Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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— 14 — Generation kommen diese Faktoren nicht mehr ausschließlich und nicht mehr in gleicher Bedeutung in Betracht, Ob also mit der größeren Einwanderung die Tendenz zur Ghettobildung stärker oder schwächer wird, das Ghetto sich erweitert oder den alten Umfang behält, hängt wesentlich ab von jenen objektiven Bedingungen, unter denen die Ostjuden sich wirtschaftlich entwickeln können. In England war es für die ostjüdischen Einwanderer von den ersten Tagen ihres Aufenthaltes an sehr schwer, ja fast unmöglich, in das Bereich englischer Arbeit einzudringen. Die Gründe können und wollen wir hier nicht weiter ausführen. Die Tatsache bleibt bestehen, daß die Ostjuden gezwungen waren, sich eine eigene ökonomische Welt aufzubauen. Die enge örtliche Konzentration erleichterte den wirtschaftlichen Zusammenschluß. Innerhalb des East-End entwickelten sich die speziellen jüdischen Gewerbe, die billige Bekleidungsindustrie, die keineswegs der regulären heimischen Produktion Konkurrenz macht, sie im Gegenteil erweitert. Jeder einwandernde Ostjude hat dadurch Gelegenheit und Möglichkeit, in einer dieser speziellen Industrien rasch Arbeit zu finden. Er sucht ganz selbstverständlich sein Unterkommen in den betreffenden Teilen des East-End. In Berlin besteht die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses der Ostjuden nicht. Sie bestand selbst zu Beginn der Einwanderung nur in geringem Maße. In den ersten Jahren ihrer Entstehung fehlte der ostjüdischen Niederlassung noch jede soziale Differenzierung. Es gab allerdings soziale Unterschiede nach dem Grade jüdischen Wissens und Talmudgelehrsamkeit, aber es gab nur einen Stand, das Händlertum. Selbst wer in der Heimat ein Handwerk betrieben hatte, war hier zunächst Handelsmann. „Der Handel kann immer noch mehr Menschen aufnehmen als die primäre Produktion, und er ist darum das indizierte Gebiet für den Fremden, der gewissermaßen als Supernumerarius in einen Kreis dringt, in dem eigentlich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind."1) A 11 i-^„^!^-i„ ™U A -.i.-A~i.„~^^ AiiffiaiiiiCn auci anuciic mcu um uci öitutvcicu Einwanderung und dem Anwachsen der Siedlung die soziale Form des jüdischen Erwerbslebens. Zwar sollen, wie uns von eingewanderten Ostjuden berichtet wird, die Gewerkschaften den Handwerkern zunächst die Ausübung ihres Berufes außerordentlich erschwert oder ganz unmöglich gemacht haben. Beweise durch aktenmäßiges Material fehlen aber vollkommen für diese angeblich gewerkschaftliche Politik. Sie ist auch schwer glaublich, steht sogar in Widerspruch mit gewerkschaftlichen Tendenzen. Eher ist anzunehmen, daß die Handwerkskammern an die Ausübung des Berufes gewisse Bedingungen über Vorbildung und Prüfung knüpften. Im allgemeinen aber waren die wirtschaftlichen Verhältnisse Berlins schon in den 80er Jahren einem Eindringen der Ostjuden in verschiedene Erwerbszweige günstig. Es bildeten sich — in bescheidenstem Umfange — auch spezielle jüdische Gewerbe heraus. Aber der Ostjude, der deutsch sprach, war nicht angewiesen auf die Arbeitsgelegenheiten, die ihm von Glaubensgenossen und Landsleuten geboten wurden. Ein Faktor von nicht geringer Bedeutung. „Es gibt einen Augenblick im Leben des Einwandernden, wo er Gefahr läuft, ausgebeutet zu werden und auf die Löhne zu drücken, wenn er nämlich fremd und der Sprache unkundig bei Landsleuten Arbeit sucht."2) Die überwiegende Mehrzahl der x) Soziologische Untersuchungen über die Vergesellschaftung von Georg Simmel. Leipzig 1908. 2) Die Ausländer und der Pariser Ärbeitsrnarkt von Dr. Käthe Schirrmaeher. Archiv für Soziaiwiss, XXVII, 1908,