Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1919-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1919) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
15 (1919)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1919)
Article
Erwerbstätigkeit und Berufswahl der jüdischen Frau
Date
1919-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2650397-3187763-3187764-3194264--4810-3194285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

den Ausweisen der Pflichtkrankenkassen mehr als die Hälfte, Die Frauenarbeit ist zum Grund- und Eckstein der Aufrechter- . haltung unseres Wirtschaftslebens geworden. Das wird sich in gewissem Sinne ändern, sobald die Männer aus dem Kriege zurückkehren. Trotzdem wird die Anteilnahme der Frauen an der Erwerbsarbeit niemals wieder auf ihren früheren Stand zurückkehren. Die Gründe dafür sind auch so oft gewürdigt, daß ein zusammenfassender Hinweis genügen mag.*) Millionen im kräftigsten und arbeitstüchtigen Alter stehende Männer hat der Krieg dahingerafft. Hunderttausende, wenn nicht Millionen werden als Kriegsbeschädigte in die Heimat zurückkehren. So wird es an Arbeitskräften fehlen, und wird umso mehr fehlen, je ärmer an Gebrauchsgütern und Tauschwaren unser Land im Laufe dieses entsetzlichen Geschehens geworden ist und immer mehr wird. Nicht nur eine stolze Kultur sank in Trümmer, nicht nur die Hoffnung unserer Zukunft ist vernichtet. Auch des Lebens blanke Notdurft ist uns nicht mehr eigen. Straßen und Verkehrswege und Werkzeuge, Häuser und Geräte, Wäsche und Kleidung, alles befindet sich im Zustande des Verfalles und der Auflösung. So wird es eines Tages der äußersten Anspannung aller irgend verfügbaren Arbeitskräfte bedürfen, um das Haus unseres Vaterlandes neu aufzubauen, es wieder wohnlich einzurichten, damit es unseren Kindern und Kindeskindern wieder eine Heimat werden könne. Alle Kräfte müssen heran. So auch die Frauen, die zur Last der Mutterschaft und des Hausmuttertunis auch die der Erwerbsfron weiter tragen müssen. Um des Vaterlandes, aber auch um ihrer selbst willen. *) Vgl. auch Fürth, Die deutschen Frauen im Kriege- Tübingen 1917. Der Krieg hat die Güter vernichtet und die Menschen. Damit aber auch für Millionen von Frauen das Hoffen auf Weibes- und Mutterglück, oder im Falle des Witwentums, den Schützer und Ernährer. So tritt auch von dieser Seite Pflicht und Zwang zur Erwerbsarbeit an das weibliche Geschlecht heran. Heran in den weiteren Fällen, in denen dem Kriegsbeschädigten eine Ehe nur unter der Voraussetzung möglich wird, daß die Frau an seiner Statt die Hauptlast des Erwerbes und der Sorge für die Familie auf sich nimmt. Aus allen diesen Gründen wird die erwerbstätige Frau nicht mehr vom Arbeitsmarkt verschwinden. So müssen die .Konsequenzen gezogen und es muß künftighin die Frage der Berufeswahl der Töchter für sorgende Eltern ganz ebenso ein Gegenstand reiflicher Erwägung sein, wie die der Söhne. Für uns Juden ist diese Erkenntnis von einer Nebenerwägung begleitet. Für die Allgemeinbevölkerung regelt sich die Frage der Berufswahl nach der Neigung und Eignung der Einzelnen. Hinzu kommt die Frage, wie weit in dem einen oder anderen Falle aus persönlichen Gründen die Mittel und Möglichkeiten der beruflichen Schulung vorhanden sind. Bei uns Juden muß sich dann die Erwägung hinzugesellen, welche Berufszweige dem Juden ohne weiteres zugänglich, welche erschwert oder ganz für ihn verschlossen sind, denn einstweilen steht das stolze Wort von der freien Bahn für den Tüchtigen für uns Juden nur auf dem Papier. So müssen wir, ohne die allgemeinen Kriterien der Berufswahl außer acht zu lassen, uns darüber hinaus mit den nur für uns zuständigen Einschränkungen von Fall zu Fall dahin auseinandersetzen, welche Berufe aus sozialen, wirtschaftlichen und auch taktischen Gründen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.