Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 56 (9.5.1839)
- Date
- 1839-05-09
- Page
- Seite 225 (sequence 3)
- Language
- German
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223 ihren eigenen Schooß bisweilen die mit Thranen vermischte Galle über ihre Gegner ausgeschüttet, viel seltener aber ließ sie sich herzu, vor den Ohren der Völker den Ruf der Abwehr oder gar des-Angriffs laut werden zu lassen. Wir haben.zwar polemische Schriften gegen die Kirche, wie z. 83. das oft sehr bittere ■pMW von Lipman, mit den kurzen aber durchgreifenden rrdYiön von p'Vi, indeß in ihrer rabbinischen Sprache und Denkweise können sie nur als Organe innerhalb der Synagoge selbst betrachtet werden, — wohingegen die Zahl der in neueren Sprachen verfaßten Verrheidigungs - ■ und Angriffsschrifttn der Synagoge stets sehr klein war. Die Ursache hiervon kann nicht blos darin liegen, daß ehemals die Synagoge nur eine sehr bescheidene Sprache führen durfte, da es immer auch Länder'gab, wo das Wort freier werden konnte, und die vorhandenen doch beweisen, daß es möglich war, sich vernehmen zu lassen; sondern das Iudenthum stand zu sehr abgeschlossen, zu fest und< sicher in allen seinen Theilen und deren Verbindung, es hatte seine Bekenner zu treu bewahrt gefunden, als daß cs von den Angriffen der Kirche viel zu fürchten gehabt hatte. Erst in Zeiten, wo durch äußere' wie innere Stürme ein bestehendes Gebäude wankend geworden, wo mancher der Bewohner die offene Thüre benutzt, um von dannen zu ziehen, erst da findet die Polemik ihren rechten Boden, und überwächst bisweilen alle andern Früchte der Zeit, eben weil das Gefühl ihrer Nothwendigkeit Alles dnrchdringt. Es zeigt sich dies auf allen Gebieten. Waren es daher immer ganz besondere Umstände, welche früher zur öffentlichen Polemik aufriefen, wie die Verhältnisse eines Orobio, der, früher Christ, ja Professor in Ealamanka, und Jude geworden, die Nothwendigkeit fühlen mußte^ in der Vertheidkgung des Iudenthums, sich und seine Schritte zu vertheidigen; so sind es gerade jetzt die mit großen pekuniären Mitteln versehenen direkten Versuche und Bemühungen der Iudenbekehrungsgesellschaft zu London, welche Controverse nöthig machen, welche der Synagoge die Pflicht auflegen, sich wenigstens zu vertheidigen, was denn natürlich ohne Angriff auch nicht abgethan werden kann. . Auffallen wird es immer, warum zu diesem Zwecke das wenig bekannte Israel venge von Orob io wieder hervorgesucht, übertragen und der Jugend mitgetheilt worden?") Man wird sich fragen, lebt in England kein Mann, der seinen Glauben vom jetzigen Standpunkte aus vertheidigen °)Israel defended, or the jewisch exposition of the hebrew propbecies applied by the Christians tho their Messiah. By Isaac Orob io. Translated from the Frercli and printed expresstlly for the nse of young persons of llie jewisch faith. London. 1838 (s. Ko. 30.) konnte? Wollte man die Sicherheit, die Wahrhaftigkeit unserer Religion darthun, mußte man sich gerade auf das streitige Gebiet der sogenannten messianischen Stellen und Interpretationen begeben, welches eine lichtvolle Kritik sowol von jüdischer, wie von christlicher Seite sangst aufgegeben hat? — Oder wollte man mit dem Büchlein zugleich an einen langst vergessenen Triumpf der Synagoge in einem, Jude gewordenen Professor erinnern? — — Vor Allem gestehen wir, daß wir den alten Spruch: Et sua fata _haben! iibelli. (Auch die Bücher haben ihr Schicksal!) wohl zu würdigen wissen, und den Grund unsers Büchleins gar nicht in etwas'Organischem, sondern in irgend einer lokalen Anregung suchen wollen; wir gestehen, daß wir der Dame, welche sowol die Uebersetzung gefertigt, als die Dcuckkosten getragen, aus vollem Herzen unsere Verehrung bezeugen müssen. Abgesehen hiervon aber liegt doch in dem Erscheinen dieses Schriftchens die Nothwendigkeit der Verwahrung bereits ausgesprochen, und so ist es allerdings auch an uns, unsern englischen Brüdern zu verstehen zu geben, daß hiermit noch herzlich wenig für die Sache geschehen ist. — Es konnte eine Zeit geben, wo der Glaube in irgend einer Confession mit der Interpretation einer messianischen Stelle stehen oder fallen konnte, eine Zeit, wo die Autorität des Wortes, wo der kirchliche Glauben des Wortes im engsten Sinne, so überwiegend war, daß man der buchstäblichsten Auslegung einer zweifelhaften Stelle einen hohen Rang, bisweilen die, höchste Stufe im Systeme einer Confession einräumen konnte. Diese Zeit ist nicht mehr. Hat die'höhere Kritik überhaupt einen befruchtenden Geist über die heilige Schrift verbreitet, hat sie gelehrt, in. Berücksichtigung der Zeiten, der Sprache, der Ausdrucksweise, den höhern und wahren Sinn der Schriftstellen, nicht mit der Buchstabenelle zu messen, 'sondern in der Abstraktion zu fassen, die eingehülsete Idee zu befreien, und das Gewand eben in seinen herrlichsten Tinten nur als solches anzusehen: so hat sie selbst^ die Einsicht erlangt, im mißlichsten' Falle, der allerdings noch gar nicht eingetreten, solche zweifelhafte Stellen der spateren Propheten als unklar stehen zu lassen, ihnen ihren Platz als beiläufig in der Religion zu gestatten, aber auch nicht mehr! Das Werk des Judenthums für feine Bekenner, wie für die geistige Menschheit ist jetzt ein ganz Anderes, als sich noch, an einige wenige. Stetten, deren Sinn leicht genug zu fassen ist, wenn man die Allegorie abstreift, zu heften. Die Ideen des Judenthums in's Helle Licht zu stellen, die Gedanken seiner Gesetzgebung ins Klare zu schaffen, mit der Fackel der Geschichte seine Tendenz und den zürückgelegten Weg zu beleuchten — dafür sorget, Brüder irt England, denen die