Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 73 (18.6.1839)
- Date
- 1839-06-18
- Page
- Seite 295 (sequence 3)
- Language
- German
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293 gegangen, und trotz der Entfernung von ihm, dennoch in nicht zu leugnendem Rapport mit ihm geblieben, nicht ohne Bewußtsein von der Bühne des Lebens abtretend gesehen werden. — Es gilt uns hier nicht, ein Bild seiner hervorstechenden Persönlichkeit zu zeichnen, seinenekgenthümlichen Charakter nach-Kräften wieder zu ^schaffen, auch nicht seiner allgemeinen Wirksamkeit zu erwähnen und diese abzuwägen: wir ziehen unsre Granzen enger, wir weichen aus dem besondern Kreise, in den wir uns gestellt, in dessen Mittelpunkte aufrecht zu stehen unser Bestreben ist, nicht, wir bleiben beim Iudenthume. Gans hat zum ersten Male das Beispiel gegeben, ein Jude zu sein, ein Jude durch und durch, ein für das Judcnthum eifernder, fast schwärmender Jude zu sein, und von diesem Standpunkte in plötzlichem Umschwünge sich zu entfernen. Gans, nachdem er für die Ueberzeugung des Juden wirksam gewesen, nachdem er an einer Zeitschrift für Wissenschaft des Judenthums Theil genommen, und in dieser Gesellschaft ein thätigstes Mitglied gewesen, trennte sich von diesem Iudenthume in kürzester Zeit. Wir wollen die Ursachen, die Motive nicht naher bezeichnen, da er aber nirgends, so weit es uns bekannt ist, eine dem Iudenthume ent gegen laufende Ueberzeugung ausgesprochen, mit demselben Feuer bekannt hat, mit welchem er früher jenem gehuldigt, so können wir diese Entfernung nicht in einem Umschlagen seiner Ueberzeugung suchen und finden. Wir lassen dies abseitens, und fragen uns nur, war Gans auch nach seiner Entfernung noch für'das Judenthum wirksam? Wir müssen uns hier einen Augenblick in eine noch nicht sehr ferne Vergangenheit zurückversetzen, wir müssen uns eine Zeit vergegenwärtigen, wo es noch galt, dem jüdischen Stamme den Charakter der Ebenbürtigkeit mit allen übrigen Menschenfamilien zu verschaffen, wo es noch galt, den unwiderlegbarsten Beweis zu führen, daß auch aus dem Iudenthume, aus dem engsten Schooße des Judenthums Erscheinungen hervorgehen, die eine allgemeine Gültigkeit an sich haben, die dem allgemeinen Leben wirksamst angehören. Und Gans war einer der Berufenen, diesen Beweis klar zu führen, und diese Frage auf immer zu entscheiden. Allerdings war das Judenthum in den diesem gesetzten bürgerlichen Schranken ein Hinderniß, ein Hindernkß, welches er nur mit den höchsten Anstrengungen hatte überwinden können. Er hatte diesen Muth nicht, er gesellte zu seinen sonstigen hohen Eigenschaften die der Charakterfestigkeit undConsequenz nicht, aber abgesehen davon, wie weit ihn dies bloß stelle, konnte er nunmehr jener Mission am ehesten Genüge leisten. So sehen wir die Vorsehung sich auch hierin selbst entgegengesetzter Mittel bedienen, um dem Iudenthume in der Jetztheit Sitz und Stimme zu erwerben. Wir mögen dies im Augenblicke nicht weiter verfolgen, nur die Bemerkung fügen wir noch hinzu, daß, nachdem nun dieser Beweis durch Gans und ähnliche Männer langst geführt ist, diese Entschuldigung, wenn sie überhaupt eine sein kann, abgenutzt ist. Im Gegentheile, da sich unsre Gegner nach jener Beweisführung öftecs^hinrec den Einwand flüchten, daß nur mit der Entfernung vom Iudenthume das Moment allgemeiner Gültigkeit und Ebenbürtigkeit eintritt, ist es der Beruf der Gegenwart, auch diesen Einwand durch immer vergrößerte Accumulation des Gegentheils zu zerdrücken. Am schalsten aber bleibt jetzt das Spiel derer, welche das Verharren im Iudenthume zu einem rein politischen Moment insofern machen, als sie, so lange das Judenthum eeclesi» pressa ist, es für Feigheit ausgeben, von demselben zu weichen, und mit ihm den politischen Proceß durchzumachen sich entschlossen zeigen. Es ist Zeit, d'aß auf dem Felde der Ueberzeugungen alles Spiel aufhöre, und nur eine Farbe auf demselben sichtbar bleibe, die der Ueberzeugu ng. Gans blieb auch auf seinem eigenthümlichen Boden, wir sagen es offen, ein Jude; seine Erscheinung guf dem staatsrechtlichen Gebiete löste sich nicht von den Bedingungen, die die innere Eigenthümlichkeit wie die Geschichte des Judenthums uns aufdrangen. Jener Kampf, den er noch in seinen letzten Tagen stritt, mit dem historischen Besitze, ist Zeugniß davon. Wollte der,Jude bei dem bloß historischen Besitze stehen bleiben, wollte er die Einwirkung des philosophischen Bewußtseins des Menschenthums auf das Recht aüfgeben, so müßte er sich selbst aufgeben, und an. dem Hungertuche ewiger Verwerfung nagen. Von der andern Seite ist es eben so Bedingung des jüdischen Daseins, das Recht der geschichtlichen Existenz'festzuhalten, weil der Jude ohne dies sein Dasein als Jude in völlige Frage stellte. Und so sehen wir auch hier Gans sich nie jenem sinnlosen und unrechtlichen Radikalismus hingeben, der mit dem Ende alles Bestehenden an fangt, sondern als sein unverwischbares Gepräge festhalten: die Entwickelung in den Gränzen der Gesetzlichkeit. Dies sind die Bedingungen des Judenthums in den allgemeinen Bezügen, und je mehr Gans diesen treu geblieben, desto mehr blieb er seinem jüdischen Charakter treu, und entfaltete diesen, wie es stets sein sollte, nobel und sinnig. (Schluß folgt.)