Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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Raum und verlangen gar keine Reparaturen. Viele Zimmer würden überhaupt keine Mieter finden, so primitiv sind sie, wenn nicht das ostjüdische Proletariat sich hier ansiedelte. Trotz ausgeprägter Eigenart unterscheidet * •« IL _3 "^"^ * * * ' ' ' _ _ J 1 * _ * sicn auer uei DCiiiner uneno senr wesemncn von den Ghetti der Haupteinwanderungsländer. East-Side in New-York und East- End in London bilden von den Tagen der ersten Einwanderung bis auf heute das Gebiet der gesamten jüdischen Einwanderung.1) Anders in Berlin. Zwar wohnt der weitaus größte Teil der ostjüdischen Bevölkerung, 80,22 %, in der mittleren Zone, dem Norden und Osten. Unter der männlichen Bevölkerung dieser Gegenden sind 4,73 %, unter der weiblichen 3,34 % ostjüdisch. Diese Zahlen bedeuten auf den ersten Blick eine ziemlich starke räumliche Konzentration. Denn der Anteil der Ostjuden an der Berliner Gesamtbevölkerung ist minimal. Er beträgt unter der männlichen Bevölkerung 0,60 %, unter der weiblichen 0,39 %. Aber es handelt sich hier mehr um ein Bevorzugen bestimmter Stadtteile als um eine Konzentration auf einem abgegrenzten, fest bestimmten territorialen Gebiet. Die Ostjuden verteilen sich über die Mitte bis zur äußersten Peripherie, und im Laufe der Jahre ist die Zerstreuung innerhalb der Stadtteile stärker geworden. In London ist durch die ostiüdische Einwanderungsbevölkerung die einheimische Bevölkerung aus bestimmten Stadtteilen tatsächlich verdrängt worden. Eine Folge der stärker werdenden Einwanderung, die den lebhaftesten Unwillen hervorgerufen hat. In Berlin hat eine Verdrängung unter dem Proteste einheimischer Bewohner aus bestimmten Gegenden trotz zunehmender Ein- J) N. W. Goldstein, New-York: Die Konzentration der jüdischen Einwanderungsbevölkerung in London. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Januar 1909, 5. Jahrg., Heft 1. Wanderung keinesfalls stattgefunden. Hier sucht heute der einwandernde Ostjude nicht nur in den Straßen des Ghetto Wohnung. Er geht auch in die Gegenden, in denen noch wenig oder gar keine Juden wohnen. Ausdrücklich bemerken wir. es handelt sich hier nicht um wohlhabend gewordene Ostjuden, die völlig akklimatisiert nur noch auf Grund statistischer Untersuchungen mit der ostjüdischen Gesamtgruppe in Zusammenhang gebracht werden können. Uns interessiert die Frage, wieso die örtliche Konzentiation der spezifisch ostjüdischen Elemente in Berlin in weitaus schwächerem Grade und sehr viel lückenhafter durchgeführt ist, als z. B. in London und New-York, obwohl die geringere Zahl ein engeres Beisammenwohnen der Gruppe begünstigt. Die Gründe, die ungeachtet der Entstehung und besonderen Gestaltung zu einer örtlichen Zerstreuung der Ostjuden innerhalb der von ihnen bevorzugten Stadtteile geführt haben, sind so mannigfaltiger Art, daß wir hier nur auf einen wesentlichen Punkt näher eingehen können. Überall, wo ein Ghetto entsteht, bildet es sich in jener Gegend, die schon eine starke jüdische Bevölkerung aufweist und in der Nähe der bedeutendsten Institutionen der jüdischen Gemeinde. Man hat die sehr merkwürdige und eigenartige Erscheinung des Ghetto auf die verschiedensten Ursachen zurückgeführt. Das Vorhandensein religiöser Anstalten und Synagogen, die Möglichkeit, in der Nähe koscheres, d. h. nach Vorschrift geschlachtetes Fleisch zu bekommen, die Gewißheit, Glaubensgenossen aus derselben Gegend vorzufinden, diese ideologischen Motive haben sicher auf die bestimmte Art der Niederlassung großen Einfluß gehabt. Ihre Vorherrschaft führte zu Beginn der Einwanderung recht eigentlich zur Entstehung des Ghetto überhaupt. Aber für eine jüngere ostjüdische