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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-07-27 · Heft 82 (27.7.1839) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 82 (27.7.1839)
Date
1839-07-27
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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369 irten Hof, als die Brüder mich erkannten und ln Freudengeschrei ausbrachen, als ich die wüthenden Feinde erblickte, die unsre Mauern rasend umjagten, als sie Scheiterhaufen uns gegenüber errichteten, und unter Spottgesangen die gefangenen Frauen, Kinder und Greise verbrannten, als die Lausenden innerhalb der Synagoge in einem Schrei um Rettung riefen: da wachte es auf kn meiner Brust, es zersprang das eherne Band, das mein Herz umschlossen und zusammengepreßt, es schwoll die alte Wuth wieder herauf, herauf, die Sehnen des Arms spannten sich, Feuer ents^rühte den Augen, und die Zahne knirschten zusammen. 2ch bin wieder Mensch worden zu Menschen. Ich will wieder, mit aller Spannkraft der Seele^) Und dennoch, was wollen wir? Dle Noch ist aufs Höchste gestiegen. Drei Tage sind unter unaufhörlichem Kämpfen, unablässiger Abwehr verflossen, die Feinde rücken vorwärts, wir zurück. Die Speise ist ausgegangen, die Eysterne leer, der Arm erschlafft. Sie haben hinausgesandt, Boten, zum Unterhandeln. Aber die Boten wurden, ohne gehört zu sein, zu Tode gemartert, vor unfern Augen, unser Schicksal uns verkündend^ Pelus, der grimmige Prokonsul, zeigt drohend und mit wüthender Geberde auf mich, wenn ec mich erblickt auf der Mauer; dann richten die Bogenschützen ihre Pfeile auf mich, die Wurfgeschosse fliegen auf mich ein — aber sie prallen ab vom Panzer und verfehlen ihr Ziel. — Und ihr seid nicht Juden von Jerusalem, ihr Männer von Antiocheia: Drinnen im Hofraum sitzen sie wehklagend. Gern gaben sie mich und alle für ihre Erhaltung. Aber der mordtrunkene Sieger verlangt Alle zum Opfer. Wenn die Grundpfeiler des Gebäudes wanken, jammern sie auf, wenn ein Balken von den erzitternden Zinnen stürzt, heulen sie empor. Nur Schulamith, ihren greisigen Vater stützend, wandelt umher und ermuthigt die Bebenden. Sie erinnert an den Gott Israels, der mit Hülfe nahe ist, sie spricht vom rettenden Tode, der Schmach und Druck beendet, sie erzählt von den Helden Jotapat's, dieHlch dem Tode statt dem Feinde gegeben. Aber sie hören unwillig, und schmähen sie und Gottes Verhängniß. Es ist wieder Nacht geworden, und das dunkelblaue Zelt des Himmels mit Sternen besät. Draußen und drinnen ist es still geworden. Die Mordlust und die Verzweiflung schlummern beide, nur durch die Mauer getrennt. Ich lehne mich an einen Vorsprung des Eckthurms und schaue hinaus. Dort im Mittag liegt die Trümmerstätte Jerusalems Ln weiter Ferne, und auf ihr ruhen die Kampfer und die Geschlachteten, unbegraben, ein Fraß der Schakals und Geier. Ich sinne nach, was werden wird aus Israel, von dein ein Glied nach dem andern dem Schwerte anhekmfallt, aus dessen, unverharschten Wunden immerfort das wärmste Herzblut strömt. Laut rufe ich in die Nacht: Wo bist du nun Israel? Nirgends. Wo deine Heimath? Nirgends. Wo dein Mitlelpunct? Nirgends. Ist das Juda, was da als Bröckelgeftein geworfen ist über Süd und West, ein Körnlein überall hin? Bist du gewandert vom Nilos, hast du gekämpft und gelebt durch anderthalb Jahrtausende, um nun als zitternder, zagender Greis unter die Völker zu wandeln? Was solltest du? was sollst du? wie lange wirst du noch sein? . Wozu? Verstehet dich Jemand? dein Seufzen wie dein Weinen, deine Kunde und deinen Glauben? Spotten sie nicht alle deiner? der stolze Römer, der (eitele Grieche) der sklavische Syrer, der versteinerte Aegypter? Was sollst du ihnen bei ihnen? Willst du dich nicht verlassen, wie dein Gott?,.. Eine sanfte Hand legt sich auf meine Schulter. Du bist es, Schulamith. „Der Retter wird kommen, flüstert sie mir zu. David, der Gesalbte, der den Stuhl auf Zijon MAr aufrkchtet. Ein Sproß wird ausgehen aus Jkschar^Stamm, und zum Zepter werden über die Heiden. Weißt du das nicht?" Ja, Schulamith, morgen kommt der Erlöser: wir werden morgen sterben. Morgen gen Abend werden die Mauern sinken, und Römer und Syrer über sie einziehen. „Und was liegt daran, wenn wir sterben? Sind wir Israel? Erkühnst du dich, dich zu halten für. eine Säule Juda's? Ja, wir werden sterben, morgen, übermorgen sterben — aber Israel ist des Herrn Volk auf ewkg^wie Sonne und Sterne des Herrn Leuchten auf immer?) Israel lebt stets." Ja, es lebt. Aber ein Leben des Sklaven, den der Herr mit Füßen tritt, ein Leben des Jochthiers, das die Stachel des Treibers fühlt, mit verbundenem Maule, das Leben des Hundes, der den Speichel leckt deß der ihn schlagt. So Israel ist ein Volk von Kca- . mern und Wanderern, was kann der Herr aus ihm machen? Aus Felsen schlug Moscheh Wasser, aber welch' Lebensstrom kann fließen aus geknechteten, niedergedrückten und zerschlagenen Menschen? — „Amnon, aus dem Sande wächst das Gold; aus den dunkelsten Wolken fährt der Blitz. Amnon, der Mensch ist groß, nicht in Purpur und auf den Stühlen des Glücks , sondern im Gewände des Elends. Schlage dein Volk nicht selbst mit eigener Ruthe. Der Wandrer Abraham ward zum Fürsten der Erkenntniß, der verknechtrte Joseph zum Herrn der Völker, der Hirt David zum Sänger des Glaubens. In Israel stirbt die Kraft des »Geistes nicht. Immer zerbricht sie die Fessel, ersteht aus dem Staube, und erhebt ihr Haupt zu den Sternen. Siehe, der Kluge vettheilt sein Gut hierhin und dorthin, 62 *

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