Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 8-12 (August 1919)
- Article
- Nervöse Folgezustände von Alkohol und Syphilis bei den Juden
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2650397-3187763-3187767-3194438--4983-3194475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 138 — wird daraus? Noah dagegen hub an: süß ist die Frucht des Weinstocks; aus den Beeren wird Wein gepreßt, der das Menschen Herz erfreut. Sprach der Satan: wir wollen beide zusammen an dem Weinberg bauen. Noah erwiderte: wohlan! Was tat aber der Satan? Er brachte ein Schaf, einen Löwen, einen Affen und ein Schwein und schiachtete sie unter dem Weinstock, so daß das Blut der Tiere in den Weingarten rann und ihn tränkte. Damit wollte der Satan folgendes bedeuten: Ehe der Mensch Wein getrunken hat, gleicht er dem frommen Lamm, daß von nichts weiß, und dem Schaf, das stumm steht vor seinem Scherer. — Hat er aber von ihm getrunken, so wird er stark und mutig wie ein Löwe. — Hat er mehr getrunken, wird er berauscht, springt und tanzt albern umher wie ein Affe, redet Unflat und weiß nicht, was er tut. Und zuletzt, wenn der Mensch viel des Weines getrunken hat, besudelt er seine Kleider und gleicht einem Schwein, daß in der Pfütze lagert. Dies alles trug sich zu mit Noah, den Gott als einen Gerechten rühmt. Um wieviel mehr kann es den anderen so ergehen! — Über den Grad der Trunkenheit ergehen sich die Talmudisten in feinsinnige Diskussionen: Angetrunken nennt man denjenigen, der im Gegensatz zu dem Betrunkenen noch vor dem König sprechen kann. Diese Nuancierung hatte jedoch nur in religiöser Hinsicht Konsequenzen. — Aus dem Zeitalter des Ghettos hören wir verhältnismäßig wenig über alkoholistische Neigungen bei den Juden, obwohl gerade in diesen Zeiten der Bedrängnis der Alkohol ihnen hätte mit Recht als Sorgenbrecher dienen können. Erst seit wenigen Jahrzehnten, seitdem sich mehr und mehr die Anschauung durchgesetzt hat, daß die Trunksucht weniger vom ethischen als vom psychopathologischen Gesichtspunkt zu bewerten sei, richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die seltenen Fälle alkoholistischer Ausschreitungen bei den Juden. Die moderne Irrenstatistik hat den Nachweis erbracht, daß die Juden an allen Formen von Geistesstörung prozentual stärker beteiligt sind, daß nur ihr Anteil an den durch das Alkoholgift verursachten psychischen Erkrankungen und an der Epilepsie wesentlich geringer ist als bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Während beispielsweise hier in Frankfurt der Prozentsatz der Alkoholiker unter den Irren in dem ersten Dezennium dieses Jahrhunderts in manchen Jahren bis zu 45 stieg, betrug der Anteil der Juden an den alkoholischen psychischen Störungen etwa 1,5 vom Hundert. Andernorts liegen die Verhältniszahlen für die Juden weniger günstig, undes mehren sich die Anzeichen dafür, daß hier assimilatorische Tendenzen walten. In der Irrenanstalt der Stadt Berlin in Dalldorf befanden sich 1905 unter den nichtjüdischen Insassen 38% Trinker, dagegen wurde unter den Kranken jüdischer Provenienz in 8,3% der Fälle Alkoholismus festgestellt, also in einer immerhin nicht unbeträchtlichen Zahl, woraus Hoppe auf die zunehmende Alkoholisierung der großstädtischen Juden schließen zu können glaubt. Noch deutlicher weisen die Verhältnisse auf einen Ausgleich in dieser Richtung in der notorischen Bierstadt München hin: Den 12—16% abstinenten Jugendlichen, die Hecker unter 5080 Schülern und Schülerinnen von vier Volks- und Mittelschulen im Jahre 1906 zählte, stehen nur 20% Juden gegenüber, die sich des Genusses von Alkohol enthielten. Der Alkoholismus ist eine Erkrankung niederer Kulturkreise, wenn man unter Alkoholismus die Summe aller jener osvchi- J A *J sehen Veränderungen versteht, die durch chronischen Alkoholmißbrauch hervorgerufen werden. Daran ändert auch die Tatsache