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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-08-03 · Heft 83 (3.8.1839) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 83 (3.8.1839)
Date
1839-08-03
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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384 vnd konfessionellen Abgeschiedenheit. Die Juden lebten, in der Sradr mit dem Geiste der Institutionen und Parrikulariraten der Vorstädte in fünf Gemeinden, streng von einander geschieden, so daß niemals auch nur eine ephemere Einigung für irgend ein allgemeines Interesse zu Stande gekommen war. Jede der fünf Gemeinden bildete sich ferner aus irgend einem Grunde das Primat ein, und. so in wirklicher oder imaginärer Prävalenz lebte die eine neben der andern fort, nur um sich selbst bekümmert. Diese Gescbiedenheit mußte die allgemeine Stagnation nicht nur noch steigern, da für keinen wichtigen Schritt ausreichende Kräfte vorhanden waren, sondern jede Gemeinde noch gefangen halten in dem Dünkel ihrer Bevvrrecktung, der aller Bildung zuwider, nicht selten forterbte vom Vater auf den Sohn. Hierzu kommt aber noch ein zweiter Umstand der auf die schon bestehenden Verhältnisse offenbar von nachtheiligem Einflüsse gewesen ist. ' Seit der Erlangung des Staatsbürgerrechtes dürfen keine auswärtige Juden nach Danzig ziehen; diese Institution ist zuerst von Danziger Juden selber angeregt, dann aber von der Regierung insoweit bestätigt worden, daß späterhin, da die Juden sie wollten, eine Auflösung nicht mehr möglich war. DaS war ein rein kommerzieller Akt, doch wird Niemand die Reaction deizelben auf die intellectucllen Verhältnisse verkennen. Danzig daö schon ein Mal seine heimathliche Allgemeinheit und Innigkeit eingebüßt hatte, brachte sich nun auch um allen innigen Kontakt mit der Fremde. Die alte fünfrabrige -Maschiene konnte sich desto sicherer fortbewegen nach angewohnter Weise, ein Fremder der etwa die Hand zwischen die Räder hätte stecken können, war nicht zu befürchten, der durfte nicht nahen. Fast alle jüngern jüdischen Einwohner Danzigs sind Eingeborene, Autochtoncn, und daß diese Eingeborenschaft freier und lebendiger Entwickelung hinderlich ist, ist eben so wahr als die Behauptung der Geschichtsphilosophie Laß autochtonische Staaten es niemals zu hoher Entwickelung gebracht haben. Und richtig hat auch kein Fremder die Hand in die Räder gesteckt, sondern ein Eigner, ausgestattet mit den Erfahrungen der Fremde. DaS ist der Or. Bram. Ganz Danzig muß es gestehen, und Jeder ehrlichen, unbefangenen GewiffenS darin, daß das Erscheinen des Or. Bram nicht nur den Weg gezeigt, sondern daß er sich auch mit übermenschlicher Aufopferung zuerst in die Schranken gestellt. l)r. Bram hat den schon angedeureten Zustand der Parrikularitäten und der Erstarrung vorgefunden, und er kann von Glück sagen, daß ihn gleich das Wahre, das Rechte durchdrang, daS ist Der Gedanke eines centralisirenden Moments eines einigenden Organs. Doch woher dies Organ nehmen! Natürlich, ein alter Stamm taugt nichts zum Pfropfreis. In Danzig waren die Kinder die Vermittler zwischen der starren,, vereinzelten Vergangenheit und der lebendigen, organischen Zukunft. Danzig hatte zuvor keine öffentliche jüdische Schule; dieser Mangel, so begründet er auch in sich selber sein mochte, trat minder dadurch an den Tag., daß er weniger die bemittelten Eltern traf, denen jedenfalls noch andere, wenn auch in gewissen Beziehungen unzulängliche Wege für die Ausbildung ihrer Kinder offen standen. Aber Danzig hatte auch keine Stätte für solche Kinder, denen die Eltern kaum das Brod geben konnten, und daS. war in der Lhat ein großes Unglück. Das drückende Mißverhalmiß ln Danzig zwischen Reich und Arm hat offenbar einen Shell seiner Begründung in der vernachlässigten dürftigen Jugend. Großgeworden in einer Armuth die oft vom Hunger gezwungen ist den Tritten des gradcn, rechlichen Weges Auge und Ohr zu verschließen, also in krankhafter, oder gar keiner Moral, baar jeder wissenschaftlichen Vorbereitung für ein Handwerk oder sonst thätiges Fach, mußten ganze Schaaren trödelnd, bettelnd herumziehen, entgegenlauernd dem Gewinn der Stunde. Hierin harre sich Danzig versündigt, und darum mußte es sich'S auch gefallen lassen, Diig man jeden Trödeljungm, wo er aufstieß, als seinen TypuS, als fern Charakteristikum nahm. Dies Dilles muß man genau wissen wenn man den heute osienliegenden Fortschritt ganz soll würdigen-können. Gewiß, ein Fortschritt, alle Diejenigen zu begeistern, denen Menschenwohl ein tröstendes, versöhnendes Begegniß des Lebens ist; aber auch in seinem Gegensätze geeignet daö ganze Maaß des frühem Jammers aufzudecken. Ein großes Recht muß man Danzig zugestehen bei allen frühem Sünden: Bildungsfahigkeit und Ehrlichkeit. Denn wie sauer ihm auch die ersten Schritte auf dem Wege der neuen Organisation werden, so beschloß es doch muthig sortzuschreiten, es dem l)r. Bram niemals Heb! habend, daß er es sei der ihnen den Weg bahnt durch alle Krümmungen und Klippen. Am I. Mai v. I. ward die Doppclanstalt eröffnet: die Gemeinden-, und die Freischule. Das. erste Jahr der Existenz ist nun vorüber, aber auch das bedeutungsvollste, die Krise. Institute von allgemeinem innern Charakter, aber basirend auf partikularen materiellen Mitteln können, zumal im Anfänge, zweideutigen Urtheilen über sich nicht unausgesetzt bleiben, und so kam es denn bin und wieder im ersten Jahr vor, daß man die ganze künftige Existenz in Frage stellte. „ Doch die Skrupel sind gelöst; das Institut war sich selbst Dolmetscher. ES bekundete in der ersten öffentlichen.Prüfung am 3. und 4. April d. I. in Bezug auf beide Anstalten ein Mal die unlaugbare Nothwendigkeir seines Daseins, und wieö sodann auf eine siegreiche Weise all die Vorwürfe und Jämmerlichkeiten zürück die man jüdischen Schulen aufzuladen so schnell bereit ist. Daö war genug in dem Herzen eines jeden Einzelnen einen Anhänger für den neuen Fortschritt zu gewinnen, und diese Anerkennung war um so wichtiger, da sie in reelle Theilnahme übergehen. mußte, ohne die eine Anstalt, in Ermangelung eigener Kräfte nicht bestehen kann. So steht nun das Institut in Danz»g als wesentlicher Centralpunkt aller jüdischen Jnierefsen, frei von allen Parrikulariraten, welche eben zu versöhnen in seiner Aufgabe liegt; und man darf sich der gerechten Hoffnung hingeben daß schon nach Qlblauf des ersten Jahrzehnd sein reicher Seegen den schon jetzt Viele ahnen, rhatsachlich in die bestimmten Formen des Lebens wird cingedrungen sein. Referent steht selber in amtlicher Beziehung zum Institute, doch die Freimüthigkeit seines Wortes mitten auf dem Boden seiner Function mag den Standpunkt der Unparteilichkeit verbürgen. ES mögen sich hieran noch einige mehr statistische Notizen über das hiesige Schulwesen schließen. Daö gesummte Schulwesen umfaßt drei von einander getrennte aber in Administrativer Hinsicht .zusammengehörende Anstalten: die Gemeindenschule, die Freischule und die Mädchen- Freischule. Für die statistische Administration der beiden ersten hat sich ein Comir« constituirt, der letztem aber die zwar schon seit Jahren bestehr, aber erst seit dem Einwirken des vr. Bram die nörhige Pracision erlangt hat, ein Frauenverein, der mit nicht genug zu rühmenden Eifer für das Wohl seiner Pfleglinge bemüht ist. Dr. Bram dirigirt das Ganze mit einem rastlosen ewig neuen Eifer und mir einer eisernen, stets unverdrossenen Ausdauer, unterstützt von fünf Lehrern und zwei Lehrerinnen. Die Gemeindenschule zählt gegenwärtig vires 100, die Freischule 80 und die Mädchenschule 56 Zöglinge. Da diese Zeilen nur den Eingang bilden sollen zu künftigen Referaten über^ Danzig, und vornehmlich über daS Schulwesen daselbst, so mögen die gegebenen Andeutungen gegenwärtig ge- A. Horwitz. Druckfehler: S. 824. Sp. 1. Z. 20. lies „Dinten" für „Dieken" Z. 27. „nach" für „noch". Z. 29. „nach" für „noch". S. 364, Sp. 2. Z. 24. von oben lies „Samstag" für „Sonntag".

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