Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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derern nimmt diese Betriebsamkeit eigentümlich nervöse Form an. Sie artet aus in ein merkwürdiges Irrlichtern in den verschiedensten Berufen. Daher bietet der geschäftliche Lebensgang gerade der unterstützungsbedürftigen Ostiuden eine sonderbare Häufung und Abwechselung der Arbeitsarten. Auf diese Ostjuden trifft das pessimistische Zitat eines jüdisch-amerikanischen Publizisten J.B. Saluski(NewYork)x) zu: „Der jüdische Arbeiter ist ein Krämer von gestern und ein Pedler von morgen. Der jüdische Kaufmann ist ein Handwerker von gestern und ein sozialer Mischmasch von morgen, weder Geschäftsmann noch sonst ein Berufsmensch." Diese als „Luftmenschen* charakterisierten Elemente sind in der sozialen Struktur der hier lebenden Ostjuden in der Minorität. Dies beweisen die Daten aus der Armenpflege. Noch mehr beweist es die nicht unbeträchtliche Zahl von einst absolut mittellos Eingewanderten, die zunächst geschäftlichen, manche im Laufe der Zeit trotz starker Vorurteile auch der deutsch gebürtigen Juden, gesellschaftlichen Erfolg sich erarbeitet haben. Die Kinder der Eingewanderten unterscheiden sich in der Wahl des Berufes in keiner Weise von den Kindern der deutsch gebürtigen Juden. Die ostjüdischen Eltern haben den stark ausgeprägten Wunsch, daß ihre Kinder es zu etwas bringen." Sehr häufig verstehen sie darunter die Möglichkeit, daß die Kinder eine andere Tätigkeit als die des Vaters einschlagen können. Auch die Kinder selbst empfinden frühzeitig Ehrgeiz und streben nach Reichtum und Stellung. Von einem Schulmanne, der dreißig Jahre die Leitung einer Schule der Grenadierstraßen- J) Zit. bei Jacob Leszcynsky; Fragen des ostjüdischen Wirtschaftsiebens. Der Jude, Heft 4, Juli 1906, 1. Jahrg. gegend hat, wird uns diese Beobachtung bestätigt: „Oft wundert man sich, wenn man später sieht, wie weit es diese Kinder, die zuerst nicht richtig deutsch sprachen, bringen konnten".. Seiner Erfahrung nach «inrl Hia nctHifH^ch-pn Kinder kl na und ctp- .-,.-,,..«..«„-_---,.»-.,..--.. , ., j......—......- J..........---------------_ , ö - £j - wandter als das übrige Schüiermateriai. Sie fertigen sehr gute schriftliche Arbeiten an, sind aber in den Realien durchschnittlich schwächer, im Zeichnen auffallend unbegabt. Die russischen Kinder fügen sich der Schulordnung leicht. Dagegen müssen galizianische Eltern erst dazu erzogen werden, daß die Kinder die Schuie täglich und regelmäßig zu besuchen haben. Galizische Kinder fehlen zuerst ziemlich häufig. Es handelt sich aber nie um ein „hinter die Schule gehen". Vielmehr werden sie von den Eltern dazu veranlaßt, wenn diese sie zu Hause zu einer Beschäftigung brauchen. Nach den Erfahrungen dieser Schule ist aber im allgemeinen ein Konnex zwischen der Schule und den ostjüdischen Müttern leichter herzustellen, als mit den Müttern einheimischer Kinder. Jene pflegen die Beziehungen zwischen Schule und Haus mit weit größerem Interesse. Die Anträge auf Befreiung vom Schulbesuch oder vom Schreiben an den Sonnabenden hat in der vorerwähnten Anstalt in den letzten zehn Jahren zugenommen. Dies ist um so auffälliger, als das religiöse Leben - — - £5 / <_> im allgemeinen auch im Ghetto schwächer geworden ist. Die meisten ostjüdischen Einwanderer, zumal der älteren Generation, denken und fühlen ausgesprochen jüdischreligiös. Aber die Zahl derjenigen, die streng nach orthodoxen Vorschriften leben, ist zweifellos kleiner geworden. Zwar mit gewissen äußeren traditionellen Formen brechen die Ostjuden nicht so schnell. Viele, die sich von der alten Gläubigkeit entfernt haben, erhalten trotzdem ihrem Leben ein religiöses