Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 8-12 (August 1919)
- Article
- Nervöse Folgezustände von Alkohol und Syphilis bei den Juden
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
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- 139 — nichts, daß atkoholistische Neigungen in sozial höheren Schichten, namentlich bei den gebildeten Ständen, wie uns die Kriegserfahrungen von neuem lehrten, stark verbreitet sind, und daß Mäßigkeitsbestrebungen seinerzeit nicht zum wenigsten durch das Trinkunwesen in studentischen Zirkeln ausgelöst wurden. Das typische Bild der alkoholistischen Entartung findet sich jedenfalls viel seltener in den Kreisen der sogenannten besseren Gesellschaft, ganz im Gegensatz zu anderen durch Giltwirkung hervorgerufenen nervösen Erkrankungen, wie z. B. beim Morphinismus. So entstammen auch die jüdischen Trinker fast durchweg dem Proletariat. In diesem Zusammenhang könnte man versucht sein anzunehmen, daß das seltene Vorkommen des Alkoholismus bei den Juden mehr aus sozialen Ursachen als aus rassenbiologischen Gründen herzujpjipri cpi. daß dpr Alkoholism 115 der Juden ' 1V"SV" ~~*5 ~ "j somit mehr eine soziale als eine Rassenfrage j darstelle. Dieser Erklärungsversuch ist jedoch j aus mehr als einem Giunde unbefriedigend, j Die verhältnismäßige Seltenheit des Alko- 5 hoiismus wäre im Hinblick auf die soziale j Struktur des jüdischen Volkes, namentlich \ der Ostjuden, die in ihrer überwältigenden Mehrheit der besitzenden Klasse angehören, rätselhaft und unbegreiflich, während die angeborene Abneigung gegen den Genuß ceistiger Getränke im Sinne von Hoope die geringe Zahl der jüdischen Alkoholiker verständlich macht, trotz der starken nervösen Belastung der Juden, die dem Alkoholgift naturgemäß eine denkbar günstige Angriffsfläche bieten könnte. Die Fälle von Alkoholismus bei den Juden unterscheiden sich klinisch, hinsichtlich ihrer Symptomatologie und ihres Verlaufs, in keiner Weise von dem Gros der chronischen Trinker. Wir begegnen hier der gleichen parasitären Lebensführung mit allen Anzeichen des ethischen Verfalls und denselben kriminellen Neigungen, die uns aus den Leidens- und Irrfahrten der nichtjüdischen Alkoholiker geläufig sind. Die Aussicht auf eine Rückkehr zu einem geordneten Lebenswandel und zu dauernder beruflicher Betätigung sind fast in allen Fällen gering. So unterscheidet nichts, rein gar nichts den jüdischen von dem nichtjüdischen Trinker, wenn man nicht von der Möglichkeit eines Zufalls absieht, daß wir bei den ersteren nur in einer Minderzahl in der Aszendenz belastende Momente nachweisen konnten. Häufiger noch findet man den Alkoholismus bei den Juden mit anderen psychischen Störungen vergesellschaftet. Neben den Fällen von Epilepsie, die der Trunksucht ihre Entstehung verdanken, beobachtet man auch in der jüdischen Morbiditätsstatistik beide Krankheitszustände unabhängig voneinander bei ein und demselben Träger, Besonders oft ist in der Vergangenheit der jüdischen Paralytiker Alkoholmißbrauch nachweisbar. Hier sind die alkoholistischen Neigungen nicht Krankheitssymptom; die bedenkliche Vorliebe für den Alkohol geht vielmehr der paralytischen Gehirnerkrankung meist, jahrelang voraus. Vereinzelt begegnet man auch anderen Krankheitsbildern alkoholischer Färbung, die mit der chronischen Trunksucht nur in einem sehr losen Zusammenhang stehen. In einem gewissen Gegensatz zu den immerhin selten beobachteten nervösen Störungen durch Trunksucht steht das häufige Vorkommen seelischer Erkrankungen bei den Juden infolge von Syphilis. In den vergangenen Zeiten gehörten venerische Krankheiten bei ihnen zu den großen Seltenheiten. Die Riegel des Ghettos verschlossen auch gleichzeitig die trübe Quelle geschlechtlicher Ansteckung. Dazu kam die aus religiösen Gründen gebotene Frühehe, die dafür