Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 78 (29.6.1839)
- Date
- 1839-06-29
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 4× ep/1024888
- Arrian 1× ep/1024741
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70 meinten, die Seelen der Weisen würden bis zum allgemeinen Weltbrande fortbestehen *), also immer noch Zeit genug, um den Lohn ihrer Großthaten einzusammeln und genießen zu können, allein ich will nicht zu rabulistischen Künsten meine Zuflucht nehmen, die mir hier auch wöl nichts nützen würden, da es dir zweifelsohne bekannt ist, daß Cicero ausdrücklich sage, die Stoiker hatten Alles, was in der Mythologie von einem Zustande nach dem Tode gelehrt wurde — also auch Belohnung und Bestrafung — für Erdichtungen gehalten, die kaum alten Weibern glaublich waren. Nichts destoweniger aber war ihre Aufopferung keine völlig uneigennützige, denn sie hofften durch sie Unsterblichkeit in ihrem Sinne — ewigen Ruhm, also nur einen andern Preis, aber doch immer einen Preis — zu erlangen. Dieser ewige Ruhm war ihre Seligkeit, und wenn sie in Vergleichung mit ihm alles Andere geringschätzten, und für ihn Alles Hingaben, so handelten sie in ihrer Weise eben so selbstisch, als die Rabbinen, denen ja in der Theorie auch der Grundsatz nicht fremd war ba '■Dl ö*>d:d Der zweite Grund deiner Abneigung gegen meine Vergleichung aber liegt in dem Umstande, daß es allerdings verschiedene Speckes Tugend sind, welche die von Cicero angeführten Römer und die von mir ihnen zur Seite gestellten Rabbinen übten. Jene legten ihre Opfer auf den Altar der politischen (bürgerlichen) Tugend nieder, ich möchte ihre Tugend eine virtus forensis nennen, diese aber huldigten der bescheidneren religiösen Tugend, der virtus domestica, wenn ich so sagen darf; jene übten sie an den Mauern angegriffener Städte, diese m den Tempeln der Gottheit, aber in beiden ist ja, wie die Stoiker selbst sagen **), die Tugend zu finden, das Genus ist doch immer dasselbe. Hatte ich meine den Tod muthig erduldenden Rabbinen mit Sokrates und etwa die kühnen Makkabäer mit deinen tapfern Römern verglichen, es hätte dir gewiß besser zugesagt, allein es war mir nicht um Zusammenstellungen nach Art plutarchischer ^itae parallelae, sondern blos darum zu thun, in Beispielen zu zeigen, daß es auch unter den Rabbinen Männer gab, .die für das, was sie als recht und gut erkannten, muthig und ruhig zu sterben wußten. Aaron: Wenn du aber, Freund Levi! am Schluffe deiner Gegenrepe verachtend' von der unansehnlichen Todesweise dieser Männer sprachst, so kann das nur heißen, ihr Tod sei minder elegant, minder comfortable gewesen, denn für so groß als z. B. der des Cato muß er jeden Falls angesehen werden, da dieser doch nur das Leben abwarf, weil es ihm zu lästig war, ihm mißfällige, unangenehmen Verhältnisse mit anzusehen und zu ertragen. Levi: Ich gebe mich zufrieden, weil ihr es so wollet, obgleich diese Zusammenstellung meinem Gefühle immer noch nicht zufagt, weiß auch mein Verstand nichts mehr dagegen einzuwenden. *) Diog. Laert, VII, 157. Plot, de plac. pbilos. IV, 7 rrjv <T iGxvQOTHQCiV oitt iatl neol iovg aotpovg xal 7VS &X7ivQ(oae(og. Sen. Cons. ad Marc. 26. Arrian. III, 7 cnfr.. Sallust. bell. Cat. 3 vel pace vel bello darum fieri licet. Fahre nun fort und gehe auf das dritte Paradoxon über, das schwierigste von allen, das in der Tyat seinen Namen verdient; es dürfte dir aber ein saures Stück Arbeit werden, zu dem Satze ''Ou iaa tu a(.iaQii]fxaia xal tu xaTOQd’Wf.iaiu Parallelstellen im Talmud zu finden. Moses: Es kömmt dabei nur auf die Auffassung und Bedeutung des Satzes an, den wir uns denn auch in's Klare legen wollen, ehe ich meine Nachweisung dazu beginne. Daß die Stoiker mit diesen Worten nicht sagen wollten, die Tugend oder rechten Handlungen einerseits, und die Laster oder schlechten Handlungen andrerseits seien qualitativ einander gleich, so daß z. B. Mäßigkeit' gleich wäre der Klugheit oder Gerechtigkeit, bedarf wohl keiner weitläufigen Erörterung; es wäre dies nicht nur paradox, sondern unsinnig^). Sie sprachen also blos von einer Gleichheit in Beziehung auf die Quantität der Handlungen, behauptend z. B., es sei eine gleich schlechte That, ob jemand einen oder tausend Gulden veruntreue, und eine gleich-gute, ob einer durch seine Tapferkeit oder Klugheit einen oder hundert Menschen errette, ln thesi (bei den bloßen Abstractionen) gibt wol alle Welt dies gerne zu, denn man sieht leicht ein, daß die Vergehungen so wie die guten Handlungen ihrer innern Natur nach gleich sind. In hvpothesi (in concreten Fällen) aber, wird nie- ,mand dem Satze beistimmen wollen, weil man dann die, Handlungen nach dem Affekten der Seele, die, dabei influirten, Und nach ihren Folgen bemißt. Doch auch die Stoiker verwarfen in solchen Fallen diesen Maaßstab für die Größe der menschlichen Vergehungen und verdienstlichen Werke nicht. So sagt Cicero gleich beim Beginne seiner Auseinandersetzung (I, 20) in quo peccatur, id potest aliud alio majus esse, aut minus, ferner (de fin. IIl, 15) sed quamquam negent, nec virtutes nec vitia crescere', attamen utvum* que eurum fundi quodam modo et quasi dilatari putant und endlich (de fin. IV, 20) peccata auteni partim esse tolerabilia, partim nullo modo, prnpterea quod alia peccata plures alia pauciores quasi nuuieros officii praeterirent. Wenn NUN die Stoiker bei diesen Zugeständnissen, durch die das Paradoxe ihrer Behauptung nicht nur gemildert, sondern ganz aufgehoben wird, diese in einer so schroffen, zum Widerspruche auffördernden Fassung aussprachen, so geschah dies theils aus Paradoxen-Jägerei, theils aus dem Grunde, um dadurch Abscheu auch vor dem kleinsten Vergehen und Liebe auch zum geringsten Guten zu erregen und einzuflößen. Daß diese praktische Seite des Satzes von den Stoikern im Auge gehalten worden sei, davon überzeugen uns Cicero's eigene Worte (c. II, 23) praesertim cum hac sentenlia non modo verior, sed ne. utilior quidem hominuiu vitae reperiri ulla possit sqq., und gerade in dieser praktischen Richtungoffenbar der richtigsten und günstigsten — finden wir ihn bei den Rabbinen wieder. So sagt Rabbi (Abot 2, 1) *) Schon Stobäus bemerkt, die Stoiker hätten sich nicht des Wortes siiniiis bedient, das bei qualitativen Vergleichungen gebräuchlich ist, sondern des Wortes aequalis, das man bei quantitativen gebraucht.