Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 17 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 10)
- Language
- German
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— 19— generelle Verfügung des preußischen Ministers der arbeitenden jüdischen Bevölkerung aus Polen und Rußland die Ostgrenze gesperrt worden. Aber die Entwicklung des Arbeitsmarktes, das Interesse der deutschen Kriegswirtschaft, die jeden Mann dringend brauchte, führten dazu, auch jüdische Facharbeiter zur Arbeit in deutschen Betrieben zu verwenden. Im Herbst 1917 wurde diese Befugnis ausgedehnt und auch ungelernte jüdische Arbeiter zur Beschäftigung in gewerblichen Betrieben jeder Art und in Bergwerken zugelassen. „Dabei wird, — so hieß es — auf die Auswahl gesunder, kräftiger und sittlich einwandfreier Leute Betracht zu nehmen sein, wenn auch die Anforderungen in Bezug auf kräftigen Körperbau nicht zu hoch zu stellen sein werden, da die jüdische Bevölkerung des Ostens infolge natürlicher Veranlagung und der Unterernährung in den letzten Jahren meist nur einen schwächlichen Körperbau aufweist. Derartige Leute werden zweckmäßig in Stellen beschäftigt werden können, für deren Wahrnehmung mehr Intelligenz als körperliche Kraft erforderlich ist," Gleichzeitig war verfügt worden, „die Insassen der Zivilgefangenenlager, soweit die Freigabe unbedenklich ist, auch wenn sie nichtFacharbeiter sind, zur Beschäftigung in gewerblichen Betrieben jeder Art, in dringenden Fällen und bei besonderer Eignung' selbst in Kleinbetrieben und bei einzelnen Handwerksmeistern zuzulassen," Welchen Umfang die ostjüdische Arbeiterschaft in der Folgezeit erhalten hat, kann nur annähernd geschätzt werden. Es ist durch die Belieferung der Konzentrationslager mit Mazze an den jüdischen Ostertagenfestgestellt worden, daßrund 40000 russische Juden in Deutschland interniert waren. Wieviele davon als Arbeiter beschäftigt worden sind, ist nicht zu ermitteln. Aus den besetzten Gebieten sind auf Grund freien Arbeitsvertrages insgesamt 17 000 Arbeiter verpflichtet worden. Es ist aber sicher, daß viel weniger tatsächlich hier waren. Teilweise sind von hier aus Arbeiter wieder nach Rußland zurückgekehrt. Andere, die nach einem Aufenthalt in derHeimatwiederhierher kamen, sind in der Vermittlungsliste wieder neu gezählt worden. Ein verhältnismäßig großer Teil der Arbeiterschaft war in den Großstädten, namentlich in Berlin, beschäftigt, obwohl sie zunächst nicht nach Berlin verpflichtet wurden. Im Gegenteil wollten die Behörden alles vermieden haben, was zu einer Konzentration der ostjüdischen Arbeiterschaft in der Großstadt führen konnte. Aber der ostjüdische Arbeiter, der zum größten Teil selbst Großstädter ist, lebte hier sehr viel lieber als an den kleinen Plätzen, die eben nur als Standort eines großindustriellen Betriebes Interesse haben. Zunächst hatte er hier viel mehr Arbeitsmöglichkeiten, die ihm zusagen und für die seine Fähigkeiten ausreichen. Entscheidend war, er war hier nach der Arbeit sein freier Herr. Er hatte sein Zimmer und mußte nicht gemeinsam mit anderen Arbeitern in einer Baracke wohnen. Ein Zwang, der ihm bei seinem äußerst ausgeprägten individualstischen Empfinden verhaßt ist. Endlich hatte er hier Gelegenheit, seine sehr ausgesprochenen kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Anwerbung von ausländischen Arbeitern jeglicher Kategorie auf Grund freien Vertrages geschah ausschließlich durch die deutsche Arbeiterzentrale. Der Arbeitgeber, der ostjüdische Arbeiter beschäftigen wollte, hatte eine besondere Erlaubnis beim Polizeipräsidium einzuholen und die behördliche | Beschäftigungsgenehmigungbei Auftrags-! erteilung der deutschen Arbeiterzenzentrale | vorzulegen. Alle Arbeiter wurden an der! Grenze ärztlich untersucht und geimpft. Eben-; so werden sie entlaust, um die Gefahr einer | eventuellen Verschleppung des Fleckfiebers! zu verhüten. Der jüdische Volksverein, der