Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 8-12 (August 1919)
- Article
- Nervöse Folgezustände von Alkohol und Syphilis bei den Juden
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 141 — Paralyse begünstigendes Moment zu erblicken habe. Tatsächlich findet man gar nicht selten, daß in der Vorgeschichte der Paralytiker der Alkohol eine bedeutsame Rolle spielt. Diese Annahme von der Doppelwirkung von Alkohol und Syphilis findet bis zu einem gewissen Grade eine Stütze in dem relativ häufigen Vorkommen dieser Komolikation bei den Juden. Während X das Auftreten alkoholischer Züge bei den psychischen Störungen der Juden immerhin auf seltene Ausnahmen beschränkt bleibt, begegnen wir chronischem Alkoholismus in der Vergangenheit der jüdischen Paralytiker, wie bereits oben angedeutet, gar nicht selten. Es wäre verdienstvoll, unter diesem Gesichtspunkt das einschlägige Kriegsmaterial zu prüfen, um zu ergründen, ob der Abnahme des Alkoholismus während der Kriegsjahre auch ein zahlenmäßiger Rückgang der Paralyse entspricht. Das Ergebnis würde uns die Entscheidung der Frage erleichtern, ob der Alkohol überhaupt neben der Lues in der Ätiologie der Paralyse eine Rolle spielt oder nicht Weiterhin als prädisponierend für die Paralyse gelten die schädigeeden Einflüsse der modernen Kultur, die zu einer intensiveren Inanspruchnahme der nervösen Organe geführt haben. Das Nervensystem der Juden vollends war in dem jahrhundertelangen Daseinskampfe einer solch schweren Belastungsprobe ausgesetzt, daß es nicht Wunder nimmt, wenn wir als Folge dessen einer überall zutage tretenden Neigung zu nervösen Störungen bei ihnen begegnen. Die stete Ungewißheit des Schicksals, die tausendfachen Gefahren für Leben und Eigentum, die daraus resultierenden seelischen Erschütterungen haben bei ihnen jene Verfeinerung des Emofindungslebens erzeugt. 1 <—J ' die sich heutzutage in den so oft beobachteten Stimmungsschwankungen, insbesondere in der Neigung zu Extremen, kundgibt. Auch die Verstandestätigkeit hat durch das Jahrhunderte hindurch emsig betriebene Talmudstudium mit seinen anregenden Diskussionen jene Sublimierung erfahren, deren Ursprung noch bei den Enkelgenerationen vielfach nachweisbar ist. So ist denn das Nervensystem bei den Juden ein locus minoris resistentiaze geworden, der den exogenen Schädlichkeiten eine besonders günstige Angriffsfläche bietet. Daraus mag auch zu erklären sein, warum das syphilitische Gift bei ihnen in so zahlreichen Fällen paralytische Hirnveränderungen bewirkt, während die Paralyse bei den auf ungleich niedrigerer Kulturstufe stehenden Völkern, so bei gewissen Negerstämmen, trotz ihrer starken luetischen Verseuchung kaum jemals zur Beobachtung kommt. Während die Gefahren des Alkoholismus für die jüdische Bevölkerung bis jetzt noch nicht in greifbare Nähe gerückt sind, hat sich, wie ihr Verhalten zur Paralyse zeigt, ihre Assimilation in sexuologischer Hinsicht bereits vollzogen. Von dem Umsichgreifen von Alkohol und Syphilis wird es abhängen, ob ihre Morbiditätsstatistik sich für die Zukunft noch ungünstiger gestaltet, insbesondere, ob sie die biologischen und sozialen Vorteile verlieren, die sie ihrer früheren Mäßigkeit und Enthaltsamkeit zu verdanken haben.