Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2650397-3187768-3187769-3194485--5009-3194505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i * iO §ps- 0. Die Unterstützungsbedürftigkeit, Der weitaus größere Teil der Ostjuden besitzt bei der Einwanderung kaum so viel, um die Bedürfnisse der allerersten - Zeit zu decken und ist zunächst auf Unterstützung angewiesen. Die judische Gemeinde, die ja die umfassende Hilfstätigkeit entfaltet, gewährt Unterstützung durch Barmittel erst nach einjährigem Aufenthalt. Aber sie kann vorher eingreifen und völlig arbeitsunfähige und vermögenslose Elemente durch besondere zu ihrer Verfügung stehende Stiftungsgelder in die Heimat zurückbefördern; wie groß die Zahl der Repatriierten ist, können wir nicht angeben, sie dürfte aber hoch sein. Wir können auf die Wohlfahrtsvereine, durch die Ostjuden hier unterstützt werden, nicht näher eingehen und verweisen auf die Jahresberichte, die ein genaues Bild der Unterstützungstätigkeit geben. Nur eine Statistik der Armenkommission der jüdischen Gemeinde aus dem Jahre 1911/12 führen wir an,, weil sie mit besonderer Genauigkeit auf die Gebürtigkeit der Petenten eingeht. Danach war der Anteil der Ostjuden unter den Unterstützten 12,61 %, etwas größer als ihr Anteil an der jüdischen Gemeindebevölkerung ist. Von diesen 12,61 % stammten 7,76% aus Galizien, 4,56 % waren Russen und 0,28 % rumänische Juden. In großem Umfang wird die. Zahl der Unterstützungsbedürftigen vermehrt durch die Kategorie der ostjüdischen Passanten; für die Berlin nur Zwischenstation ist. in besonders großartiger Weise sorgen für sie der Hilfsverein der deutschen Juden und namentlich der jüdische Volksverein. -) Er gibt Obdach und Verköstigung und hat in der Kriegszeit eine außerordentlich umfassende Hilfstätigkeit entwickelt. Die Anwesenheit l) Anmerkung der Redaktion: Bei der Abfassung dieser Abhandlung existierte das „Aibeiteriürsorgeamt der jüdischen Organisationen" noch nicht. der nur vorübergehend sich Aufhaltenden und ihre reichliche Inanspruchnahme auch der privaten Kreise während dieser Zeit hat die Meinung aufkommen lassen, alle hier in Berlin lebenden Ostjuden seien in erster Linie eine Klasse untätiger Bettler, die den einheimischen Unterstützuiigsbcüüniigen ihren Anteil schmälerten. Diese Ansicht ist nicht stichhaltig. Sicher ist die Armut unter der seßhaftgewordenen ostjüdischen Einwanderungsbevölkerung groß. Und in der Gesamtgruppe sind die ärmlichen und bedrückten Verhältnisse sehr zahlreich. Aber die Bedürfnisse sind zunächst gering. Und der Arme kann nicht ohne weiteres identifiziert werden mit dem Unterstützungsbedürftigen. Wir haben schon hervorgehoben,mit welchem ehrgeizigen Fleiß der arbeitsfähige Ostjude, der hier seßhaft werden will, danach strebt, sich und seinen Kindern bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Nun ist der Besitz von Geldmitteln bei der Einwanderung allein nicht ausschlaggebend für die Möglichkeit, sich ohne Unterstützung hier fortzubringen. Die Tüchtigkeit, diese Arbeitsgelegenheiten ausnützen zu können, ist von entscheidendem Einfluß für die Gründung einer selbständigen j Existenz. Wir werden später zeigen,"] daß j durchaus nicht wenige der hier lebenden Ost« juden diese Tüchtigkeit besitzen und daß eine nicht unbedeutende Anzahl von ihnen sich aus kleinsten Anfängen heraufgearbeitet! *—► V-J hat. & a 3 V/. Kriminaistatistisches. Eine Kriminalstatistik der Ostjuden läßt sich nicht aufstellen. Nach Aussagen von Revierbeamten sind sie im polizeilichen Sinn ein recht gutes Element der Bevölkerung und an Verbrechen gegen die Person kaum be- { teiligt. Dagegen sollen bei Urkundenfäisch- | ungen und Betrug während des Krieges Ost-