Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 67 (4.6.1839)
- Date
- 1839-06-04
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Tages-Controle. Die afrikanischeu Verhältnisse. . Zur richtigen Beurtheklung des Originalberichtes aus Marokko, den wir in den jüngsten Wochen gaben, bedarf es wol einiger leitender Bemerkungen. Seitdem der Islam im Sturmschritt die morgenländische Welt eroberte, wobei die von Persern und Griechen*) gleicherweise feindlich behandelten Juden ihm freundlich entgegenkamen, und für die rasch vorrückenden Heere als Unterhändler dienten, so daß sich das Verhaltniß derselben nicht ungünstig gestaltete, sist jener keiner weitern Entwickelung des Rechts, des staatlichen und intellectuellen Zustandes fähig gewesen. Geringe Fluktuationen ausgenommen, blieben alle Verhältnisse wesentlich auf derselben Stufe stehen. Die Juden hatten daher unter der Herrschaft des Islams keineswegs jene blutigen Verfolgungen zu bestehen, die in Europa die Blätter ihrer Geschichte bezeichnen, aber ihre gedrückte und tiefe Stellung blieb auch immerfort dieselbe. Sie hatte auch den innern Stillstand zufolge, der, abgesehen von der kurzen Blüthe der maurisch-spanischen Periode, die doch auch eigentlich im Abendlande spielte, selbst wenige Schriftsteller**) nur producirte, wie viel weniger eine Entwickelung der Masse. Von der andern Seite aber hatte die Ruhe, die ihnen, innerhalb ihrer engen Schranken, innerhalb der schimpflichen Behandlung, die ihnen geworden, dennoch ward, zur Folge, daß die Juden unter der mahomedanischen Herrschaft sich ganz und gar nach innen wandten, und ein breites Leben unter und für sich schufen, dessen Hauptelement das religiöse und Familienleben ist, und das, in festen, unveränderten, aber freundlichen Formen sich bewegend, ihnen das Leben nach außen und dessen Bewegung ersetzen mußte. Von der einen Seite brachte uns daher, jener Bericht recht anschaulich eine kindliche Einfalt heran, welche durch ihre ganze Lebenseinrichtung geht, welche das Israelitisch-Religiöse durchweg zum Leben der Familie und des Individuums als dessen ganzen Inhalt macht, welche in der Ausübung religiöser Formen und einer unermeßlichen Wohlthätigkeit und Sorge.für die Armen allein seinen °) Es brauchtnicht erst bemerkt zu werden, daß hier von den Persern und Griechen des Mittelalters die Rede ist. ") Z. B. Ahron ben Chajim. Zweck und sein Bestreben findet. Wir sahen dies zu einem vollständigen, sich immer wiederholenden Lebenscyklus ausgearbeitet, mit seinen Ehren und Würden, mit seinen Festen und Fasten, mit seinen Freuden und Nöthen. Die Gemeinde tritt hier rein als Familie auf, die an jedem Schicksale eines Einzelnen verwandschaftlichen Theil nimmt, zusammen trauert und zusammen sich freut, und in dem gleichen Gelten jedes Einzelnen ihre Gewahr hat. — Von der andern Seite aber zeigt sich ein Versunkensein kn diesen Lebenskceis, der — für Europäer wenigstens — einen abstoßenden Mangel an aller Bewegung, und Beweglichkeit des Lebens hat, und -das Hunderte von Generationen auf derselben. Stufe entläßt, auf welcher es die vorhergehenden gefunden. Der Sohn tritt an die Stelle des Vaters, und überläßt dem Enkel ganz denselben Platz. Daß dies keineswegs der echt israelitische Standpunkt ist, ersieht ein Jeder aus der Geschichte Israels, die der. Phasen so viele, der Veränderungen so mannigfache darbietet, und aus dem die höhere Mission Israels, der die geschilderte Lage der afrikanischen Juden in Nichts entspricht, deutlich hervorgeht. Aber gebunden von den drückendsten Fesseln, in Mitten entwickelungsloser Völker, ist es unmöglich, zu einer freiern Bewegung zu gelangen, und hier bewahrt sich gerade die große Kraft der altjüdischen Institutionen, welche selbst in solchen Verhältnissen die jüdische Masse nicht versinken laßt, sondern durch gemüthliche und innerlich geistige Anregung den Fonds der Geistesschnellkraft zu dem großen Tage der Auferweckung bewahrt. Der Tieferblickende nimmt daher auch hierin den großen Fingerzeig der leitenden Vorsehung wahr, welche durch den Bau des Judenthums wie durch dessen Schicksale nicht allein materiell, sondern auch in gemüthlicher und geistiger Frische dasselbe erhalten will >und erhalten hat. Mitten hindurch sehen wir denn auch hier die Hoffnung und den Wunsch eines geistigen Freiwerdens dringen und sich aussprechen, . gerade als echter Beweis, daß selbst die Masse sich dennoch in der Tiefe nicht genüget an diesem Zustande, und jene Hoffnung und jenen Wunsch nicht von sich weichen läßt. Einstweilen bleibet uns die Möglichkeit, . auf unsere Glaubensbrüder in Afrika im Ganzen zu wirken, verschlossen/ Auch wäre dies noch gar nicht wünschenswecth; da es nur Zerrüttung und bodenlose Verwirrung bringen müßte, eine höhere geistige Blüthe zu wecken, in Umgebungen, wo sie nur erstickenden Sumpflüften aüsgesetzt wäre. Wir sollen auch selbst erst zu dem Mündigsein reifen, das uns jetzt allerdings noch fehlt, und nach dem wir auf dem Wege sind. Mittlerweile ist bereits ein Eingang, ein Ha-