Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1919)
- Article
- Die Mortalitätsstatistik der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 2)
- Language
- German
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17 — a. Sterblichkeit an Lungenschwindsucht, b. Sterblichkeit an Krebs, c. Sterblichkeit an Darmkatarrh, Brechdurchfall, Magen- und Darmentzündung, a. b. c. Jahr evgl. kath. * i*5 H JUUi überh. evgl. kath. jüd. überh. evgl. kath. jüd. überh. 1911 10,67 13,74 4,58 10,77 7,20 6,55 13,99 7.43 8,08 9,28 2,41 8,00 1912 11,35 15,97 7,15 17,06 7,83 7,01 10,09 7,86 5,29 8,45 11,15 5,17 1913 11,25 15,97 6,27 11,58 8,45 7,86 12,46 8,03 5^05 6,48 1,09 5,07 1914 11,09 14,79 7,04 11,33 8,26 7,01 12,55 8,37 5,25 6,44 1,78 5,49 Die Sterblichkeit an diesen Krankheiten ist bei den einzelnen Konfessionen auf die Gesamtsterblichkeit bezogen. Es ergibt sich aus den Zahlen die relativ geringe Sterblichkeit der Juden an Darmkatarrhen und Tuberkulose, die hohe an Krebs. Wie ist dies zu erklären? G uradze weist mit Recht darauf hin, daß bei der Sterblichkeit an Magen- und Darmkatarrhen vor allem die Sommersterblichkeit der Säuglinge beteiligt, ja für dieselbe ausschlagebend ist Da aber die Kinderzahl der Juden infolge der geringen Geburtenziffern eine geringe ist (1914 in Berlin bei der evangelischen Bevölkerung 17,55%o,bei der katholischen 24,48%,, bei der jüdischen 15/84%o,) so ist dementsprechend auch die Säuglingssterblichkeit eine geringere und kann die Gesamtsterblichkeit an Magen- und Darmkatarrh nicht sonderlich beeinflussen. Je geringer die Kinderzahl in einer Familie ist, um so größer das Maß von Pflege, das den einj zeinen zu teil werden kann, die also unj bestrittenermassen bei den Juden auch in j dtn ärmsten Familien eine sehr intensive ist, was sich vor allem in der ausgedehnten und raschen Inansoruchnahme der ärztlichen X Hilfe zu. erkennen giebt. Was die geringe Sterblichkeit der Juden an Tuberkulose anbelangt, so darf man diese nicht, wie es Eisenstädt tut, dem geringen Alkoholgenuß der Juden zurechnen, abgesehen davon,, daß nach Ort h der Alkohol durchaus nicht in der Weise der Tuberku- , lose Vorschub leistet, wie dies bisher angenommen wurde, noch weniger der Beobachtung der rituellen Speisegesetze, die ja nur noch von einem relativ geringen Teil der Juden beobachtet werden; vielmehr läßt sich das relativ geringe Befall er. werden der Juden von der Tuberkulose ungezwungen dadurch erklären, daß sie in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Struktur sich weit von dem Industrieproletariat entfernen. Letzteres aber welches unter ungünstigen gewerblichen Arbeitsbedingungen lebt, (Einatmung von Staub, Dünsten, Arbeiten mit Giften, überlange Arbeitszeit, schlechte Wohnungsverhältnisse, ungenügende Ernährung, Excesse)? ist es, das vorwiegend von der Tuberkulose befallen wird. Würden die Juden unter derartig ungünstigen Arbeitsverhältnissen zu leben gezwungen sein, wie das Industrieproletariat, so würden sie m. E. nicht weniger, sondern in Anbetracht ihrer durchweg schwächeren physischen Verhältnisse noch mehr von der Tuberkulose befallen werden,- als ihre christliche Mitbevölkerung. Die relative „Immunität" der Juden gegenüber der Tuberkulose beruht demnach nicht auf ethnischen, sondern auf sozialen und wirtschaftlichen Ursachen, nämlich darin, daß die Juden vorwiegend Handel treiben und sich den freien Berufen widmen, mit der Industrie aber nicht als Arbeitnehmer, sondern hauptsächlich als Arbeitgeber in Beziehung stehen, außerdem in Deutschland wenigstens durchweg in viel günstigeren wirtschaftlichen