Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 — die lebhaft gestikulierenden Männer — meist Galizianer — in den langen schwarzen Röcken. Man kann sie schon vom frühen Morgen an beobachten. „Es ist, als lebten sie auf der Straße." Sicherist ihnen der Aufenthalt auf der Straße Geschäft, Erholung •und Zerstreuung." Sie gehen hierher wie andere in die Börse, ins Cafe oder in das Theater. Die Kinder der Gegend kennen kaum mehr als ihre Straße und den Schulweg. Ein einziger von etwa 20 sieben- bis zehnjähriger Jungen, die in der Grenadierstraße spielten, kannte den Friedrichshain. „Die Tatsache, daß ein 12jähriger Knabe bei einer Abendwanderung staunend die in glühenden Farben untergehende Sonne betrachtete und erregt fragte, was das sei und ferner, daß von 10 Kindern 6 noch niemals eine Windmühle gesehen hatten, beleuchten hinreichend die Verhältnisse, unter denen die jüdische Proletarierjugend aufwächst.1)" Eine Besserung in dieser Beziehung strebt das jüdische Volksheim, von dem noch zu sprechen sein wird, mit großer Energie und Umsicht an. Die Wohnungsverhältnisse in den ausgesprochen jüdischen Straßen unterscheiden sich im allgemeinen nicht sehr von den Wohnungsverhältnissen der einheimischen Bevölkerung dieser Gegend. Die ostjüdische Familie, die schon längere Zeit hier ansässig ist und ihren Unterhalt findet, sieht auf Reinlichkeit und Wohnlichkeit. Im Hirtenviertel sind häufig gerade die von Ostjuden bewohnten Räume ausreichend und gut möbliert. Eine Beobachtung, die uns durch Berichte von Revierbeamten des 15. Polizeireviers bestätigt wird. Sehr viel schlechter aber als die entsprechende einheimische Bevölkerungsschicht lebt — zumal in den ersten Jahren der Einwanderung das •l) Das jüdische Volksheim Berlin, 1, Bericht Mai- Dezember 1916. ostjüdische Proletariat. Das Existenzminimum des ostjüdischen Proletariats ist unendlich niedrig entsprechend den jammervollen Daseinsbedingungen in den Heimatländern. Zu dieser Bedürfnislosigkeit gesellt sich ein o o außerordentlich stark ausgeprägter Spartrieb. Die Berichte der Revierbeamten bemerken mit Erstaunen, daß arbeitswillige und arbeitfindende Ostjuden, selbst wenn sie bei der Einwanderung nichts besaßen, sich verhältnismäßig schnell durch ganz unglaubhafte Bedürfnislosigkeit etwas zusammensparen. Der Besitz von Kapital, sei er noch so klein, gibt dem Ostjuden die Möglichkeit zu handein, Geschäfte zu machen, selbständig zu werden, eröffnet ihm für die Zukunft bessere Lebensbedingungen für sich und besonders für seine Kinder. Für dieses Ziel hungert er und führt ein elendes Leben. Infolgedessen sieht man Behausungen, die, wie der Revierbeamte berichtet, nur betreten werden dürfen mit „einem Schnaps innen und aufgekrempelten Hosen außen." Es herrscht ein unbeschreiblicher Schmutz und eine nicht zu überbietende Armseligkeit. Häufig fehlen die Möbel vollständig. Oft vertreten Eierkisten Tisch und Betten, In einem Zimmer war, wie uns von den Revierbeamten berichtet wird, bis zu IVam altes Zeitungspapier aufgetürmt, in dem die Bewohner schliefen. Ein schmaler Raum im Zimmer war freigelassen. Hier standen alte Konservenbüchsen, die als Kochgeschirr dienten. Durchschnittlich wohnen in einem Zimmer 4 bis 8 Personen, so daß viele Wohnungen übervölkert sind. In den letzten Jahren haben sich aber die Wohnungsververhältnisse etwas gebessert, da die Polizei eine scharfe Kontrolle führt und häufiger zwangsweise eine Reinigung vornehmen läßt. Das ostjüdische Proletariat ist als Mieter den Wirten nicht unwillkommen. Die Ostjuden begnügen sich mit jedem