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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-07-06 · Heft 79 (6.7.1839) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 79 (6.7.1839)
Date
1839-07-06
Page
Seite 323 (sequence 7)
Language
German
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323 Stadt-, die langsam wieder aufecsteht aus den Ruinen, welche eine alte zurückgelaffen. Mein Auge hing an den Hügeln des Hymettus, über deren. Welle-nkinken sich ein durchsichtig blauer Himmel legte. So ost chatte meine Jugend sich hierher gewünscht; es war erfüllt worden, wenn auch auf traurige Weise: und nun hatte ich Bangigkeit im Herzen. ^Grabet, ihr kindlichen Menschen, dürchwühket die Decke der Erde, um an einer zerbrochenenverstümmelten Statue, die ihr zu,Tage fördert, eine sonderbare Freude und einen erkünstelten- Enthusiasmus zu entzünden: wo ich Trümmer sehe, da erblicke ich einen zerschlagenen Gedanken, eine guillotknirte Idee, ich sehe ein menschliches Herz in dem Gestein zu Tode zucken, einen Geist seinen letzten Seufzer stöhnen; ich sehe die Seele des Meisters kn sein Werk gebannt, wie sie., in den Fesseln eines Scheintodes, alle ihre edlen Theile sich entrissen fühlet, und nicht um Hülfe, nicht wehe! rufen kann?/ Die Sonne schien hell und heH hernieder: dennoch sah meine aufgeregte Einbildungskraft viele Schatten. Hereindrang die Fluth des athenischen 'Volkes, mit ihrem ewigen Gemurmel; sie saßen, standen, lagen um den Rednerstand; .hervordrang ein begeisterter Sprecher, mit beflügelten Lippen; Demosthenes donnerte gegen Philippos und streckte drohend die Rechte gen Norden. Dann schwirrte mit schwarzem Gefieder die Zeit über Hre Häupter hin, und schlug in helles Hohnlachen auf/ und ste versanken allesammt, Hörer und Sprecher, in die Tiefe. Die Saulenschafte-ringsum, die liegenden und stehenden Und halbgesunkenen, sahen mich traurend an, und sprachen: „das haben wir Alles auch gesehen, und Vieles mehr; ste baben/uns zurückgelassen als'Zeugen, aber die Barbaren haben unsre Zunge gelahmt, und die Fremdlinge kommen noch heute, und zerschlagen uns, und tragen uns fort über has Meer, von unferm blauen Himmel in dunkele Zimmer, kindischer Neugier zum Spielwerk!" Da drängte es mich, siezu beruhigen. - Ich sprach: „Klaget nicht. > Sehet, ich bin eine lebende Ruine eines Volkes, und ihr 'seid nur todte. Ich ka.nn reden, und was hilft es? Euch holet man, und mich verjagt mgn. Hier stehe ich, ein Jude, auf den Trümmern der Hellenen, Trümmer auf Trümmern. Wisset ihr noch/ wie Grieche und Jude sich kennen lernten? Ihr werdet davon gehört haben. Wir waren zuvorkommend und freundlich, wie nie gegen Fremdlinge. Wir lernten eure Sprache und 'Sitten, und wurden ihnen zugest'nnt*). Aber Javan kam mit dem Schwerte des Unterdrückers, und zerschnitt unfern Vorhang, entheiligte unser Heiligthum, schändete'unsere Jungfrauen, °) Makkab. 2 B. 4, 13. ff. Und zündete den Scheiterhaufen für unsre Wkttwen und Kinder. ' Da flammte das alte Feuer Juda's, des Löwen, kn uns auf, und wir wiesen euch wacker aus unfern Gauen. Da rangen wir miteinander fortwährend, bis — wir beide Sklaven wurden. Seit dem bluten unsere Wunden, ihr aber seiv todt und stumm." — Da vergaß ich endlich meiner Zuhörer, und sprach in mich hinein: „Wie? Grieche uno Jude sind auferstanden. Er aber ist sich untreu geworden, wir sind uns treu geblieben. Der Grieche ist längst nicht mehr Hellene. Mit allen Horden hat er sich vermengt. Hunnen und Afrikaner, Gothen und Syrer, Römer und Germanen, Asiaten und Kreuzfahrer haben einen Bastard aus ihm gemacht, dem,, statt Gesinnung und Geisteskraft, nur eine verkümmerte Sprache von seinen hohen Vorder» sich vererbte. Der Jude ist aber Jude geblieben; 'obgleich in aller Welt, blieb er außer aller Welt. Hatte ec keine Empfindung für die Reize der Welt? kein Gefühl für die Pracht und die Ehren der Welt? Wogte es in seinen Jünglmgen nicht, sich zu stürzen in den Rausch des Lebens, und deffen ganzen Kelch zu leeren? War die asiatische Glut nicht mit hinüber gewandert unter die Oelbaume Granada's, unter die Trauben vesVefuv's, unter die Eichen Deutschlands? Dennoch.blieb Alles nüchtern an ihnen und keusch, und sie bückten sich tief, und trugen die schwerste Bürde der Schmach — um sich zu wahren! um sich ihre Vater, und ihren Vätern ihre Enkel zu wahren — Knechte von außen, Helden im Innern. Helden in Knechtesgestalt!-Aber der Jude und. der Grieche ist 'auferstanden. Der Jude im Reiche des Geistes, der Grieche im Reiche der Welt. Aber der Jude ist auch da Jude geblieben, was ist aber der Grieche? Sind seine Vater, ist ihr Leben, ihr Glauben, ja nur ihre Kunst mit ihm auferstanden? Es ist nur der Name, der mit ihm auferstand —.aber mit dem Juden im Reiche des Geistes sind immer noch seine Vater, und sein Glauben wieder auferstanden, und diese sonnen sich an dem Lichte der Neuzeit, und können es wohl vertragen. Darum — wandte ich mich wieder zu den Säulen — sind wir zwar kein jüdisches Volk, aber doch Juden, und ihr, griechische Trümmer, bleibet liegen, obschon der Grieche aufersianden!" Da hörte ich in der Nahe scharren und graben, dm Klang der' Schaufel und Hacke. " Ich wandte, mich um, und erblickte einige Deutsche, Baiern, welche eine Nachgrabung veranstalteten. Ich gesellte mich zu ihnen / und wir ergötzten uns, unter dem griechischen Himmel in den'Tönen der theuern Muttersprache uns zu ergehen und des fernen Vaterlands zu gedenken. Sie förderten mancherlei zu Tage,

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