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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-06-15 · Heft 72 (15.6.1839) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 72 (15.6.1839)
Date
1839-06-15
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 Levi: So gerecht und billig Vielen deine Klage und For; derung in Beziehung auf die Bibel erschienen wäre, so unziemlich, ja lächerlich muß sie nun in der Ausdehnung, die du ihr gibst, Vorkommen. Wozu soll Kennkniß des Talmuds unsrer Jugend nützen? Würde sie den Geist befruchten, treffliche Lehren in ihn einpflanzen, würde der Talmud die Schätze der Weisheit der alten Welt in sich ausgenommen haben, dann verdiente er allerdings von unfern Glaubensgenossen andern Schriften aus der Vorzeit nicht nur nicht nachgesetzt zu werden, sondern er sollte, so weit sein Inhalt solche köstliche geistige Frucht bietet, als ein ihnen besonders angehörendes confessionellcs, ich möchte sagen nationales Werk mit besonderer Aufmerksamkeit betrieben werden. Aber er enthält keine Weisheit, deren Erfassung und Aneignung ein Gewinnst für die Zugend wäre, und sie erleuchteter und besser machte, sondern ein Gewebe haarscharfer Distinktionen und Disputationen, die den Geist verwirrt und ihm für lange Zeit die Auffassung einfacher, richtiger Erkenntniß erschwert. Darum nur auf die Sekte mit ihm! Ich wenigstens hatte, als ich aus dem Babel'*) talmudischer Studien in das gelobte Land wissenschaftlicher kam, trotz , meiner entschiedenen Abneigung für derartige Kasteiungen, wie einst Rabbi Sera (Baba Mez. 85, 1) beinahe hundert Tage gefastet, um meinen Talmud zu vergessen. Moses: Da hättest du viel Lärmen um nichts gemacht, denn mit deiner talmudischen Gelehcsamkiit muß es nicht sehr viel auf sich gehabt haben, und wenn du dich auch in deiner Jugend viel mit dem Talmud beschäftigtest, so mußt du doch dessen vielfachen Gehalt und Werth nicht kennen gelernt haben; du würdest sonst gewiß nicht mit solcher Geringschätzung von ihm sprechen. Wollte ich mich doch sogar verbürgen, ihm deine vollkommne Achtung verschaffen zu können, da ich mich nachzuweisen getraue, daß die erhabenen moralischen Lehren und Aussprüche, die uns die von dir so hochgeachteten Weisen der Vorzeit als schönes Erbe hinterließen, nicht vergeblich im Talmud gesucht werden dürften. Um dir aber alsbald einen Beweis für diese, wie ich sehe, dir sehr kühn scheinende Behauptung zu liefern, versuche ich jetzt zu zeigen, daß die von Cicero bearbeiteten Paradoxa der Stoiker -r- Sätze, welche, wie Cicero selbst sagt (Prooemium 3), jene Philosophen in ihren eigenen Schulen und. bei ungestörter Muße kaum geltend machten, und die sie für erhaben und anstoßend gegen die allgemein giltige Ansicht hielten, woher sie auch ihren Namen haben, sich im Talmud nicht nur finden, sondern *) Sanhedrin 24, 1. hVlba •ßfiT' 'l' im ^22 i«73 nöVna iiVfci N2Ä722 hbfpä aipn2. auch als durchaus nicht auffallende und außerordentliche Lehren betrachtet werden. Levi: Mit . der Seltsamkeit und Anstößigkeit der Paradoxa, die der ruhmredige Cicero an der von dir angeführten Stelle so gewaltiglich hervorhebt, hat es gerade nicht so viel auf sich, wie er denn selbst von ihnen sagt (Acad. quaest. I[[., 44, 136) sunt enim Socratica plpraque mirabilia Stoicoruiu quae nugado^u, nominantur und (de Fin. IV., 27, 74) qnid auteni habent admirationis, cum prope accesseris? conferam tecum, quam cuique verbo rem subjicias, nulla erit eontroversia. *) Indessen thut es für deinen Zweck nichts zur Sache, ob die Paradoxa diesen Namen verdienen oder nicht, sie sind in jedem Falle erhabene Lehren der Weisheit^ die nur in dem Gemüthe des für richtige Erkenntniß und Tugend wahrhaft Begeisterten vorherrschend sein werden, und die > Auffindung derselben im Talmud würde allerdings nicht ohne Einfluß auf mein Urtheil über denselben sein. So beginne denn deine Nachweisung, wenn du dich der Mühe, mich zu bekehren, unterziehen willst; das erste Paradoxon lautet: "Oti (ttovov ayaObv r6 v.cdbv. Moses: Diesem Satze entspricht, nach meinem Dafürhalten, der in der 3. Mischna des apokryphischen Abschnittes zu Abot**) enthaltene kurze Ausspruch ma *pK nnn vollkommen. Es verstanden nämlich, wie du weißt, die Stoiker unter xuXqv nichts Anderes, als die Tugend d. h., in ihrem Sinne, richtige Erkenntniß und eine ihr vollkommen entsprechende Handlungsweise, denn es gehört zu dem zuXov 1) Einsicht in das Wahre, Verstand. 2) Gerechtigkeit. 3) Standhaftigkeit und 4) Anständigkeit und Mäßigkeit (Oie. de off. I., 5 Diog. Laert. VII, 100), und auch unter der Nim der Rabbinen ist die Ausübung des Rechten und Gottgefälligen eben so wol und mehr noch zu verstehen als die' Erkenntniß desselben. ***) Ja, auch das Anständige, das xaXov im buchstäblichen Sinne, wollten die Rabbinen mit der Tora verbunden wissen; so sagt Rabbi Jochanan (Sabb. 114, 1) 221 «L7222rin h'D innm 2**n 1152, eine Ansicht, deren Erwähnung mich zur beiläufigen Bemerkung veranlaßt, daß sie, waren ihr die spatem Rabbinen gefolgt, ihre ganze Richtung freier undlichter zu machen, bedeutend mitgewirkt hätte. °) vgl. Lipsias maouduct. ad Stoic. pbilos. TTI. dissert. 2. °°) Der Kürze halber werden wir in der Folge diesen Abschnitt, die s. g. Bareita Jiniin pp immer nur den 6. Abschnitt von Abot nennen. *”) Abot 1., 17 NW272N ip^n drin W1172N rr'v; Kiduschin 40, 2 ^7125^72 'N'H 50272 1i?2^NÄ 1172^; Aboda Sara 17, 2 navj 12^2 iinra pvi2N ^2 '•fc« ib -pai».

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