Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1919)
- Article
- Erwerbstätigkeit und Berufswahl der jüdischen Frau
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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- 8 Es gilt überhaupt und von allen Seiten J her zu erkennen, daß die Berufsarbeit der Frau als eine Dauereinrichtung in unsere wirtschaftspolitische und sozialpädagogische Bilanz einzusetzen ist und sich demgemäß zu verhalten. Das ist bis jetzt keineswegs der Fall. Viele Eltern erblicken nach wie vor in der Berufsübung der Töchter ein trauriges Muß, das sie nur als Zwischenstadt um zwischen Elternhaus und Ehe gelten lassen möchten. Nach dieser Bewertung des Berufes wird die Vorbildung eingerichtet, Die Leistung im Beruf ist dann auch danach und gerade die Zustände innerhalb des Handelsgewerbes lassen die Folgeerscheinungen dieser zu einer mangelhaften Vorbildung veranlassenden oder auf ihr beruhenden Auffassung des Berufes deutlich hervortreten. Erinnern wir uns, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Weiblichen zu selbständigen oder leitenden Stellungen gelangten und daß ein großer Teil dieser sogenannten „Selbständigen" Inhaberinnen von Allein- oder Zwergbetrieben sind, während die gleichgeordneten jüdischen Männer unter den Großindustrieellen und Großkaufleuten zu suchen sind. In einer großen Zahl von Fällen ist die mangelnde Vorbildung und der Mangel an beruflichem Interesse für die Sachlage verantwortlich zu machen. Das muß künftig anders werden. Bleibt auch nach wie vor die Ehe und die Mutterschaft wie der natürliche so auch der höchste Beruf des Weibes, so waren die Verhältnisse schon vor dem Kriege und erst recht seitdem so beschaffen, daß kluge und umsichtige Eltern die Ehe als das Mögliche und Wünschbare, den Beruf als das Unerläßliche und auch durch die Ehe nicht absolut Beendete ansehen mußten. So ist mehr denn je eine sorgliche Berufsberatung, Berufswahl und berufliche Vorbildung geboten. Sehen wir uns zum Beweise die bereits von uns mitgeteilten Zahlen noch einmal in etwas anderer Grupppieruiig an Im Handelsgewerbe finden wir im Jahre 1907 51,81% aller jüdischen Weiblichen, in der Industrie 27,73%, zusammen 79,54%. Von diesen 79,54% waren in untergeordneten Stellungen 60,9;^ und nur 16 741 39,10%' selbständig. Bei den Männern dieser beiden Berufszweige, die 90,43 %'aller erwerbstätigen männlichen Juden umfassen, finden wir 60 776 von 165 849, das sind 55,3 unter den Selbständigen. Soll also künftig der kaufmännische Beruf und die Industrie für die weiblichen Berufstätigen aus einem Unterschlupf oder einer kümmerlichen Brotversorgung zu einer lebenfüllenden und befriedigenden Aufgabe werden, so muß das Bestreben auf eine der männlichen gleichwertige Ausbildung gehen, die es den Frauen ermöglicht, in die höheren und selbständigen Berufsabteilungen hineinzuwachsen. Es darf nicht verkannt werden, daß damit eine unter den heutigen Verhältnissen besonders schwierige Forderung gestellt wird. Die Söhne und Ernährer stehen im Feld. Die Preise der Lebensmittel und aller anderen lebensnotwendigen Gebrauchsgüter haben eine unerschwingliche Höhe erreicht. Da wird jeder Pfennig zur Fristung des Lebens gebraucht und jeder Pfennig ist heiß begehrt. , Auf der arideren Seite lockt der hohe Verdienst für bloße Handlangerdienste und ungelernte Arbeit, während die gründliche und oft mühsame Berufsvorbereitung nichts oder wenig einbringt und machmal selbst Geld kostet. Da erliegen viele der Versuchung und opfern dem sofortigen guten Verdienst die Zukunftshoffnung ihrer Töchter. Dagegen muß angekämpft werden,