Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 48 (20.4.1839)
- Date
- 1839-04-20
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Ganzen ist der Stand der hiesigen Gemeinde jetzt völlig im Aufblühen. Früher zerrüttet, fast aufgelöst, gegen Religion höchst indifferent, sieht man die Früchte des mit Begeisterung ausgeführten Predigtamtes jetzt unstreitig. Wahrend sonst die Synagoge außer am Neujahrs- und Versöhnungsfeste seer war, füllt sie sich jetzt an jedem Feste überaus, und wird an Sabbaten, wo gepredigt wird, immer zahlreicher besucht. So ist die Wirkung des lebendigen Wortes. . Im Anfang Enthusiasmus, alsdann Gleichgültigkeit, und endlich durchgreifende und belebende Wirksamkeit. Natürlich ist noch lange nicht an ein Ziel zu denken. Aber in jeder Erscheinung ist ja das Werden die schönste Periode, die mächtigste Krafläußerung. Hier ist auch nicht im Entferntesten an Zwangsmaßregeln zu denken, der. einzige Zwang ist der durch den Kultus immer mehr lebendig dringende Geist der Bildung und Würde, der Jeden bezwingt. — Der Vortrag am letzten Festtage war dann wieder einer gemüthlichen Anregung gewidmet, und sprach sich bei der Trennung vom Feste über die rechte Trennung im und vom Leben aus. — Neueste theologische Streitfragen. II. Herrn Ko hn's Vertherdigung wider Herrn Hirsch. (Fortsetzung.) -8) Das. Herr Hirsch will noch drei Stellen gefunden haben, aus welchen hervorgehen soll, daß Schuhlosigkeit Sitte der Leidtragenden gewesen. Wir wollen sehen! 1) 2 Sam. 15,30. Aber war denn David auf der Flucht vor seinem Sohne Absalom ein Leidtragender? war ihm rin Angehöriger gestorben? Wenn wir jedem Ausdruck des Schmerzes,, den wir in der heil. Schrift finden, unter den Trauergebräuchen einen Platz einräumen wollten, so müßten wir auch hieher rechnen, das Anlegen eines Sackes und das Bestreuen' des Hauptes mit Asche, was aber gewiß mehr Bußeals Trauergebräuche waren lzwischen welchen auch Herr Hirsch S. 30 unterscheidet); und so. war auch das Barfußgchen Zeichen der Oemüthigung .und Kasteiung und somit eine Bußübung. Ja nach dem Talmud kann es nur das Letztere gewesen sein, da David auf 0em Wege so gegangen, wo ein .davon befreiet ist, rz i'b p'b, und so nimmt es auch die Gcmara 'k f'2 N72T. Aber allerdings konnte cs auch nur da bemerklich werden und zu Hause, wo der Leidtragende in der Regel bleibt, durchaus nicht für ein Trauerzerchen gelten, so lange Schuhe zum Reise-Habitus gehörten (2Mos. 12,11). Ein neuer Beweis, wie mißlich es um das Alter dieses TraucrzeichenS stehet! Indessen mag ich nicht rechten mit demjenigen, der hier eine Spur finden will, und gestehe ich, daß ich diesen Gegenstand zu kurz behandelt für Leute, die wenig verstehen oder verstehen wollen, für Andere viel» leicht zu weitläufig. Also weiter. 2) Jes. 20. Da lesen wir' V. 2 ff. „Zu jener Zeit redete der Ewige durch Jesaja, Sohn Amoz, also: Gehe, und löse den Sack von deinen Lenden, und deine Schuhe ziehe von deinen Füßen; und er that also, daß er nackt und barfuß ging. Da sprach drr Ewige: Wie mein Knecht Jesaja nackt und barfuß ging drei Jahre, ein Zeichen und Vorbild für Mizrajim und Kusch; also wird wegführen der König von Aschur die Gefangenen........ nackt und barfuß mit entblößtem Hintern. War also seine Bloßfüßigkeit Trauer, oder Zeichen und Vorbedeutung für die ausgeplünderten Gefangenen?" Nach Herrn Hirsch bekamen wir hier ein ganz neues und originelles Trauerzeichen nämlich: heit! Welch' eine Kluft zwischen unfern weisen Alten und ihren ungeschickten Vertheidigern! Aus dieser Zusammenstellung mit Nacktgehen, was doch gewiß nicht buchstäblich zu nehmen, folgert die Gcmara, t"? üwp daß das Varfußgehen auch nicht buchstäblich zu verstehen sei, sondern in abgenützten, geflickten Schuhen. — 3) Jer. 2 — (wohl) 25. Dort heißt cs: „Erspare deinem Fuße die Blöße und deiner Kehle den Durst," d. h. nach dem ganzen Zusammenhangs (s. auch Kimchi z. d. St.) : „Lauf nicht so viel, daß. du deine Schuhe zerreißest und von Durst geplagt werdest." Wo ist aber da die Rede von Trauer? Oder ist der Herr Landrabbine gesonnen, uns eine neue Trauerqual zu ordiniren? Durst!? — S-ll ich Ihnen aber auch sagen, woher ihm diese biblische Gelehrsamkeit kommt? Schlagen Sie doch mein Lieber die letztgenannte Talmudstelle nach, und urlherlen Sie, ob ich's errathem Dort werden alle drei Schriftsteller! nach einander angeführt, um zu beweisen, daß Blosfüßigkeit eine Kasteiung sei, die beiden letzteren aber eigentlich nur zur Ermittelung des Begriffes t)rr in der ersten, siehe Rafchi das. Wundern Sie Sich nun nicht, wie der Herr Landrabbine mit dem Talmud umzuspringen weiß? — 9) Das. Machen Sie Sich gefaßt, mein Lieber auf einen neuen Beweis von der Ritterlichkeit und Geschicklichkeit unseres Kampfers. Wenn ich behaupte, daß das Sitzen auf dem Boden kein eigentliches Trauerzeichm sei, (weil dieß im Orient die gewöhnliche Art zu sitzen ist, wo nur die Vornehmen sich der Sopha und Polster oder Stühle bedienen,) auch als solches weder im Talmud noch bei den altern Gesetzlehrern'erwähnt wird, und ec mir,mit