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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1919-08-01 · Heft 8-12 (August 1919) · p. Seite 140

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
15 (1919)
Issue
Heft 8-12 (August 1919)
Article
Nervöse Folgezustände von Alkohol und Syphilis bei den Juden
Date
1919-08-01
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
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sorgte, daß es bei den früheren Generationen nicht zu einer eigentlichen Sexualnot kam. Die Gegenwart hat diese, die Sittenreinheit in so hohem Grad begünstigenden Verhältnisse von Grund aus geändert. Die Schranken der Abgeschlossenheit sind seit mehr als einem Jahrhundert gefallen, mit ihnen jedoch auch die Gefahren in sexueller "Hinsicht" erheblich gewachsen. Die erschwerten Existenzbedingungen der Jetztzeit machen das Eingehen einer Frühehe fast zur Unmöglichkeit. Die Heirat erfolgt meist in einem Zeitpunkt, wo die sexuelle Frage für den einzelnen das akute Stadium bereits überschritten hat. Daraus ist es auch zu erklären, daß die sexuellen Erkrankungen bei den Juden sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr Eingang verschaffen konnten. Den Weg geebnet hat ihnen zweifellos vor allem die Lockerung der jüdischen Religion, die für die breite jüdische Masse auch in ihren sexual-ethischen Forderungen nicht mehr die bindende Kraft der früheren Dezennien besitzt. Hierzu kam ferner die Abwanderung der Juden vom flachen Land in die Städte, namentlich in die Großstädte, die bekanntermaßen die Hauptansteckungsherde für geschlechtliche Infektionen bilden. Man hat darüber gestritten, ob Geschlechtskrankheiten bei den Juden häufiger oder weniger häufig als bei den Nichtjuden zur Beobachtung kommen. Den Stimmen, die die besondere Häufigkeit der Sexualleiden bei den Juden hervorheben, stehen nicht minder gewichtige gegenüber, die deren relative Seltenheit betonen. Eine einwandfreie Morbiditätsstatistik wird bei dieser Gattung von Krankheiten schwer zu eruieren sein. Sicher ist nur das eine, daß diejenige nervöse" Erkrankung, deren notwendigste Voraussetzung eine früher überstandene Syphilis ist, die Paralyse oder Gehirnerweichung, bei den Juden ungleich häufiger vorkommt. Überall, wo zahlenmäßige Belege vorliegen — in Wien, Frankfurt a. M. und London — weisen sie auf die starke Beteiligung der Juden an der Paralyse hin. Da nun die Behauptung von der starken Verbreitung der Sexualerkrankungen unter den Juden vorerst eine willkürliche, durch keine Tatsache gestützte Annahme ist, und da die Lues nur in einem relativ geringeren Prozentsatz zu Hirnschädigungen führt, muß angesichts der Häufigkeit der Paralyse bei den Westjuden die Frage aufgeworfen werden, worauf denn ihre anscheinend stärkere Reaktionsfähigkeit auf das syphilitische Gift zurückzuführen sei. Zollschan beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf die Erfahrungstatsache, daß die Syphilis in den Ländern, in denen sie zum ersten Male auftritt, viel schwerere Folgeerscheinungen hervorruft, als bei den Völkern, die sie schon seit langem kannten und infolgedessen imstande waren, die nötigen Schutzstoffe gegen sie zu bilden. Da nun die Syphilis bei den Juden in früheren Zeiten fast völlig unbekannt war, und erst seit wenigen Jahrzehnten bei ihnen Boden gewonnen hat, so ist ihre Wirkung unter ihnen demgemäß auch viel verheerender. Aber die Syphilis ist sicher nur eine, wenn auch die notwendigste Vorbedingung zur Entstehung der Paralyse. Die Frage, warum in dem einen Falle die luetische Infektion zur Paralyse führt, in dem anderen nicht, kann erst befriedigend beantwortet werden, wenn wir den oder die anderen Faktoren kennen, die in dem durch Lues geschädigten Gehirn die paralytischen Veränderungen provozieren. Das Suchen nach weiteren Schädlichkeiten ließ zunächst daran denken, ob nicht auch dem Alkohol bei der Genese der Paralyse eine Bedeutung zukomme. Es lag die Vermutung nahe, daß man in der kumulativen Wirkung von mehreren Giften ein den Ausbruch der

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