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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-06-04 · Heft 68 (4.6.1839) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 68 (4.6.1839)
Date
1839-06-04
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 Fortschrittes auch in der Ausbildung ihrer Religionswahrheitcn erkenne, finde der orthodoxe Jude das Wesen seiner Religipn in der Verzichtleisiung auf jeden Fortschritt.und die Aufgeklärten bildeten eine unbedeutende Minderheit." Bei solchen Acußerungen fühlt man sich fast versucht, Herrn Joel Jacoby auch für den Verfasser dieses Artikels zu halten; wenigstens stünde er ihm eben so gut an, wie jene Schrift! — In jeder Kirche kämpfen, und nie heftiger als eben jetzt, die, welche am Bestehenden halten mit denen, welche Verbesserungen oder Veränderungen wollen und von allen jScilen wird der Kampf (wie kaum zu vermeiden) nicht {fetten mehr heftig und leidenschaftlich, als besonnen und mit Mäßigung geführt. Grade unter den Juden aber wird, und zwar dlos deswegen, weil sie in ecclesia pressa leben, kaum eine unbedeutende Minderzahl gefunden werden, die allem Fortschritte entgegen wäre, und es wird eigentlich mehr über den Grad des Fortschrittes, freilich zum Theil mit großer Bitterkeit, aber doch gewiß nicht mit größerer als in Nheinpreußcn, in Baiecn oder zu Zürich über die Lehren der christlichen Kirche gestritten. Jüdische Ge-> meinden sind es, welche vr. Löwy, Aub, Stein u. A. durch Mehrzahl gewählt und gegen Angriffe bei ihrer Negierung vertreten'haben; an vr. Geiger schloß sich eine nicht unbedeutende Zahl von Nabbinen an, die freilich auch Gegner an andern Nabbinen fanden, wie dies in der »Geschichte jeder Kirche liegt und liegen muß. Wie die Gegenwart selbst zwischen Zukunft und Vergangenheit steht, so müssen beide Elemente sich erst in ihr bekämpfen, bis sie sich in ihr vereinigen. . Kämpfe Jeder für seine Ueberzeugung mit allem Ernste, und aller Kraft, aber schwärze Niemand den Gegner an, bewahre Jeder Würde und Mäßigung im Kampfe, und vor Allem übertreibe Niemand die Wichtigkeit des Splitters im Auge des Schwachen, wenn er den Balken in den eigenen Augen nicht sehen will oder darf! — Fragen über Emancipation aber an solche religiöse Streitigkeiten zu knüpfen, war wol nie weniger an der Zeit als jetzt, wo solche Zwiste unter einer unbedeutenden Minderzahl-vor denen , verschwinden, welche mächtige Könige gegen mächtige Priester zu führen haben!" Dennoch fand sich Herr vr. Geiger veranlaßt, eine öffentliche Erklärung darüber ergehen zu lassen, welche besonders dazu bestimmt war, die Sachlage in's rechte Licht zu stellen, und die daher, als ein Zeitdokument, hier ganz mktgetheilt werde. „Berlin, 12. Mai. Die öffentlichen Blatter haben bereits in verschiedenen Artikeln über meine Anstellung als Rabbine in Breslau berichtet. Mochte in denselben auch manche Angabe der Berichtigung bedürfen, so fühlte ich mich doch zu einer solchen nicht veranlaßt, da sowol die dabei Berheiligten, als auch die entscheidenden Behörden das Sachverhältniß in seiner Wahrheit kennen, und ich dem großem Publicum ein Interesse an solchen Einzelnheiten nicht Zutrauen durfte. Anders verhalt.es sich mit einem Correspondenzartikel in No. 128 der Allg. Zeitung, in welchem der Referent seine Angaben zur Grundlage allgemeiner Betrachtungen macht, aus ihnen Schlüffe über den gegenwärtigen Stand des Judenthums und Folgerungen für die Unthunlichkeit einer „wirklichen unb wahrhaften Emancipation der Juden" zieht. Diesen Schlüffen und Folgerungen halte ich mich verpflichtet) entgegen zu treten, indem ich das richtige Sachverhaltniß angebe, welchesganz andere Betrachtungen erzeugt, als die des Referenten, -hier übrigens davon adsehend, inwiefern den Referenten selbst seine Angaben zu den von ihm gemachten Folgerungen berechtigen. — Die im Jahre 1826 von sämmclichen Gemeindegliedern genehmigten und von dem k. Polizeipräsidium bestätigten Statuten der jüdischen Gemeinde in Breslau bestimmen im §. 70 daS Verfahren bei der Wahl eines Rabbine» oder Beisitzers folgendermaßen: „Es treten die 15 Obervorsteher und deren 10 Stellvertreter (von denen jährlich nach § 6 neun ausscheiden, an deren .Stelle eine eben so große Anzahl durch sammtliche stimmfähige Gemeindegliedec gewählt werden) zusammen. Diese wählen insgesammt aus der Gemeinde noch 10 Gelehrte oder Sachverständige; dann werden noch 35 durchs Loos aus denjenigen Gemeindegliedern gewählt, welche 6 Rthlr. und mehr als jährlichen Beitrag leisten. Diese 70 wählen den neuen Rabbiner oder Beisitzer, und die Mehrheit der Stimmen entscheidet." Mit pünktlichster Befolgung dieser von den Statuten gegebenen Vorschriften fand am 25. Julius v. I. die Versammlung eines Wahlcollegiums statt, und von den 57 Personen, welche sich dabei einfanden, stimmten 56 für meine Berufung zum zweiten Rabbine» in Breslau und Einer dagegen. Da ich Ausländer, d. h. Nicht-Preuße, bin, so war vor meinem Antritt der Stelle meine Naturalisation erforderlich. Wahrend das Obervorstehercollegium die hiezu nöthigen Schritte that, kamen vier Gemeindeglieder bei den Behörden mit einer Protestation gegen die Wahl ein, und ließen sich spater durch einen vr. Joel Jakoby ein Promemoria abfassen, welches den Behörden in ihrem Namen überreicht wurde. Nur augenblickliche Leidenschaftlichkeit, welche die Mittel nicht beachtet, wenn sie nur 'zum nächsten Zwecke dienlich scheinen, konnte vier Männer, welche als fromme Juden auftreten, veranlassen, Jakoby'sche Angaben und Angebereien in ihrem Namen den hohen Behörden vorzulegen. Unmöglich können sie mit dem Promemoria darin einverstanden sein, daß in dem Judentyum die rabbinischen Schriften mit der Bibel gleichen Werth haben, daß in ihm auch nicht in den kleinsten Dingen je Aenderungen vorgenommen worden seien, während nie ein orthodoxer Jude die Ehrfurcht vor der Bibel so weit verletzt hat, daß er rabbinische Schriften derselben gleichgestellt und.„kanonische" genannt hatte, und zu allen Zeiten Aenderungen in Einzelnheiten vorgenommen wurden, wie dieß auch die oberflächlichste Kenntniß von der Geschichte des Judenthums darthut. Unmöglich möchten sie in ihrem eigenen Namen von denjenigen Juden, welche sich über manche Formen wegsetzen, aussagendaß dieselben sich „zu den Zwecken revolutionärer Bewegung mißbrauchen" ließen, von mir selbst aber, neben mancherlei Verleumdungen, daß der Besuch, welchen ich gleichzeitig von mehrern Rabbknen im Junius 1837 in Wiesbaden erhalten, „yon der Herzog!, nassauischen Regierung mißfällig ausgenommen worden, sei," während , ich, in Vorsorge vor böswilligen Insinuationen, vor der Ankunft meiner HH. Amtsbrüder, den Herrn Präsidenten der h. Landesregierungvon dieser Zusammenkunft in Kenntniß setzte, und diese Mittheilung mit wohlwollender

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