Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 83 (3.8.1839)
- Date
- 1839-08-03
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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378 an zu hören, was all seinen Voxfahren und ihm jemals die Ausdrücke „Knecht Gottes" gegolten, so würde sich das schwache Reis jenes alten Baumes vom Jordan eine geringe Hoffnung machen, daß er ihm einige günstigere Gedanken von jenen frommen Einbildungen beiznbringen im Stande sek. Aber, wird er diese Worte Lesen? wird er, wenn er sie liest, sie der Aufmerksamkeit werth finden? Wird er, wenn er sie der Aufmerksamkeit werth findet, anerkennen? öffentlich anerkennen? Das sind Fragen, die nicht ihre eignen Antworten sind! — Was ist dem „Knechte Gottes" Der, deß Knecht er zu fein sich rühmt? Er ist das heilige, ewige Wesen, dessen ganze Wesenheit Güte, Gnade, Reinheit, Freiheit des Willens ist — heilig, das ist die Summe aller geistigfreien Attribute deß Geistes, dessen Knechtschaft der Ruhm und der Stolz.des Judenthums seit ven Tagen Abrahams war, und bis auf diesen Tag noch ist. Nun weiß das Judenthum, das zu einfaltig ist, um jemals viel auf philosophische Abstractionen halten zu können, von keiner eigentlichen Idee, von keinem Begriff; sondern nur von -einem lebendigen Einzelwesen, einig und einzig kn solcher Art, wie kein andres Individuum z. B. ein menschliches Individuum, das Brüder, Vater, Mutter, Verwandte -rc. hat. Das Judenthum ist also niemals auf den Gedanken eines summi boni, eines kategorischen Imperativs, einer Kalokagathie u. dgl. gekommen, wie es überhaupt in solcher Art gar nicht auf Gedanken kommen mochte, weil umgekehrt alle derartigen, in seinem Bereiche unzutreffenden, Gedanken zu ihm gekommen sind. Wenn nun die alte Stoa einem absoluten Gut und absolut Guten; die Akademie einer harmonisch-organischen Vollendung; das Lyceum einem über alle Entelechie erhabnen Nus und der Zweckmäßigkeit; die neue Kritik dem absoluten Sittengebot rc. rc. sich unterwarfen: so drückt sich dieß alles im Judenthume in dem Ausspruche „Knecht Gottes" aus. Denn eine Ab- .straction ist ihm ein Nichts; das Etwas aber, an dem all die Herrlichkeit der Geistigen Würde haftet, ist Er vor dem der Israelit sich in Demuth und vollkommner Entsagung seiner selbst niederwirft. Der sich niemals unter den Scepter von Tyrannen freiwillig beugte, und das Joch der Römer mit solcher Gewalt schüttelte, daß das alte Reich von dem Euphrat bis an die Säulen des Herkules zitterte; der über den makedonischen Schaaren seine siegreichen Paniere hinwehen ließ, und sich dann in freudigem Erzittern im Dankgebete als treuer „Knecht Gottes" niederwarf, kann man dem freiwillige Knechtschaft vorrücken? — Oftmals, nach gewonnener Freiheit, mochte das Siegeslied, der Stufengesang am Altäre des Höchsten laut wie ein Sturm hervorgebrochen ftm, und an den Stufen jenes Heiligthumes wurden dann auch die Drademe der Könige und die Stabe der Heerführer niedergelegt. Das war die Aeußerung inniger Gottesfurcht, und freudiger Hingebung an deck Erhabnen. Nur ein abgefallener Dämon kann dieß für Sklavensinn erklären, kann diese Unterwerfung als das, was sie ist, als höchste Lugend, nicht fassen; weil eine solche ihm selbst fremd; weil sein Geist von Selbstsucht verdunkelt ist. Und nur ein hochmüthiger Mann auf dem Rezenstrschemel thut dergleichen! Das ist die Eine Sekte! Nun nehme der Herr Recensent es nicht übel, wenn ich die Sache auch nach der andern Seite wende. Der „Knecht Gottes" ist gewissermaßen unfreiwillig Knecht, er ist erkauft, erlöst aus der Knechtschaft Mizraims, aus der Herrlichkeit des Ziegelstreichens und Strohlesens, aus der Kammerknechtschaft Pharao's, und befreit von seinen, durch Hrn. Prof. Fries in Jena gepriesenen und allen Regierungen anempfohlenen, polizeilichen Maßregeln. Jeder jüdische Hausvater kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß ihm seine Knaben nicht in den Nil, in die Leuthra, oder im Neckar wie die jungen Katzen ersäuft werden. Das ist schon Etwas! Aber „der Knecht Gottes" hat es dafür auch bitter und sauer. Sein Herr hat ihm ein sehr schweres Amt übertragen. Ein Amt, das er, wie ich nach und nach erfahren habe, nicht los werden, von dem er nicht abdanken kann. Mir sind selbst eklatante Beispiele bekannt, daß Leute „die Zwangsjacke" zerrissen, und durch „die Dusche," die sie sich geben ließen, von jener wahnsinnigen Idee — wie sie es bezeichneten — entbunden zu sein glaubten: eitler Wahn! Sie waren mit die eifrigsten unter den arbeitenden Knechten, und entgingen trotz allem dem Bileamischcn Schicksale nicht. - Ich kenne einen solchen „Knecht Gottes" der sich mächtig gerüttelt und geschüttelt, und endlich sein Joch abgeschüttelt hat — mein! nicht hat. —^ Er wandelt — sagt er von sich — ein „wänderndec Traumjager" um seinen ehemaligen Genossen vielleicht auf dem Rialto zu treffen, dem er von seinem Vetter, einem Hrn. v. Schylock, etwas Angenehmes mitzutheilen habe. Der kennt den Hrn. Schylock senior, intus et in cute! und weiß, wo der Schuh ihn drückt. Schylock senior ist der aktive Asm- — von dem nicht mehr die Rede sein sollte! — Einer jener „Knechte Gottes," Der einige Zeit vergessen konnte, in wessen Dienste er stand, und sich höchst ungebührlich in Gegenwart seines Herrn — betrug. Der Knecht Gottes nun war und ist -ein Knecht von ganz eigenthümlicher Act. Knecht und Sohn zugleich. Seine Dienstbarkeit ist eine freiwillig-unfreiwillige, wie die Knechtschaft der Biene im Dienste der Wanzen. Sie sammeln Wachs und Honig — tos, non vobis! — und müssen noch unbewußt die Blüthen befruchten helfen. Wiederum ist der