Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 8-12 (August 1919)
- Article
- Nervöse Folgezustände von Alkohol und Syphilis bei den Juden
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 137 (sequence 1)
- Language
- German
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nervöse FolgezustQnde von Alkohol und Syphilis bei den Juden. Von Dr. Max Sichel, Frankfurt a. M. In weiten Kreisen herrscht die Anschauung. o3 daß die Zähigkeit der jüdischen Rasse in erster Linie ihrer Mäßigkeit und Enthaltsamkeit zu verdanken sei. Tatsächlich hörte man bis vor kurzern bei den Juden kaum jemals von Trunksucht, und der jüdische Trinker galt — bis vor wenigen Jahrzehnten — als eine extreme Seltenheit. Es erscheint dies um so merkwürdiger, als der Wein im alten Israel zu den begehrenswertesten Gütern zählte, so daß in den Mahnworten und Strafreden der Propheten als Lohn für die Treue gegen Gott immer wieder der Besitz von Feldern und Weinbergen verheißen wird. Manche glauben, daß die Seltenheit des Alkoholismus unter den Juden mehr sozialen Ursachen als dem Einfluß der Rasse zuzuschreiben sei. Nach Hoppe hingegen stellt sich die Mäßigkeit der Juden dar als eine durch unendlich zahlreiche Generationen hindurch geübte Gewohnheit wahrscheinlich religiösen Ursprungs, die schließlich zu einer Art inhärenter Eigenschaft, zu einem angeborenen Widerwillen gegen Unmäßigkeit geworden ist. Diese Rasseneigenschaft ist jedoch nicht untilgbar. — Ebenso wie sie durch Gewohnheit entstanden ist, kann sie durch allmähliche Gewöhnung an das Trinken wieder verloren gehen. Mit dem Heraustreten der Juden aus ihrer Abgeschlossenheit nahmen sie auch im steigenden Maße an den Trinksitten ihrer Umgebung teil. Ihre alte Mäßigkeit, ihre Immunität gegen den Alkoholismus ist langsam im Schwinden begriffen. Falls die allgemeine Bewegung gegen den Alkoholmißbrauch dem keinen Einhalt tut, ist die Zeit schon voraus zu sehen, wo sie, in bezug auf den Alkoholismus, sich nicht mehr von ihrer Umgebung unterscheiden, wenn auch darüber noch einige Generationen dahin gehen mögen. Fishberg in New-York konstatierte eine allmähliche Anpassung, besonders der jüngeren Generation unter den Einwanderern," an die Trinksitten der Nichtjuden, Wenn somit auch die Gefahr des Alkoholismus für eine Gemeinschaft, die bisher im Rufe sprichwörtlicher Mäßigkeit stand, anscheinend in drohende Nähe rückt, so bleiben doch die Unterschiede, wenn man die Statistik zu Worte kommen läßt, noch so gewaltig, daß ernstliche Befürchtungen in dieser Hinsicht zum mindesten verfrüht sind. Der Hinweis auf den zunehmenden Alkoholmißbrauch der Juden der Gegenwart ignoriert eigentlich völlig die Tatsache, daß es auch im altjüdischen Staat bereits eine Alkoholfrage gegeben hat, mag ihr auch nicht die gleiche Bedeutung zugekommen sein wie in unseren Tagen. Das 5. Buch Moses gedenkt bereits in einer drakonischen Strafbestimmung des Schlemmers und Säufers, der mit einem, unserem Empfinden fremden Maßstab gemessen und im Falle der Unverbesserlichkeit mit dem Tode bedroht wird. In den Nasiräern und Rehabiten dürften wir Vorläufer unserer modernen Abstinenzbewegung zu erblicken haben, deren Mäßigkeitshpitrphnno-pti allprHincrs m^hr rplicrinspri —" — * ~ o* ■- 'v.-« - —o------ Beweggründen entsprangen und nicht als Gegengewicht gegen die Auswüchse des Alkoholismus dienen sollten. Die Wirkungen des Alkohols waren bereits in altersgrauen Zeiten bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie folgendes, dem Midrasch Tanchuma entnommenes Gleichnis lehrt: Noah war der erste, der einen Weinberg pflanzte; da kam der Satan und sprach: was pflanzest du hier? Noah erwiderte: ein Weinberg ist's, den ich oflanze. Da fragte der Satan: was