Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 83 (3.8.1839)
- Date
- 1839-08-03
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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579 Jude Shakespears ein Musterbild, ein stehender Typus und hervorragendes Paradigma. Ec wird verschmähet und verachtet, seine sorgsam gesammelten Dukaten werden ihm ausgeprellt und abgezwungen, seine Tochter verführt, bis er allein dasteht arm, verhöhnt, kinderlos und der Buben Gelachter. Denn, wiewol seine Mission eben auf die rohen Gesellen, die ihn necken und kranken, abgesehen ist, ist ihm dieser Ehrensold das gewisseste, was er vorläufig davon tragt. Er hat nicht einmal die Freude an den Fortschritten, an der Verbeßrung dieses rohen Geschlechts mit den subtilen abg'eschliffenen Höflichkeiten gegen einander! Weiß er doch selbst kaum, was es denn eigentlich mit seinem Stande und seinen Plagen für einen tieferen Grund habe. Wenn er das wüßte, würde ihm das nicht mehr Sanftmuth und weniger Kummer veranlaßt haben? Das schlimmste Leiden ist das, bei dem man nicht weiß, zu welchem Endzweck, nächst demjenigen, da man weiß, aus welcher Ursache. Keins von beiden wußte der Jude des Shakespear; und, weil er das nicht wußte, wurde er so wild, so unbarmherzig, und so unglücklich. Zn der irdischen Natur überhaupt gilt das Gesetz des Schmerzes. Jede Verwandlung geht unter Schmerzen vor sich; unter Schmerzen des Neuen, in das sich das sich Verwandelnde umgestaltet, besonders aber unter Schmerzen des Alten, des sich Verwandelnden selbst, das selbst an diesem Processe der Regel nach untergeht. Der höchsten Lust am Jungen folgt in der untern Thierwelt unmittelbar der Tod; der Freude des Gebahrens ist der Schmerz schon beigemischt; die ganze Vegetation wird von diesem Gesetze beherrscht. Wen kann es wundern, daß ein solches auch in dem Reiche geistiger Geburt herrscht? Sokrates sprach sich die Kunst seiner Mutter zu. Sie war Hebamme, und stand den Müttern in ihren Schmerzen bei. Sokrates unterschätzte sich aus Demuth. Ec war mehr als seine Mutter, und fühlte selber die Wehen einer geistigen Wiedergeburt im Kampfe und im Ringen mit seinem Anthett an der Erde, mit der Hartherzigkeit und Widerspanstigkeit feines Weibes und seiner Mitbürger, und endlich, nachdem er die Frucht einer erhabnen geistigen Gestaltung, gezeugt, geboren, und gepflegt hatte, starb er an Folgen dieser Operationen, unter den Verwünschungen feiner ^Stadtgenossen, die ihm das Todesurtheil sprachen, und nur von wenigen erkannt und geliebt. Das war auch ein „Knecht Gottes" unter den Athenern. Auch unter dem Knechte der Knechte Gottes gab es dann und wann solche, die ihren Stand und ihre Bestimmung begriffen, aber'sie hatten nicht das Glück des Sokrates, kein rehabikitirendes Orakel, das sie in integrum restktuirten. Einen solchen schilderte uns Lessing von seiner Perspective aus, eine Schöpfung, die zu verherrlichen jener deutsche Genius nichts versäumte, nichts vergaß, nichts vernachlässigte, als — die Basis, auf welcher er sie aufrichtete. Aber eben diese Basis ist im gegenwärtigen Falle nichts weniger, als Beiwerk und Nebensache; diese Basis, so wenig dem Auge scheinbar, ist doch, innerlich so hoch und erhaben, daß sie es eben ist, die den in die Wolken zu einer Riesengestalt hebt, der ohne sie vielleicht der geringste unter den Söhnen der Erde sein dürfte. Keine ausgezeichnete. Naturgabe, keine besondere Begünstigung des Geschickes tragen und heben den „Knecht Gottes;" abe? der Grund und Boden, auf den er gestellt ist, das Pkedestal dieser Figur, dieser geistigen Mauer aus ewigen Granitmassen, giebt ihm seine Kraft und seine Höhe, und laßt ihm Muth und Ausdauer zufließen, aus wunderbaren, unsichtbaren Quellen. Wie hatte er sonst allen Feinden trotzen; aller widerstrebenden Macht die Spitze bieten; Kerker, Verbannung, Schwert, und dem Hohne der Buben widerstehen mögen? Es ist daher ein xium üesillerium, daß einmal ein Rtzcensent die Sachlage, wie sie an sich ist objektive, würde ein Philosoph, sagen — betrachtete, und nicht von seiner Gemüthslage aus — subjective — wie der, in der allgemeinen Lileraturjeirung: denn' der Verfasser gegenwärtiger Blatter kann seiner Sache so sicher nicht sein, so sehr er sich auch vernimmt, derselben nicht zu viel zu thun, und nur die Frage, die Frage allein ihrem wahren Inhalte nach zu erörtern. Er ist in diesem Bereich zu sehr Subject, um nicht fürchten zu müssen, daß etwas von dieser Subjettjvität mit in seine Darstellung übergegangen sein könne. Nicht also etwa, als ob er diesen Zusatz als etwas Nachtheiliges ansehen würde; die sich vertheidigende Subjektivität gegen eine so arge feindselige, hat die Verpflichtung nicht, die Schwächen des Gegners zu bedecken. Fodert solches der Gegner, so ist er mindestens ein Narr, der seinem Feinde die Peitsche in die Hand giebt, um für sich allein das Schwerdt une Lonne epee trariehaate, wie es Ludwig der heilige in den damals gebräuchlichen Controversen mit Rabbinen in Anwendung bringen wollte, zu behalten und nun wunder wie wohlwollend und liberal gehandelt zu haben glaubt. Wenn aber ein kluger, unparteiischer, und gradsinniger Necensent einmal aufstünde, und diese Problemate vom Volke Gottes seiner Behandlung würdigte: das wäre eine gute Sache, und ich bin anmaßend genug, zu glauben, daß ich ihm, noch außer diesen, einige nützliche Notizen mittheilen könnte. Sollte jedoch irgend einer der noch lebenden Recensenten meine Rede übel verspüren, und den ^Mund'verwegen nennen, der die Verteidigung seiner Sachedurch schonungslose Behandlung der feindseligen Sycophantie ins Leiden-