem Sabbat Predigt, allgemeines Kirchengebet rrnd Segen folgt. Im Musafgebet tritt der Chor wieder bei der ripinp ein, und beginnt I3*»iib8ö pa. Der Gottesdienst an den drei Festen wird ganz wie am Sabbat gehalten, und nur mit Hallel, f n3n?3, dem Umzuge am Laubhüttenseste und Gesetzesfreudenfeste, am Schmini Azeret im Mussaf nach s^wi-ib ö", irn» das Gebet öS» mit ^117733 ö« äf'iK, am ersten Peßachtage ebenso bE3, am Vorabende des Gesetzesfreudenfestes nna n^lb nwrt, die drei Megillot werden nach beendigtem Gottesdienste recitirt. Sonst sind alle Maarowot, Jozrot, Pijutim ff. weggeblieben. Nur am Neujahrs- und Versöhnungsfeste sind die Gebete unverändert geblieben wie bisher. Dies genüge an diesem Orte, indem wir des Speziellen wegen auf die Agende selbst in deutscher oder dänischer Sprache verweisen. III. Kritisches. Schon beim oberflächlichen Ueberblkck selbst dieser wenigen hier berichteten Gottesdienstlichen Reformen giebt sich uns der lebendige Geist selbstbewußter und aufgeklärter Religiosität, der in allen diesen waltet, kund. Und wir, die wir ihn, seit der Einführung der neuen' Agende, auf das Genaueste zu beobachten mehrfache Gelegenheit gehabt haben, dürfen daher — mit dem besten Gewissen — ihm das Zeugniß geben, daß in ihm dem Bedürfnisse einer geistvollen Andacht alle unnütze, abergläubische, willkürliche und ersonnene Gebräuche zum Opfer gebracht; daß die Abwartung leerer Ceremonien aus ihm weggesallen, und an ihrer Statt eine Gottesverehcung getreten ist, die zwar einfach, aber erhebend und erbauend im Geiste und in der Wahrheit der Religion ist. Wir sehen nämlich durch die Synagogen- Ordnung aus derselben entfernt, was die Stille der Seele stört, die 'Gedanken zerstreuet, und die Hochachtung gegen die göttlichen Wahrheiten schwächt, so daß jede religiöse Handlung in derselben ehrwürdig., mit geziemendem Ernst feierlich vollzogen wird, daß die Gemeinde durch das Gebäude, das die Kunst zur würdigen Stätte der Anbetung Gottes geweihet hat, sich erweckt fühlt und durch den vollen Chorgesang angeregt wird, und endlich dadurch, daß dem Gottesdienste die Predigt zum Mittelpunkt angewiesen ist. Der auf progressive Verbesserung dringende Impuls des neunzehnten Jahrhunderts hatte bereits mit dem Anbeginn desselben die besten Köpfe, innerhalb und außerhalb der jüdischen Kirche, für die Verbesserung des jüdischen Gottesdienstes in Bewegung gesetzt. Aber so sehr sie auch diese Ausgabe mit rastloser Thätigkeit in Schrift, Wort und That verfolgt haben, sahen sie sich dennoch in ihrem edlen Streben bis vor zwei Jahrzehnten mit keinem günstigen Erfolge belohnt. Wir nehmen an, daß Zeit und Umstande noch immer dagegen angekämpft, daß selbst im Judenthum die Gemüther im Allgemeinen noch nicht für Reformen, und insbesondere da diese nur von Laien ausgingen, em-